15. Jahrgang | Nummer 9 | 30. April 2012

Bemerkungen

Gerhard Polt wird 70 – Was sagt man zu diesem Menschen?

Nichts. Am besten nichts. Es ist gescheiter zu warten, bis er was sagt. Erst dann kann man abschätzen, ob er überhaupt was sagen will. Verengen sich seine Pupillen und verknappt sich seine Sprache zur Lakonie, hat man zwei Möglichkeiten: Entweder man sagt was Sinnloses und dreht ab, oder man versucht es mit dem blanken Unsinn. Dann wird er neugierig. Aus dem Unsinn kann sich dann ein veritabler Blödsinn entwickeln, der direkt über den systemübergreifenden echten bayrischen Leberkäs zu Plato, von da aus zurück zum Schweinsbraten und seine Wirkung auf den Lebensstandard eines ostwestfälischen Zahnarztes im Trachtengewand und hin zu seinem Traumberuf als Bootsverleiher am Schliersee führt.
Wenn man Glück hat, ist man mit diesem Menschen befreundet. Und wenn Preise Glück haben, kriegt sie der Polt. Und wenn der Polt Pech hat, ist es immer noch nicht der letzte.
Mir ist jeder recht, zu dem ich ihm gratulieren kann. Ich gratuliere Dir zum Geburtstag.

Dein Dieter Hildebrandt

„Braucht’s des?!“ – Gerhard Polt zum 70ten, Ausstellung im Literaturhaus München,
bis zum 10. Juni 2012.


Zaghafter Frühling

von Margit van Ham

Der Frühling ist zaghaft gekommen
in diesem Jahr. Mit Trippelschritten
und Respekt vor dem Frost.
Er hiess die Blüten warten.

Jetzt aber färbt Löwenzahn
die graue Straße gold.
Und Bäume grüßen mit fast gelbem Grün.
In Kirschblüten verläuft sich mein Blick.

(April 2012)

Hochfliegender Irrtum

Wie man weiß, kurven im Himmel über uns allen allenthalben und ununterbrochen Bomber und Abfangjäger umher, nur, um im Fall des Falles, dem Hase-Igel-Prinzip folgend, schon „da“ zu sein, wenn die Bösen angreifen. Wie wunderschön dieses Sicherheitsgebaren in die (gegebenenfalls, Weltkriegs-) Hose gehen kann, hat sich jüngst in Kanada dargestellt. Der schläfrige Ko-Pilot einer in diesem Fall zivilen Maschine hatte versucht, mit einem plötzlichen Sturzflug der Kollision mit einem vermeintlichen Flugzeug auszuweichen. Die Aktion, die zahlreiche Verletzte forderte, verdankte sich einem schlichten Irrtum. Das, was der nicht ganz anwesende Experte gesehen hatte, war die Venus.
Nun stelle man sich vor, dass ein mit permanenter Luftraumsicherung beauflagter Militärpilot nach einem Nickerchen vor sich des – ausgerechnet – Roten Planeten gewahr wird und instinktiv auf den Knopf drückt. Den Mars würde das freilich nicht beschädigen, irgendein anderes Flugzeug in der Nähe vielleicht aber doch. Und wenn´s dann gar das bombentragende Militärflugzeug mit dem „roten“ Stern auf den Tragflächen wäre …

HWK

Fundamentalisten am Werk

Von den Tankstellen kennt man das ja: Erhöht die eine Ölgesellschaft den Benzinpreis, tun die anderen ihr das umgehend nach. Es handelt sich ganz offenbar um so etwas wie Erfolgsrezept. Im Tun und Lassen von uns Schöpfungskronen, die wir nicht als Ölgesellschaft auf die Welt gekommen sind, laufen die Dinge eigentlich ähnlich: Hat der eine mit irgendetwas Erfolg, macht der andere es ihm nach – jedenfalls sofern er dazu in der Lage ist; Menschlich, Allzumenschlich. Das gilt auch dort, wo nicht mal Geld zu verdienen ist sondern lediglich Kosten verursacht werden, und gar nicht mal geringe. Wenn also Salafisten in deutschen Städten massenhaft den Koran verschenken, um informell (günstigstenfalls) für den Islam zu werben, kostet das ja einen Haufen Geld, und niemand verbürgt sich dafür, dass die Beschenkten sich durch die 93 und meist nicht eben unkomplizierten Suren mühen, auch, wenn es fürs eigene Weltbild lohnen würde. Aber den so großzügig Gebenden geht es ums Renommee oder ums Image, um es moderner zu formulieren. Und das lässt man sich halt etwas kosten.
Ein Fundamentalist anderer Herkunft und Art hat nun angekündigt, zum gleichen Verfahren zu greifen. Kai Dieckmann will am 23. Juni, dem 60. Geburtstag der Bild-, nun ja, Zeitung, alle 41 Millionen Haushalte unseres Bildschönen Gemeinwesens mit einer kostenlosen Jubiläumsausgabe beglücken. Nun ist die Provokationsschwelle bei jedem Menschen gewiss verschieden hoch angesiedelt. Für meinen Fall würde ich eine solche als eine besonders aggressive Form der Umweltverschmutzung betrachten müssen, auch wenn es im Internet bereits Foren gibt, mit deren Hilfe sich dieses Geschenk von vorn herein verbitten kann.
Es sei denn, man – könnte ja mal passieren – mag Innenminister Hans-Peter Friedrich. Dann folge man seinem in besagter Bild-Zeitung untergebrachten Diktum an die Koranverteiler, dass Religion nicht für ideologische Machtansprüche missbraucht werden dürfe. Wobei es ausgleichend gerecht wäre, wenn der bayrische Lockenkopf nun in einem vergleichbaren islamischen Druckwerk mit Hinweis auf Bild gleiches für Bild fordern würde. Und der Christsoziale könnte Dieckmann noch Verse aus der koranischen Sure von den Ausstreuenden auf den Weg geben, die da sagen: „(6) Und wahrlich, das Weltgericht trifft sicher ein. (8) Ihr seid in der Rede verschieden. (9) Getäuscht wird davon, wer getäuscht ist. (10) Tod den Lügnern.“

Helge Jürgs

Die zwei Seelen des Jazz-Pianisten Dieter Köhnlein

Die berühmten Zeilen aus Goethes Faust: „Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust, / die eine will sich von der andern trennen…“ könnten die literarische Inspiration für den Jazzpianisten Dieter Köhnlein gewesen sein. Denn der in Mittelfranken beheimatete Musiker lässt in den zehn Stücken seiner CD-Veröffentlichung „Heinz und Dieter“ seine zwei musikalischen Seelen offenbar werden. Wäre diese Liedauswahl – für Jazzpuristen sicherlich ein gewagter Vergleich – eine Weinkarte, dann würde das Spektrum von lieblich bis sehr trocken reichen. Aber es wären zweifelsohne und ausnahmslos Weine mit Qualitätsprädikat! Der Musiker schreibt selbst im Booklet: „Man sagt, alles habe seine zwei Seiten. Meine zweite heißt Heinz. Geboren als Heinz-Dieter hat man mich immer nur Dieter gerufen. Auf dieser CD begegnet der Dieter dem Heinz. Das reibt und beißt sich, harmoniert dann letztlich doch.“
Seine bisherige musikalische Vita bescherte Dieter Köhnlein viele Auslandsauftritte, auf dem Balkan ebenso wie in Zentralamerika oder in China. Es bleibt zu hoffen, dass seine Rezeption in deutschen Landen (…der Prophet im eigenen Lande…) noch deutlich zunimmt. Denn sein handwerkliches Können sowie sein kompositorisches Geschick sollten ihn über Insiderkreise hinaus bekannt machen. Sowohl die meditativ angehauchten Passagen wie auch seine beim ersten Hören schräg anmutenden Improvisationsstücke zeigen, dass wahrlich in einem Musiker zwei Seelen wohnen können. Und dass dieser Umstand durchaus produktiv und kreativ genutzt werden kann…

Thomas Rüger

Dieter Köhnlein: Heinz und Dieter. Hofa Music 2011

Alles auf Anfang

Als der Bundestag – delikater Weise bei rot-grüner Regierung – 2001 die Beteiligung der Bundeswehr am Afghanistan-Einsatz der NATO beschloss, waren einzig die Linken dagegen – strikt und aushaltend, was ihnen die parlamentarischen Kollegen an Friedens- und Vaterlandsverrat vorwarfen. Nicht zuletzt mit der Argumentation, dass jeder intellektuell Mittelbegabte aus der Geschichte hochrechnen könne, worauf das früher oder später hinaus laufe: Aus Friedenssicherung wird ein Kampfeinsatz, und genau so ist es gekommen. Aus Soldaten werden Mörder und Getötete, und genauso ist es gekommen. Was auch dann nicht dadurch besser wird, dass sie es auf der anderen Seite der Front ebenso mit zahlreichen Mördern und Kriegstreibern zu tun haben. Aber eben: Afghanistan ist das Land der Afghanen und eben keine Hindukusch-Kolonie abendländischer und also auch deutscher Interessen. Letzteres allein einmal ausgesprochen zu haben, hat seinerzeit Bundespräsident Horst Köhler das politische Amt gekostet – so empfindlich reagiert nur, wer weiß was er tut, und weiß, dass, was er tut, etwas anderes ist, als er zu tun vorgibt.
Deutsche Regierungen scheinen des ungeachtet und auch ungeachtet der Farbwahl der Regierungskoalitionen für – wenigstens rückwirkende – Einsichten unempfänglich. Denn grade hat Guido Westerwelle im Kabinett durchgedrückt, dass das Mandat der an der „Atalanta“- Mission der EU beteiligten Bundeswehrsoldaten zum Schutz der ostafrikanischen Gewässer vor Piraten dergestalt ausgeweitet wird, dass nunmehr somalische Piraten auch an Land bekämpft werden können, wobei es sich freilich um keinen Kampfeinsatz handelt, versteht sich. „Das ist eine kleine nützliche zusätzliche militärische Option, nicht eine neue Qualität“, so Thomas de Maiziere. Na bitte. Sie wollen nur spielen. Bis die ersten somalischen Zivilisten an Land ebenso irrtümlich zusammengeschossen sein werden, wie wir das in Afghanistan zur beschämenden Genüge kennen. Und bis die ersten deutschen Soldaten auch von dort im Zinksarg nach Hause kommen – Alles auf Anfang, als sei nichts gewesen.

Horst Jakob

Kinshasa Symphony

Es gibt doch immer mal Momente, in denen das TV Sehenswertes zeigt. Zugegeben – zu eher später Stunde. Ausgestrahlt wurde der Dokumentarfilm „Kinshasa Symphony“ von Claus Wischmann und Martin Baer, der bereits mit einigen Preisen geehrt und für den Grimme-Preis 2012 nominiert wurde. Der Film entführt uns in den Viel-Millionen-Moloch Kinshasa, die Hauptstadt des Kongo. Chor und Orchester bereiten sich auf ein großes Open Air Konzert mit mehreren tausend Zuhörern vor. Gezeigt werden Proben von rund 200 Laienmusikern für die „Ode an die Freude“ in deutscher Sprache aus Beethovens Neunter. Probenort ist eine unklimatisierte Baracke in ärmlicher Umgebung. Der Kontrast zu „Freude schöner Götterfunke“ könnte nicht größer sein. Der Film lässt Bilder und Musik sprechen – und berührt. Welch ein Mut, welch ein Fleiß, welche Liebe zur Musik. Einige Musiker werden näher vorgestellt. Die Kamera begleitet sie auf oft langen Wegen nach Hause, zur Arbeit auf dem Markt oder als Elektriker, berichtet über den schwierigen Alltag, ohne in die leider bei Afrikaberichten so häufig anzutreffende Mitleidsrhetorik zu verfallen. Er fordert so den allerhöchsten Respekt vor den Leistungen dieser Musiker ein. Er zeigt die schwierigen Proben, die Müdigkeit. Die Option des Scheiterns liegt über Chor und Orchester. Nebenbei werden Anzüge und Kleider selbst geschneidert, Instrumente gebaut und repariert, Kinder beaufsichtigt. Die Sänger und Musiker verlassen mit der Musik ihre Umgebung und ihren Alltag – und finden hier auch die Kraft fürs Weitermachen. Der Film endet mit dem großen Konzert, mit den Gefühlen und dem Zauber, den die Musik verbreitet.

Margit van Ham

DVD „Kinshasa Symphony“, 19,90 Euro; www: kinshasa-symphony.com

Achtung, Berlin!

Unter den vielen kleinen Filmfestivals, die in Berlin jährlich ausgerichtet werden, hat sich „Achtung, Berlin!“, das jetzt zum 8. Mal stattfand, einen viel beachteten Platz gesichert. Spiel-, Dokumentar-, Kurz- und Mittelmetragefilme, die in Berlin handeln oder von Berlinern produziert wurden, stellen sich dem Wettbewerb. Die meisten der vorgestellten Filme sind unterfinanziert, dafür aber mit viel Phantasie und Herzblut – und oft in Zusammenarbeit mit Filmschulen der Region – gemacht. Dazu gehört auch der Sieger in der Sparte Spielfilm, Axel Ranisch, der mit „Dicke Mädchen“ seinen Abschlussfilm an der HFF „Konrad Wolf“ vorgelegt hat. Er studierte bei den Professoren Andreas Kleinert und Rosa von Praunheim. Besonders die künstlerische Verwandtschaft mit letzterem ist deutlich. „Dicke Mädchen“ – die Titelhelden sind zwei übergewichtige Männer, die sich ineinander verlieben – wurde für wenige hundert Euro mit billiger Technik gedreht und zum großen Teil improvisiert. Dabei kam ein tragikomischer Film über den Umgang mit Menschen, die ein bisschen anders sind, heraus. Ranischs großes Pfund ist die 89jährige Debütantin Ruth Bickelhaupt, die voll liebenswertem Charme und Witz eine demente Berlinerin (aus Sachsen) spielt. Die zweite Hälfte des Films, die sich auf ihren Sohn und den Pfleger konzentriert, hat nicht den gleichen Witz. Auch ist es Geschmackssache, ob man wohlbeleibten nackten Männern bei Tändeleien zusehen mag. Die Spielfilmjury lobte den Mut des jungen Regisseurs und gab ihm den Hauptpreis. Den Regiepreis erhielt kein Berlin-, sondern ein Heppenheim-Film, allerdings von Berlinern gemacht. In „Festung“ erzählt die finnische Regisseurin Kirsi Marie Liimateinen eindrucksvoll die Geschichte einer durch die Gewalttätigkeit des Vaters (Peter Lohmeier) zerstörten Familie. Besonders das jugendliche Paar konnte stimmige Dialoge mit großer Sensibilität gestalten.
Eine nahe Zukunftsvision von Berlin-Neukölln erzählt Regisseur Linus de Paoli. Der Titelheld „Dr. Ketel“ (Ketel Weber), ehemaliger Krankenpfleger, hilft Armen, die sich keine medizinische Behandlung mehr leisten können. Dafür stiehlt er immer wieder Instrumente und Medikamente. Eine Spezialistin eines US-Sicherheitsdienstes ist ihm auf den Fersen, aber die Frau (Amanda Plummer) stellt in der Bekanntschaft mit Ketel ihren Standpunkt infrage. Die fein beobachteten Porträts aus dem Berliner Bezirk Neukölln sind in hartem Schwarzweiß gezeichnet und erinnern an den Film noir, wie die Regie auch immer wieder bezeichnende Verweise zu Vorbildern aus der Filmgeschichte einbaut, seien es Tarantino, Fassbinder oder auch Frank Beyer. Eine „Warnung und Hoffnung zugleich“ nannte die Jury der deutschen Filmkritiker den Film, dem sie ihren Preis verlieh.

F.-B. Habel

Ein großes Chorkonzert

Ich habe es jetzt schon zum dritten Mal erlebt – und dennoch ist es immer wieder ein unvergesslicher Moment, wenn sich in der Berliner Philharmonie plötzlich rund zwei Drittel der Zuschauer erheben und zum Chor werden, der gemeinsam mit dem Rundfunkchor Berlin, begleitet vom Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, singt. Es ist wahrlich eine Musik der besonderen Art, der besonderen sinnlichen Eindrücke. Ein ganzes Jahr lang üben kleine Chöre, einzelne Sänger und Gruppen für sich für so ein Mitsing-Konzert. Am Tag des Konzertes wird vom Morgen an geprobt, um die vielen hundert Stimmen zu einem Chor zu vereinen. Im April 2012 sang dieser gewaltige Chor die „Nelsonmesse“ von Joseph Haydn – und das kroch jedem Zuschauer und ganz sicher auch allen Teilnehmern unter die Haut. Simon Halsey, seit 2001 Chefdirigent des Rundfunkchores, versteht es offensichtlich, die Sänger zu begeistern und eine hohe Qualität des Gesangs zu sichern. Die Ovationen des Chores am Ende des Konzertes für seinen Dirigenten sprechen ihre eigene Sprache. Und er selbst sagt: „Ich bin immer wieder überrascht, wie großartig unsere Mitsängerinnen und -sänger vorbereitet sind, wie leidenschaftlich sie mitgehen. Die Liebe und der Enthusiasmus, die uns entgegengebracht werden, sind jedes Mal wieder überwältigend.“ Simon Halsey und der Rundfunkchor Berlin luden 2003 erstmals Amateurchöre und -sänger aus Berlin und dem Umland zum Mitsingen ein. Bereits 2004 reisten Teilnehmer aus ganz Deutschland sowie Finnland, Österreich und der Schweiz und Japan an. Seit 2005 findet dieses Konzert in der Berliner Philharmonie statt und kann bei weitem nicht mehr alle Interessenten aufnehmen. Die Mitsingkonzert-Idee wurde inzwischen von anderen Städten aufgegriffen. Deutschlandradio Kultur zeichnet die Konzerte in der Philharmonie auf und fertigt CDs. 2013 wird „Der Messias“ von Georg Friedrich Händel aufgeführt werden. Hoffnung auf Tickets für eines dieser wunderbaren Konzerte kann man allerdings nicht machen – außer man hat das Glück, Freunde oder Familienangehörige unter den Mitsängern zu haben.

mvh