28. Jahrgang | Nummer 14 | 18. August 2025

Ach, Nathan

von Henryk Goldberg

Ich schreibe das hier am Donnerstag, dem 14. August, und suche die neuesten Nachrichten zu Israel. Und lese, dass der rechtsextreme Finanzminister plant, den Bau weiterer 3400 Siedlungshäuser im Westjordanland zu genehmigen. Die dort bereits vorhandenen Siedlungen mit etwa 700.000 Einwohnern sind nach internationalem Recht völkerrechtswidrig. Der Mann wird mit den Worten zitiert, dieser Schritt „begräbt die Idee eines palästinensischen Staates“. Das war vermutlich gar nicht notwendig, denn mit über 60.000 toten Palästinensern ist die Idee, dass hier Menschen friedlich wenn nicht mit- so doch nebeneinander leben könnten, auf absehbare Zeit begraben. Und die Idee, dass die einzige Demokratie in der Region, dass also Israel der Staat ist, dessen Handeln am Ende von einem moralischen Wert geleitet wird, auch.

Dabei, dieser moralische Wert, abgeleitet aus einer leidvollen, singulären Geschichte der Juden, ist es, die das Diktum hervorbrachte, Israels Sicherheit sei Deutschlands Staatsräson. Und, denke ich, die Entscheidung des Kanzlers, vorerst keine deutschen Waffen zu liefern, die in Gaza eingesetzt werden könnten, diese Entscheidung bewahrt dem Satz von der deutschen Staatsräson seine moralische Integrität, seine Ernsthaftigkeit. Denn diese Staatsräson, die aus deutscher Geschichte resultierende Verpflichtung kann nicht bedeuten, dass Deutschland verpflichtet ist, durch seine Waffen an diesem Kriegsverbrechen teilzuhaben. Kann nicht bedeuten, dass dieses Deutschland, in dem und von dem einst Juden ermordet wurden, nun dabei hilft, Palästinenser zu ermorden.

Es fällt mir schwer, das so zu denken, noch mehr, es zu schreiben. Denn das sind doch irgendwie, jenseits aller Religiosität, die mir fehlt, auch meine Leute, das ist doch das Land, das mir, und nicht nur aus theoretischen Erwägungen, das sympathischste, das nächste ist in dieser Region. Das ist doch das Land, das existiert, damit Juden wie meinem Vater nie mehr die Familie ermordet wird.

Das ist aber auch das Land, dem am 7. Oktober 2023 genau das geschah, das Land, das von der Verbrecherbande Hamas daran erinnert wurde, was der Holocaust war: die systematische, von aller Individualität absehende Ermordung von Menschen nur auf Grund ihrer Jüdischkeit. Und das daraus die Legitimation, das moralische Recht bezieht, sich ebenso zu verhalten? Wie ein System, dem der Respekt vor dem Menschen abhandenkam?

Der viel zitierte Satz aus dem Buch Exodus, „Auge um Auge, Zahn um Zahn“, wird meist gelesen als alttestamentarischer Ruf zur Vergeltung, zur Rache. Im Eigentlichen aber mahnt er die Angemessenheit, die Verhältnismäßigkeit der Strafe, der Rache an. Verhältnismäßigkeit: über 60.000 für etwa 1200?
So denkend, und zunehmend so denkend, finde ich mich an der Seite von Leuten, die ich verabscheue, in deren Nähe mir übel wird. Aber ich kann es nicht ändern.

In Lessings „Nathan der Weise“ sagt der christliche Patriarch „Tut nichts! Der Jude wird verbrannt.“ Was ungefähr meint, die Fakten, Schuld oder Unschuld sind gleich, schließlich, es ist der Jude, das reicht.
Manchmal ist mir, als wäre es jetzt wieder so, nur dass es der Palästinenser ist. Und niemand ist weise.