Jana Hensel hat ein Buch über den Aufstieg der AfD zur stärksten Partei in Ostdeutschland geschrieben. Darüber, wie es im Untertitel heißt, warum sich der Osten von der Demokratie verabschiedet. Da ich gerade an einem Text darüber saß, warum es der AfD nutzt, zum Feindbild aller Demokraten gemacht zu werden, kam mir Hensels Buch gerade recht, um an meinem Gegenstand vor den Landtagswahlen im September weiter herumzudenken.
Mit der Journalistin verbindet mich, dass wir beide in der DDR geboren wurden und dass uns die ostdeutsche Identität wichtig ist. Mir zwar etwas weniger wichtig als Jana Hensel, aber – ausgehend von meiner Identifikation mit dem osteuropäischen Staatssozialismus und seinem Erbe – ist sie auch mir ein wichtiger Antrieb zum Schreiben. Was uns außerdem verbindet ist die Neugier darauf, was von der AfD-Drift der Wählerschaft für die Demokratie in unserem Land zu erwarten ist. Es wird sicherlich weniger schlimm, als viele meiner Freunde befürchten – es wird kein Faschismus, kein alter und kein neuer sein. Aber diese politische Tatsache wird uns noch ziemlich beschäftigen.
Jana Hensel hat mit vielen Akteuren diesseits und jenseits der Frontlinie gesprochen, mit – wie sie es bezeichnet – den Radikalen, den Abgedrifteten und den Wehrhaften. Und immer wird nach Ursachen der unterschiedlichen Handlungsoptionen gesucht, die in den Biografien dieser Personen und ihrer Eltern gründen.
Sehr vielfältig wird über Wende-Erfahrungen gesprochen und über enttäuschte Hoffnungen der Ostdeutschen durch die Politik der Kanzler seit 1990: Kohl, Schröder, Merkel, Scholz. Der Osten bewegte sich auf der Suche nach besseren Zeiten zuerst nach links, dann nach rechts und schließlich driftet er völlig ab. Es sind solche Sätze der Journalistin, die nachhallen, wie die folgenden: „Der Osten driftet vom Westen weg und findet dadurch wieder stärker zu sich selbst.“ – „Viele ältere Ostdeutsche sind nie ins Zentrum vorgedrungen, sondern verharrten lange an der Peripherie, bis einige von ihnen dann ins Abseits drifteten.“ Von diesen Abbruchgeschichten erzählt Hensel einige eindrucksvolle, meist solche aus der „arbeiterlichen Gesellschaft“ des Ostens, von deren Vertretern nicht wenige glauben, in der AfD ihre Heimat zu finden. Jene Partei sei auf diese Weise seit 2021 „zur Partei der Arbeiter“ geworden.
Und wo bleibt das Positive, fragt die Autorin am Ende. Eigentlich ist das die Hoffnung auf eine neuerliche Enttäuschung der ostdeutschen Wähler, die eine neue Absetzbewegung hervorrufen könnte. Hinter den Wahlentscheidungen für die AfD steckten „viele Verletzungen, eine Reihe von Enttäuschungen und jede Menge unerfüllt gebliebener Wünsche. Ich rede davon, dazugehören zu wollen, ernst genommen und gesehen zu werden.“ Da die AfD diese Wünsche in Wirklichkeit nicht erfüllen kann, wenn sie denn erst einmal regiert, werden sich die Wähler wieder von ihr fort und zu anderen Parteien bewegen. „Die Anti-Demokraten von der AfD können diese Wünsche nicht erfüllen … Sie schüren die Wut und fangen sie dann ein wie einen Wind, der ihre Segel füllen soll.“ So endet das Buch mit einer Hoffnung.
In vielem, wie gesagt, denke ich ähnlich. Aber ich habe zwei Einwände gegen die Interpretation der Zusammenhänge von ostdeutschen Wende-Erfahrungen und der Demokratiegefährdung durch die AfD. Zum Ersten: Hensel argumentiert gegen das westdeutsche Argument, das die Wahlerfolge der AfD aus der Sozialisation der Ostdeutschen durch die DDR-Diktatur erklären will, mit dem Verweis auf den Wirbelsturm der gesellschaftlichen Transformation nach 1990 und die enttäuschten Hoffnungen der Ostdeutschen. Dem kann ich zustimmen, aber es greift trotzdem zu kurz, wenn man die Erfolge des Rechtspopulismus in Europa insgesamt im Auge hat. Die AfD-Erfolge lassen sich nicht allein aus den ostdeutschen Minderheitsproblemen innerhalb der westdeutschen Mehrheitsgesellschaft erklären, schon deshalb, weil es sie auch in den westdeutschen Ländern gibt. Dazu müssen das Ende des Teilhabekapitalismus und die verheerenden Folgen des marktradikalen Finanzkapitalismus in den Blick genommen werden – das waren globale Trends seit dem Ende der 1970er Jahre. Wenn man vom Kapitalismus nicht reden will, sollte man vom Vormarsch des Rechtspopulismus in Europa schweigen, könnte ich in Paraphrase eines berühmten Zitats schreiben.
Zum Zweiten: Es geht meiner Überzeugung nach nicht um die Rettung der Demokratie, so wie sie ist, sondern um ihren radikalen Ausbau. Demokratie ist weit mehr als freie Wahlen, Parlamentarismus und sich ablösende Parteienherrschaft. Der AfD-These von einer drohenden „Diktatur der Altparteien“ sollte mehr entgegengesetzt werden als die Rettung des Status quo der Demokratie. Natürlich sollte auch über die vorgeschlagene „direkte Demokratie“ nachgedacht werden. Dass auch die AfD sie vorschlägt, kann kein Grund dafür sein, den Vorschlag ohne Prüfung abzulehnen. Man sollte durchaus die Erfahrungen anderer europäischer Länder zur Kenntnis nehmen. Aber es geht darüber hinaus um einen Ausbau der gesellschaftlichen Demokratie. Und um mehr Partizipation in den politischen Entscheidungsprozessen. Sowie um eine Öffentlichkeit, in der sich die Erfahrungen und ernsthaften Überlegungen aller Bürger wiederfinden.
Jana Hensels Buch ist sehr zu empfehlen. Besonders haben mir ihre Interviews gefallen, in denen die erfahrene Journalistin die befragten Personen aus deren Biografie zu verstehen sucht. Das fiel mir besonders bei jenen auf, deren Politik sie ablehnt, wie Tino Chrupalla und Frauke Petry. Das bringt mehr Einsichten, als wenn man diese Akteure zu einem verzerrten Feindbild stilisiert und sie anschließend – bewehrt mit der eigenen moralischen Überlegenheit – als Pappkameraden abschießen zu können meint.
Jana Hensel: Es war einmal ein Land. Warum sich der Osten von der Demokratie verabschiedet. Aufbau-Verlag, Berlin 2026, 263 Seiten, 22,00 Euro.
Schlagwörter: AfD, Demokratie, Dieter Segert, Jana Hensel, ostdeutsch

