Film ab

von Clemens Fischer

Wichtiges oder auch nur als notwendig Erkanntes aus zahllosen möglichen Gründen, die das Leben sehr freizügig bereit hält, ein ums andere Mal in die nahe oder spätere, in jedem Falle stets ungewisse Zukunft zu verschieben, ist selbst für jüngere Semester keine empfehlenswerte Maxime. Gibt der Besprecher hier mal aus eigener Erfahrung preis. Wenn nämlich, was immer wieder vorkommt, das Leben plötzlich und unerwartet endet, ohne jede Vorwarnung, dann bleiben all die Dinge, die man sich unbedingt noch vorgenommen hatte, unerlebt, unerledigt, uner…sonstwas. Das ist vielleicht nicht die Pointe von „Alte Liebe“, Andreas Dreesens neuestem Film, aber eine der Pointen dieses Streifens ist es schon.

Dreesens weitgehend aus Dialogen und Selbstgesprächen der beiden Protagonisten bestehendes Kammerspiel, das auf dem bereits 2009 erschienenen gleichnamigen Roman von Elke Heidenreich und Dieter Schröder basiert, wird von den bis in die letzte Geste großartigen Mimen Dagmar Manzel und Joachim Król getragen. Muss er allerdings auch, denn über einen „klassischen Spannungsbogen“, das hat Sophia Coper in der FAZ zutreffend bemerkt, verfügt der Film nicht. Daher verhindert nur das Spiel der beiden Hauptdarsteller, „dass ‚Alte Liebe‘ langweilig wird“. An anderer Stelle irrt Coper: „Ein Firmenerbe als Schwiegersohn? Da hört für den Alt-68er Harry (Joachim Król) die Vaterliebe auf.“ Im Unterschied zur Romanvorlage hat das Paar bei Dreesen in der DDR gelebt. In der gab es keine 68er; dort war der „Höhepunkt“ jenes Jahres das Niederwalzen des Prager Frühlings. Doch so politisch wird der Streifen nicht.

Dreesen geht vielmehr der Frage nach: Wie lebt man zusammen, wenn die Beziehung schon vierzig Jahre währt, mit der einen oder anderen (durchaus untoten) Leiche im gemeinsamen Keller und wenn die Liebe zueinander auch schon mal frischer war? Das zeigt der Film mit Melancholie, anrührend, komisch, teils spitzbübisch, auch tragisch, doch nicht ohne Optimismus und sanguinische Momente oder – um es mit den Worten der Cineastin an der Seite des Besprechers zu sagen: „Solche Filme kann nur Dreesen.“

 

„Alte Liebe“, Regie und Drehbuch (Mit-Autor): Andreas Dreesen; derzeit in den Kinos.

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Wenn ein Buch vom Erwachsenwerden eines Jugendlichen erzählt, der in einer prägenden Lebensphase wichtige Erfahrungen macht und sich dadurch verändert, wenn es dabei um Themen wie Identitätssuche und Selbstfindung, erste Liebe, Freundschaft, Enttäuschung, Ablösung vom Elternhaus, Konfrontation mit Tod, Schuld oder gesellschaftlichen Zwängen, um Außenseitertum und die Suche nach Zugehörigkeit geht, wenn die Hauptfigur – ausgelöst durch ein Schlüsselerlebnis – eine innere Entwicklung durchmacht, und der Ton ernst ist, ohne auf humorvolle oder warmherzige Momente zu verzichten, und wenn am Ende zwar keine perfekte Lösung, Einsichten und gewonnene Reife hingegen schon stehen, dann nannte man das früher einen Entwicklungsroman. Und jeder halbwegs Gebildete konnte damit etwas anfangen. Heute, im Zeitalter überbordender ubiquitärer Anglizismen, kriegt man dafür von der ARD den Begriff Coming-of-Age-Drama vor den Latz geknallt. Den musste der Besprecher, zugegebenermaßen, erstmal nachschlagen, nur um zu merken – aha, ein Entwicklungsroman.

Die Rede ist von Matthias Brandts 2019 erschienenem Erstling „Blackbird“, den Max Zähle sehr einfühlsam fürs Fernsehen verfilmt hat. Es geht um den Weltschmerz Mottes (bürgerlich: Mortons), eines pubertierenden Jugendlichen in einem westdeutschen Provinzkaff Ende der 1970er Jahre, in dem die allgemeine alltägliche Tristesse überhaupt nur mit der Musik der Zeit – von The Sweet, The Clash, The Cure, Lou Reed und allen voran David Bowie – auszuhalten ist. Wenigstens bringt die Eröffnung der Filiale einer Kette namens Rockwelt etwas Abwechslung in das öde Kaff. Hin und wieder eine LP lässt sich vom nicht eben üppigen Taschengeld schon erübrigen.

Bjarne Mädel als längst erwachsener Motte erzählt die Geschichte in episodenartiger Rückschau. Dabei steht die Frage im Mittelpunkt, wie man mit 15, 16 Jahren eigentlich erwachsen werden soll, wenn der beste Freund gerade einem tückischen Krebs erliegt und wenn parallel die eigene Mutter fast an der Scheidung von Mottes Vater zerbricht.

Der Titel „Blackbird“ ist übrigens kein bloßer Anglizismus, sondern geht auf den gleichnamigen Song von Paul McCartney vom „White Album“ der Beatles (1968) zurück, mit dessen Gitarren-Melodie der Anfang des Films unterlegt ist.

 

„Blackbird“, Regie: Max Zähle; in der ARD-Mediathek verfügbar bis 23.09.2027.

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Laut NBC News arbeitet das Ehepaar Ethan Coen und Tricia Cooke an einer lesbisch gefärbten Trilogie; beide zusammen verfassen die Drehbücher, er führt Regie. Auf „Drive-Away Dolls“ (2024; siehe Blättchen 7/2024) folgte 2025 „Honey Don’t!“. Laut der US-amerikanischen Film- und Entertainment-Nachrichtenplattform JoBlo soll Teil drei „Go, Beavers!“ heißen; zum möglichen Inhalt wird Cooke zitiert: „Es ist die Geschichte einer lesbischen Rudermannschaft, die sich anlässlich ihres 10-jährigen College-Jubiläums wiedertrifft und gewissermaßen den Fluss des Lebens hinunterfährt – mit all dem, was sie dabei erleben.“ Von Dreharbeiten ist bisher jedoch nichts bekannt

„Honey Don’t!“ als tragende Säule im cineastisch Œvre-Universum der Gebrüder Ethan und Joel Coen (bisher vier Oscars und etliche weitere Nominierungen) einzustufen, würde dem Film gewiss zu viel der Ehre antun. Da bewegen sich Streifen wie „Millers Crossing“ (1990), „Fargo“ (1996), „The Big Lebowski“ (1998), „No Country for Old Men“ (2007) sowie „True Grit“ (2010) denn doch in einer höheren Liga.

Hinreißend in der Hauptrolle der toughen Privatdetektivin Honey O’Donoghue – Margret Quallay. Die US-Ausgabe des Rolling Stone schwärmte: „Qualley ist mit Abstand das Beste an Ethan Coens Neuinterpretation des Detektiv-Krimis, und man kann gar nicht hoch genug einschätzen, wie sehr ihre Leistung den Film über zahlreiche holprige Stellen und Sackgassen hinwegführt.“ Diese Honey sei nicht nur  „eine typische Pulp-Fiction-Figur“, sondern „eine Privatdetektivin, die ihren Job hervorragend macht“, ja nachgerade „das perfekte Beispiel für Raymond Chandlers ideale Protagonistin“. Dieser Eloge kann zugestimmt werden. Und zwar – voll und ganz!

Und ansonsten? Ist, so nochmals der Rolling Stone, „praktisch jede weibliche Figur [des Films – C.F.] vom Erbe toxischer Männer geprägt: perverse Pastoren, verantwortungslose Väter, gewalttätige Freunde, mordlustige Idioten“. Einmal mehr sind schwarzer Humor und brutale, mit viel Liebe zum skurrilen Detail inszenierte Gewalt bestimmende Stilelemente des Streifens. Das Ganze in einem so trostlosen US- Provinz-Ambiente, das den sogenannten amerikanischen Traum – das schöne Märchen, dass in den USA ein jeder, unabhängig von Herkunft, Stand oder Familie, durch Fleiß, Willenskraft und Eigeninitiative Wohlstand und Erfolg erreichen könne – so brutal Lügen straft, dass dort eigentlich niemand auch nur tot über dem Zaun hängen dürfen wollte. Also durchaus ein echter Coen.

 

„Honey Don’t!“, Regie und Drehbuch (Mit-Autor): Ethan Coen; zum Streamen bei Amazon Prime für 9,99 Euro.