21. Jahrgang | Nummer 12 | 4. Juni 2018

Bemerkungen

Frühlingsstimmen ohne Walzer

Berlins Theaterlandschaft hat seit „Bemühungszusagensenator“ Peter Radunski (CDU) eine Trockenbrache, zu deren Kultivierung immer mal wieder verschiedenste Gärtner antreten. Radunski bleibt die zweifelhafte Ehre, die Berliner Operette mit der Schließung des „Metropol-Theaters“, die 1998 René Kollo vornehmen „durfte“, als eigenständig zu pflegendes Genre (fast) endgültig plattgemacht zu haben. Fast, weil das leichtgeschürzte Mädchen einfach nicht totzukriegen ist. Die Neuköllner Oper versucht sich mit gutem Erfolg aber fehlenden finanziellen Mitteln an ihr, auch die drei Großtanker der Berliner Theaterflotte, die Opernhäuser, nehmen das freche Kind immer mal wieder an Bord. Mal mit gutem Erfolg, Andreas Homoki und Barrie Kosky haben es vorgemacht, mal mit weniger. So wie Peter Mussbach, der an der Staatsoper 2006 ausgerechnet „Die lustige Witwe“ mit einer an Peinlichkeit kaum zu überbietenden Bruchlandung demolierte.
Kosky brachte jetzt im Haus an der Behrenstraße Jacques Offenbachs „Blaubart“ heraus. Die „Komische“ leidet immer noch unter einem fatalen Vater-Komplex, der „Felsenstein“ heißt und sucht daher fast manisch nach „neuen Lesarten“. Diesmal gings schief. Matthias Käther brachte es im RBB-kulturradio auf den Punkt: „Eine Satire zu parodieren ist etwa so sinnvoll wie einen Matjeshering nachzusalzen.“ Die Antwort der Deutschen Oper Berlin darauf heißt „Die Fledermaus“ und ist eine durchaus sehenswerte Produktion. Die Regie (Rolando Villazón) arbeitet sich anfangs brav am Libretto ab, Donald Runnicles führt das Orchester ordentlich durch die Partitur. Schon die Ouvertüre stimmt freundlich auf das Kommende ein – auch wenn da ein wenig mehr Pfeffer gut getan hätte. Peinlich wird die Sache im 2. Akt. Man meint, Villazón ließe den Ball des Prinzen Orlofsky in einer Art Military-SM-Klub als Ostalgie-Party aufführen. Das ist aber ein Irrtum, der Meister setzt sich mit satirischen Mitteln mit der Feierkultur von Stasi und NVA auseinander. Davon hat er keine Ahnung. Allerdings ermöglicht ihm die Bunkeratmosphäre des Bühnenbildes (Thibault Vancroenenbroeck) statt eines getanzten „Frühlingsstimmenwalzers“ – ich habe keine Ahnung, ob man bei der Stasi Walzer konnte – ein von Philippe Giraudeau choreographiertes Gezappel des Chores auf die Bühne zu bringen. Das wird von der Pause unterbrochen und geht nach deren 30 Minuten nahtlos weiter. „Die Genossen werden sich was dabei gedacht haben“, sagte man in solchen Fällen gerne in den uniformierten Kreisen der von Villazón parodierten DDR. Der Orlofsky selbst ist übrigens eine grandiose Fehlbesetzung. Angela Brower ist eine begnadete Mezzosopranistin. Am Orlofsky überhebt sie sich. Die eigentliche Entdeckung in dieser „Fledermaus“ ist die Adele Meechot Marreros. Die Sängerin kommt aus Puerto Rico und ist derzeit Stipenidatin des Förderkreises der Deutschen Oper Berlin. Merken Sie sich diesen Namen!
Villazón ruiniert zu guter Letzt auch den 3. Akt. Er lässt ihn in einer Art extraterrestrischem Knast, in den man sich hochbeamen lassen muss, spielen. Gefängniswärter Frosch mutierte zum Roboter 4.0 und führt uns durch einen Diskurs über künstliche Intelligenz. Das kann man machen, aber man muss es können. Auch Stanley-Kubrick-Zitate und Anspielungen auf Billy Wilder helfen da nicht sehr. Die Fledermaus hat zarte, zerbrechliche Flügelchen. Wenn man die zu sehr mit Bedeutung bepackt, wird aus ihrem leichten Herumflattern ein betuliches Torkeln.
Aber dennoch: Lassen Sie sich von meiner Mäkelei nicht abschrecken. Ein vergnüglicher Abend bleibt es trotzdem. Sie werden den Weg nach Berlin-Charlottenburg nicht bereuen. Und sich sicher zum x-ten Male über die Dämlichkeiten Berliner Kulturpolitik ärgern.

Wolfgang Brauer

Wieder am 8.6.; in der kommenden Spielzeit am 18.11., 24.11., 21.12., 26.12., 31.12., 01.01. und 03.01. – den Prinzen Orlofsky geben dann im Wechsel Annika Schlicht und Jana Kurucová.

25 Jahre „Straße der Romanik“

Über 150 touristische Routen gibt es in Deutschland, sogenannte Ferienstraßen – von der Badischen Spargelstraße bis zur Deutschen Märchenstraße, von der Hohenzollernstraße bis zur Straße der deutschen Sprache. Sie sind eine ideale Möglichkeit, unter den unterschiedlichsten thematischen Gesichtspunkten Deutschland von der Küste bis zu den Alpen zu erkunden und kennenzulernen. Die bekannteste und zugleich längste Ferienstraße ist die Deutsche Alleenstraße, die sich von der Insel Rügen bis zum UNESCO-Welterbe-Insel Reichenau im Bodensee erstreckt. Wie ein grünes Band durchzieht sie auf beinahe 3000 km neun Bundesländer. Nach der politischen Wende holte Ostdeutschland – bis dahin ohne Ferienstraße – in puncto touristische Routen mächtig auf. Sie schossen quasi wie Pilze aus der Erde: von der Dampfbahn-Route Sachsen bis zur Lehm- und Backsteinstraße in Mecklenburg-Vorpommern oder von der Mitteldeutschen Straße der Braunkohle bis zur Königin-Luise-Route, die in Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern an das Leben und Wirken der preußischen Königin erinnert.
Eine der ersten ostdeutschen Ferienstraße war die „Straße der Romanik“, die am 7. Mai 1993 nach zweijähriger Vorbereitung durch den damaligen Bundespräsident Richard von Weizsäcker eröffnet wurde. Seitdem ist sie Sachsen-Anhalts beliebteste Tourismusroute. In Form einer Acht durchquert sie auf einer Länge von über 1000 km ganz Sachsen-Anhalt. Die Straße teilt sich dabei in eine 425 km lange Nord- und eine 718 km lange Südroute. Im Schnittpunkt der beiden Routen liegt die Landeshauptstadt Magdeburg. Da Sachsen-Anhalt einen unschätzbaren Reichtum an Denkmälern aus der Romanik besitzt, trifft man nirgendwo so eine Dichte und Schönheit von romanischen Dorfkirchen, Kirchen und Klöstern sowie mächtigen Domen und Kaiserpfalzen, wobei viele von ihnen internationalen Rang besitzen. So kann man noch heute mehr als 200 Feld- und Backsteinkirchen in den Dörfern und Städten entdecken. Kein Wunder, war doch die Region um den Harz und entlang der Elbe und Saale ein Kernland des frühen deutschen Königtums. Vor 1000 Jahren lag hier das politische Zentrum Deutschlands. Man denke nur an Heinrich I. und Otto den Großen. Von hier aus führten sie Kriege gegen Slawen oder Ungarn. Hier gründeten sie Klöster und Bistümer, setzten geistliche und weltliche Würdenträger ein und ab. 72 Bauwerke in 60 Ortschaften wurden schließlich in die „Straße der Romanik“ aufgenommen. Im Laufe der Jahre kam es zu Erweiterungen, aber auch zu Streichungen.
In den zurückliegenden 25 Jahren wurden die historischen Attraktionen entlang der Ferienstraße immerhin von mehr als einer Million Besucher pro Jahr aufgesucht werden. Damit gehört die Route zu den Top-10-Ferienstraßen in Deutschland. Eine touristische Erfolgsgeschichte. Zum Jubiläum, das mit einer Festwoche vom 6. bis 13. Mai 2018 und zahlreichen Veranstaltungen begangen wurde, wurde die „Straße der Romanik“ um zehn historische Baudenkmäler (unter anderem die Burg Schönburg bei Naumburg oder die Petrikirche im altmärkischen Seehausen) erweitert. Damit erwarten den Besucher nun 88 steinerne Romanik-Zeitzeugen an 73 Orten. Genügend Gründe für einen Sachsen-Anhalt-Besuch. Die bordeauxroten Hinweisschilder mit den drei stilisierten romanischen Rundbögen ziehen sich wie ein Einladungsband durch das mitteldeutsche Bundesland.

Manfred Orlick

Beim Gynäkologen

Eine Frau. Schwarz in schwarz, vermutlich
Auch die Augen schwarz. Hinter dem Schlitz
Im Gewand auf Augenhöhe. Die Haare schwarz,
Vermutlich. Oder grau. Wer weiß. Der Mann,
Die Augen schwarz, die Haare schwarz,
Schwarz seine Aufmerksamkeit und scharf.
Sichtbar. Ein Mann, der wacht.

Die anderen Frauen. Zwei mit schwarzer Haut,
Die nicht schwarz war. Eher Kakao. Man
Sagt halt: Schwarze. Sie lächelten mich an,
Als ich nach meiner Frau schaute im Warteraum.
Und ich sagte schüchtern: „Ich schaue nur nach
Meiner Frau. Ich hole sie ab.“ Ich vergaß, die Tür zu schließen
Des Warteraums voller Frauen; Verlegenheit, verstehste?

Draußen stand ich. An mir vorbei ging der Mann
Seiner Frau, oder war sie Schwester, Cousine, Tochter?,
Die ihm folgte. Der Arzt in der Tür zum Behandlungsraum
Lächelte ihnen zu. Der Mann lächelte nicht zurück.
Lächelte die Frau? Es war nichts zu sehen.

Samuel Kröger

Der Berg der Wahrheit

Gerade erst hat Stefan Bollmann ein äußerst anregendes, gut recherchiertes und sehr empfehlenswertes Buch über den Monte Verità vorgelegt, da greift ein anderer Autor dieses Thema auf. Der Journalist und Theaterkritiker Peter Michalzik, bekannt durch seine Biographien zu Gustav Gründgens, Siegfried Unseld und Heinrich von Kleist, sieht Ascona und den Monte Verità als „zentrale Bezugspunkte für jene andere Seite der Moderne, einer nicht technischen, nicht naturwissenschaftlichen, nicht merkantilen oder ökonomischen Bewegung, die für das gute Leben steht“. Zugleich haben wir es mit einem „Kristallisationspunkt europäischer Geschichte“ zu tun, mit einem Ort, an dem „eine eigene Idee des Paradieses“ geschaffen wurde. Wenn man fragt, ob sich das, was hier geschah, auf einen Nenner bringen lässt, so gibt es für Michalzik nur eine Antwort: „Es ist der Individualismus, der sich am Monte Verità und in Ascona geformt hat. Es ist der Glaube an das eigene Leben, an seine Entfaltungsmöglichkeiten, an das Glücksversprechen, das in ihm liegt.“
Inspiriert war das, was am Monte Verità geschah, vor allem durch die Schriften von Tolstoi, Nietzsche oder auch Hauptmann. Sie stellten um die Wende zum 20. Jahrhundert die Frage: Wie soll ich leben? Und sie gingen noch weiter: Wie soll ich leben, damit die Welt ein guter, ein besserer Ort wird? Henri Oedenkoven, Karl und Gusto Gräser, Ida und Jenny Hofmann sowie Lotte Hattemer stellten sich diesen Fragen. Auf der Suche nach einer neuen, selbstbestimmten Lebensform wurde der am Ufer des Lago Maggiore gelegene Monte Verità für sie zum Sinnbild einer Erneuerung, die eine grenzenlose Weiterentwicklung des Selbst versprach. Sie suchten „das“ Leben, sie suchten „es auf dem Berg, zum Teil mutig, manchmal auch ein wenig hilflos oder lächerlich“. Das Leben dort oben war eine Mischung von unerhörtem Enthusiasmus für das einfache Dasein, verschiedenen Glaubensideen und der Lust an der Gesundheit. Sie suchten Reinheit. Reinheit, die sie durch die Ernährung erreichen wollten. Vegetarismus war mehr als eine Frage der Gesundheit, er hatte für sie „etwas Sakrales“. Bei all dem, so die Vorstellung, sollte die freie Entfaltung des Einzelnen Hand in Hand mit dem wirtschaftlichen Erfolg gehen. Ein Trugschluss – schlussendlich scheiterte das Projekt.
Was geschah damals wirklich? Kann es hierauf eine schlüssige Antwort geben? Die Erinnerung an das, was hier im Jahre 1900 begann, ging über die Jahrzehnte hinweg langsam verloren – was blieb ist der Mythos. Aus dem Inneren des Mythos heraus und auf der Grundlage einer unüberschaubar gewordenen Materialfülle erzählt Michalzik die Geschichte dieser Zeit. Er bedient sich dabei eines teils nicht nachvollziehbaren Verfahrens, das das Vorhandene szenisch aufreiht, teils zu Dialogen formt und an der einen oder anderen Stelle weiterdenkt. Nur so war es dem Autor seiner Meinung nach möglich, „dem Buch die Dichte zu geben, die eine Geschichte vom Berg der Wahrheit braucht“. Solch eine Herangehensweise mag legitim sein, verstellt einem aber die Möglichkeit, die Geschehnisse mit einer gewissen historischen Distanz zu beleuchten.

Mathias Iven

Peter Michalzik: 1900 – Vegetarier, Künstler und Visionäre suchen nach dem neuen Paradies, DuMont Buchverlag, Köln 2018, 414 Seiten, 24,00 Euro.

WeltTrends aktuell

Im „Thema“ beschäftigt sich die Ausgabe mit dem neuen geopolitischen Brennpunkt Arktis, „um den ein Wettlauf im Gange zu sein scheint“, wie die Herausgeber schreiben. Es geht nicht nur um Naturressourcen und schnellere Handelswege, sondern auch um militärische Präsenz. Die Autoren untersuchen die Arktispolitik Dänemarks, Norwegens und Chinas sowie das für die Region geltende Seevölkerrecht. Mit den Herausforderungen vor der mexikanischen Präsidentschaftswahl und den Folgen der Wahlen in Kirgistan beschäftigen sich Günther Maihold und Thomas Kunze.
Eine kluge Außenpolitik fordert Blättchen-Autorin Petra Erler. Dabei setzt sie sich mit dem derzeitigen Agieren von Bundesaußenminister Heiko Maas auseinander.

wb

WeltTrends – Das außenpolitische Journal, Heft 140 (Juni) 2018 (Schwerpunktthema: „Wettlauf um die Arktis“), Potsdam / Poznan, 4,80 Euro plus Porto. Weitere Informationen im Internet.

Blätter aktuell

In der der Juni-Ausgabe analysiert Ulrich Menzel die entstehende eurasische Weltordnung unter Führung Chinas. Auch Das Blättchen hatte sich bereits damit auseinandergesetzt. Das Problem scheint tatsächlich immer virulenter zu werden, und der Linken fehlen trotz zeitweiliger Akklamation für Didier Eribons „Reise nach Reims“ nach wie vor überzeugende Antowrten: Michael Hardt und Antonio Negri zeigen, wie sich rechte soziale Bewegungen beim Repertoire linker Aktivisten bedienen. Anke Schwarzer plädiert für eine Dekolonialisierung der Bundesrepublik. Corinna Hauswedell warnt, dass der Brexit den fragilen Frieden in Nordirland gefährdet. Und Norman Birnbaum erklärt, warum Donald Trump weitaus fester im Sattel sitzt als gemeinhin angenommen wird.
In weiteren Beiträgen wird sich mit dem nicht nur symbolischen „Kreuz“-Zug der CSU sowie den aktuellen Entwicklungen um den BND auseinandergesetzt. Von Interesse dürften ebenfalls die Beiträge über Marokko und die Türkei vor den anstehenden vorgezogenen Parlaments- und Präsidentschaftswahlen sein. Ob das Land allerdings vor einem Crash steht, wie Özgür Deniz vermutet, wird abzuwarten sein.

wb

Blätter für deutsche und internationale Politik, Berlin, Juni 2018, Einzelpreis: 9,50 Euro, Jahresabonnement: 79,80 Euro (Schüler & Studenten: 62,40 Euro). Weitere Informationen im Internet.

Wirsing

Im neuen deutschland hieß es in der Unterzeile zu einer Buchrezension: „Im Sommer 1914 brach eine von Ernest Shackleton geführte Expedition zur Antarktis auf. Es war eine Reise, die fast ins Verderben geführt hätte. Erst 2017 kehrte man zurück.“ So schlimm kann es in der Antarktis auch nicht gewesen sein, wenn die weit über Hundertjährigen im vergangenen Jahr dann doch zurückgekehrt sind. Aber die konservierende Wirkung von Frost ist ja durchaus bekannt. Es bleibt nur die Frage, warum im Artikel nur über die ersten drei Jahre der Verschollenen berichtet wurde. Ist in der Antarktis in den weiteren 100 Jahren nichts Berichtenswertes passiert?

Fabian Ärmel