21. Jahrgang | Nummer 16 | 30. Juli 2018

Spanische Impressionen – Salamanca

von Alfons Markuske

Zig-Millionen Menschen rund um den Globus waren vermutlich noch nie in Salamanca und haben auch nicht vor, dies je zu tun. Trotzdem ist ihnen der Name Salamanca ein Begriff – dank Breaking Bad. Denn einer der einprägsamsten und fiesesten Vögel dieser Kultserie heißt ausgerechnet Hecor – Salamanca.
Doch nie seinen Fuß zumindest in den historischen Teil der spanischen Stadt gesetzt zu haben, ist mindestens so eine Bildungslücke, wie seine Tage ohne Breaking Bad zu fristen.
Die Altstadt von Salamanca liegt, was nach unseren Stationen Cuenca, Segovia und Ávila nicht mehr wirklich verwundert, auf einer – Anhöhe.
Und das Erscheinungsbild wird beherrscht von einer – Kathedrale.
Letztere ist aber nicht nur um einiges größer, als die bisher von uns gesehenen, sondern sie weist zugleich eine singuläre Eigentümlichkeit auf: Als Anfang des 16. Jahrhunderts neben der Einwohnerschaft auch bereits etwa 5000 Studenten dauerhaft die Stadt bevölkerten und offenbar so mancher dem Gottesdienste unter dem Vorwand fernblieb „Geht ja eh kein Appel zu Boden in Santa María de la Sede!“, der alten, von 1170 bis 1230 erbauten vergleichsweise bescheidenen Kathedrale, beschloss die Obrigkeit den Bau einer neuen, sehr viel größeren – Asunción de la Virgen. Die Bauarbeiten begannen 1513 und zogen sich dann 200 Jahre hin. Wahrscheinlich auch deswegen wurde die alte zwar einigen Interieurs zugunsten des Neubaus beraubt, etwa ihrer Orgel (vor einiger Zeit mit Unterstützung des japanischen Kaiserhauses restauriert), aber nicht abgerissen, und so stehen beide seither Mauer an Mauer. Was einen Gesamtkomplex von besonders einschüchternder Wucht ergibt …
Wenn man, wie wir, bei mehr oder weniger strömendem Regen in Salamanca einreitet und El tiempo, der spanische Internet-Wetterdienst, für die Dauer des geplanten Aufenthaltes nicht wirklich Besserung in Aussicht stellt, dann ist man mit Zimmer 310 im Parador der Stadt, gelegen auf einem Hügel vis-à-vis der Kathedralen, bestens bedient: Ein Panoramafenster über die gesamte Breite der großzügig dimensionierten Unterkunft gewährt, sobald der Himmel aufreißt, zumindest einen malerischen Blick auf das Ensemble.
Da dem spanischen Wetterdienst jedoch nicht mehr Zuverlässigkeit eigen ist als dem deutschen, gelangen wir während unseres Aufenthaltes doch ins historische Zentrum und, hier wird etwas vorgegriffen, zur besseren Rundsicht auf das Dach der alten Kathedrale. Von dort aus gesehen präsentiert der Parador sich in seiner ganzen Größe und – in einer so ausgesuchten Hässlichkeit, dass ihm den Charme eines Parkhauses, an das seine Architektur entfernt erinnert, zu konzedieren, schon zuviel des Guten wäre. Die Ausstattung allerdings ist gottseidank im Großen und Ganzen OK.
Von unserer Unterkunft in die Altstadt passieren wir ein steinernes Bauwerk, das den Rio Tormes, im Wortsinne, überbrückt. Das stammt – sage und schreibe – aus dem ersten Jahrhundert nach Christus und ist, nach dem Aqädukt von Segovia, eine erneute Manifestation der offenbar inhärenten Intention römischer Bauleute: für die Ewigkeit! Denn immerhin 15 der auf robusten Pfeilern ruhenden 26 Rundbögen der knapp 180 Meter langen Brücke stehen seit nunmehr 2000 Jahren. (Die anderen allerdings sind durch die Zeitläufte immer mal wieder besonders reißenden Hochwässern zum Opfer gefallen.) Ursprünglich gehörte das Bauwerk zur gepflasterten römischen Staatsstraße Via de la Plata von Hispalis (heute Sevilla) nach Asturica Augusta (heute Astorga). Bis Anfang des vergangenen Jahrhunderts bewältigte es noch einen großen Teil des Zugangsverkehrs zur Stadt. Heute queren nur noch Fußgänger die Brücke.
An deren altstädtischem Ende wenden wir uns nach rechts und erreichen nach wenigen Minuten die Casa Lis, das einzige erhaltene Jugendstilgebäude Salamancas aus dem Jahre 1905. Es beherbert ein Museum für die kunsthistorische Stilperiode gleichen Namens und der wenig später folgenden Art déco-Zeit. Beide Künste haben neben unendlichen Mengen an Talmi und schwülstigem Kitsch, wofür das Museum Beispiele in Fülle liefert, bekanntlich auch hinreichend Faszinierendes hervorgebracht. Solche Stücke dort zu entdecken, lohnt den Rundgang für den Liebhaber von Jungendstil und Art déco allemal.
Das Museum liegt in unmittelbarer Nachbarschaft zum Kathedralen-Duo, dessen Kunst- und Devotionalienfülle nur einigermaßen beschreiben zu wollen, den Rahmen dieses Beitrages sprengen würde. Allerdings bietet das legendenreiche Spanien auch an dieser Stelle ein Highlight, das denn doch besonders hervorgehoben werden soll: In der Kathedrale Asunción de la Virgen befindet sich, aus dem 11. Jahrhundert stammend, das älteste, nur weniger als einen Meter hohe romanisches Kruzifix des Landes. Sein schlichter Christus vom romanischen Viernageltypus – erst mit der Gotik löste der durch beide Füße mit nur einem Nagel fixierten Heiland diese Darstellung ab – verschwindet fast in dem barocken Pomp der ihm gewidmeten Kapelle.
Mit diesem Kruzifix soll Rodrigo Díaz de Vivar in seine siegreichen Schlachten geritten sein. Den nannten seine maurischen Gegner al-sayyid, den Anführer, woraus bei den offenbar wenig polyglotten Spaniern jener Zeit El Cid wurde. Heute firmiert das Kruzifix seiner kriegerischen Geschichte wegen als Cristo de las Batallas, Christus der Schlachten – zwar der im fünften Gebot der Bergpredigt überlieferten Intention des Gekreuzigten diametral widersprechend, dafür aber in umso passgerechterer Koinzidenz mit dem Agieren der katholischen Amtskirche, seit Augustinus von Hippo, ein nachmaliger Heiliger, versteht sich, und der frühchristliche Kirchenlehrer schlechthin, im vierten Jahrhundert den gerechten Krieg erfunden und seine Religion damit endgültig herrschaftskompatibel gemacht hatte. Charlton Heston, pardon, der spielte den legendären Schlagetot ja nur (an der Seite der göttlichen Sophia Loren) in dem Hollywoodschinken „El Cid“ von 1961, also wohl doch Rodrigo selbst soll das Kruzifix seinem Waffenbruder Jeronimo geschenkt haben, einem nachmaligen Bischof von Salamanca.
Unter den zahlreichen weiteren Sehenswürdigkeiten des alten Salamanca, die uns in ihren Bann schlagen, hat die historische Universität eine ganz besondere Ausstrahlung. 1218 als estudio general von Alfonso IX., König von Leon – der trug den Beinamen El Baboso (der Sabberer), weil er bei Wutanfällen häufig Schaum vor der Gusche gehabt haben soll –, gegründet, nahm sie ihren Lehrbetrieb zunächst im Kreuzgang der alten Kathedrale auf. 1254 wurden zwölf neue Lehrstühle eingerichtet, worauf Papst Alexander IV. die Lehrstätte zur Universität erhob – zur europaweit erst vierten überhaupt, nach Bologna (1114), Paris (1174) und Oxford (1214). Sie ist die einzige, deren ab 1415 errichtete zweigeschossige Escuelas Mayores (Hauptgebäude) relativ vollständig auf uns gekommen sind.
Vor deren prachtvoller Hauptfassade versinken wir in durchaus andachtsähnliche Kontemplation. In einem der Bildfelder bleibt der Blick an einem Totenkopf hängen, auf dessen Hirnschale eine Kröte thront. Zu interpretieren, was dieses Symbol, das in der Ikonographie der Zeit für Unzucht, aber auch für Vergänglichkeit und Verwandlung stand, an dieser Stelle bedeuten mag, bleibt dem Betrachter überlassen. Sinnt der in den späten Nachmittagsstunden darüber nach, färbt die sich senkende Sonne den Salmatiner Stein in schönstes Rot.
Im Inneren präsentieren uns die Escuelas Mayores neben einer Reihe von historischen Hörsälen und Aulen insbesondere die alte Bibliothek der Universität. Dieses Ensemble aus hohen, vielreihigen hölzernen Bücherregalen mit in halber Höhe umlaufender Galerie sowie mit geschnitzten Accessoires und Aufsätzen samt der darin aufbewahrten zig-tausenden von historischen Büchern ist – hier spricht zugegebenermaßen un aficionado (ein Liebhaber) – atemberaubend. Auch wenn man den Duft jahrhundertealten Papiers hier weder zu riechen noch zu schmecken vermag, denn ein hermetisch dichter Glaskasten verwehrt zwar nicht den Blick, aber jeden weiteren „Zugriff“.
Die Universität ist im Übrigen auch heutigen Tages bei Spaniern und anderer Herren Länder Kinder überaus beliebt: Den lediglich 150.000 Einwohnern der Stadt gesellen sich permanent 40.000 Studenten hinzu. Deren Lebensart sowie Aktivitäten prägen denn auch das Straßenbild in den Gassen der Altstadt. Doch auch die Einheimischen tragen ihren Teil dazu bei. Als wir an einem Samstagnachmittag in der touristischen Vorsaison auf die Plaza Mayor, den zentralen Platz Salamancas, stoßen, sind dort die meisten der zahlreichen Straßenrestaurants und -cafés von beiden Bevölkerungsgruppen – einige Reisende wie wir mögen auch darunter sein – in friedlicher Mischung belegt, und die Atmosphäre lässt sich am besten mit der Berliner Redensart beschreiben: „Da steppt der Bär!“
Die Plaza, komplett umfriedet von einem einheitlichen dreigeschossigen Gebäudeensemble aus dem 18. Jahrhundert, gilt manchen als der schönste Platz Spaniens, und wer sich auf demselben befindet, wird schwerlich widersprechen wollen. Dieses Geschenk des Franzosen Philip V. an Salamanca, weil die Stadt im seinerzeitigen spanischen Erbfolgestreit die Partei der Bourbonen ergriffen hatte, darf als ein bleibend höchst gelungenes gelten.
Beim Rückmarsch über die Römerbrücke „grasen“ Störche die Uferbereiche des Rio Tormes ab.
Denen sind wir während unsrer Reise so zahlreich – und in den Stadtbildern so offenbar gern nicht nur geduldet, sondern mit Nisthilfen offensiv willkommen geheißen – begegnet, dass wir uns eigentlich nur noch fragen, warum es la cigüeña común, der Weißstorch, eigentlich nicht bis zum Wappentier Spaniens geschafft hat.

Nachsatz: Während des durch seinen Staatsstreich von 1936 gegen die spanische Republik ausgelösten Bürgerkrieges nahm der Faschistenführer Franco sein militärisches Hauptquartier in Salamanca. Erst 2017 ließ die Stadt das aus diesem Anlass 1937 auf der Plaza Mayor angebrachte Medaillon Francos entfernen.

Ende.