Man sollte es nicht für möglich halten – aber auch in der DDR gab es Bombendrohungen aller Art, was einige Berliner Fälle aus dem Jahr 1985 beweisen sollen.
Am 26. Juni 1985 gegen 14.40 Uhr lief über Notruf 112 bei der Feuerwache in Berlin-Lichtenberg ein Anruf auf, bei dem sich eine männliche Person meldete und sinngemäß mitteilte, dass der S-Bahnhof Marzahn um 16.00 Uhr „in die Luft fliegt“. Die Rückverfolgung, was damals schon möglich war, ergab einen privaten Telefonanschluss in einem Hochhaus in der Bruno-Baum-Straße 26, 11. Etage.
Die Wohnung gehörte einem Bernd K., der den Kriminalisten der D-Schicht der Diensthabenden Gruppe (DHG) der Ostberliner Kriminalpolizei die Tür öffnete. Thomas Wiske als intuitiver und kluger Befrager lockte Bernd K. aus der Reserve, indem er zwanglos mit ihm plauderte. Jener verwickelte sich mehr und mehr in Widersprüche, und schließlich gab er zu, dass er der Anrufer war. Als Begründung für sein Handeln nannte er Unstimmigkeiten mit seiner geschiedenen Frau und ihrer Verwandtschaft, er wollte sich einfach abreagieren. Seine Wohnung lag in Richtung S-Bahnhof Marzahn, und im Wohnzimmer war ein Fenster geöffnet, auf dessen Fensterbrett ein Kissen lag. Der Täter gab zu, dass er von hier aus beobachtet hatte, was nach seinem Anruf passieren würde.
Zur endgültigen Klärung des Sachverhaltes führte die DHG nach einer vorläufigen Festnahme den geständigen Anrufer um 16.05 Uhr der Volkspolizei-Inspektion Berlin-Marzahn zu. Welche Strafe er erhielt, ist nicht bekannt.
Am 14. Juli 1985 musste eine sowjetische IL 86, die auf dem Flug von Paris nach Moskau war, um 14.06 Uhr in Berlin-Schönefeld notlanden. Alle 255 Passagiere – französische Veteranen, die am Kampf gegen das faschistische Deutschland teilgenommen hatten und auf dem Weg zu sowjetischen Kampfesbrüdern waren. Eine Bombendrohung hatte die Aeroflot-Crew zu diesem Entschluss veranlasst. Es war um 13.45 Uhr „Luftnot“ gegeben, das polizeiliche Codewort für Vorfälle dieser Art. Der Drohanruf ging in Paris ein.
Das Flugzeug wurde untersucht, aber eine Bombe oder irgendwelche Waffen wurden nicht gefunden.
Am 2. Oktober 1985 eilte die DHG zum Gebäude der Zeitung Neues Deutschland (ND) am Franz-Mehring-Platz in Berlin-Friedrichshain. Jemand hatte gegen 16.50 Uhr anonym angerufen: „In der sechsten Etage geht um 18 Uhr eine Brandbombe hoch.“ Der 7. Oktober, der Jahrestag der Republik, stand bevor, und das war immer eine hohe Zeit für anonyme Bombendroher.
Im Hause gab es einen heftigen Disput zwischen dem stellvertretenden ND-Chefredakteur Sander Drobela und dem Kripo-Chef des Stadtbezirks Friedrichshain, der natürlich zum Ort des Geschehens geeilt war. „Wir beginnen oben mit der Suche“, meinte dieser. „Der Genosse Schabowski hat aber gesagt, Sie sollen unten beginnen“, entgegnete Drobela. So ging es hin und her. Der Friedrichshainer Kripo-Mann hatte einen schlechten Tag erwischt, denn völlig entnervt fragte er urplötzlich: „Wer ist denn eigentlich der Genosse Schabowski?“
Der Stellvertreter macht sich gerade, wurde größer und größer und belehrte ihn umgehend: „Genosse Schabowski ist Mitglied des Politbüros und Chefredakteur des ND!“
Die DHG und Kriminalisten aus Friedrichshain durchsuchten nun das Gebäude und begannen also auf Schabowskis Geheiß mit der Suche unten, und der Kripo-Chef bekam hinterher sicherlich noch einige Schwierigkeiten, weil er Schabowski nicht kannte. Von einer Bombe fehlte auch hier jede Spur.
Am 28. Oktober 1985 in den späten Abendstunden, es war ein Montag, ging abermals telefonisch eine Bombendrohung über die Notrufnummer 110 ein. Es wurde von einer männlichen Stimme mitgeteilt, dass in den Morgenstunden in Schönefeld in einem Flugzeug eine Bombe explodieren werde. Dem Diensthabenden gelang es, den Anrufer etwas länger am Telefon zu halten, so dass eine Rufnummernverfolgung gelang.
Die Einsatzzeit der D-Schicht war 23.00 Uhr, am vermuteten Tatort in Berlin-Adlershof im Glienicker Weg traf sie um 23.20 Uhr ein. Die Besitzerin des Anschlusses war eine Rentnerin, 71 Jahre, die auf mehrfaches Klingeln aber nicht öffnete. Nach Auskunft anderer Mieter, die aufgeweckt werden mussten, erfuhren die Kriminalisten, dass die Rentnerin verreist sei. Außerdem kam sie als Anruferin wohl auch nicht in Frage.
Da es in der DDR nicht viele private Telefonanschlüsse gab, richtete man Zweieranschlüsse ein, also zwei Telefonnummern auf einer Leitung. Das hatte den Nachteil, dass man nicht telefonieren konnte, wenn der andere Anschluss gerade besetzt war, aber in der Praxis kam das nicht so häufig vor. Die Ermittlungen ergaben, dass der zweite Anschluss im Nachbarhaus einer Herta K. gehörte. Die war aber auch auf Reisen.
Als die Kriminalisten der DHG nun im Treppenhaus aktiv waren und mehrere Mieter in ihrem Schlaf störten, öffnete im Hochparterre links ein junger Mann seine Wohnungstür und fragte freundlich: „Na Genossen, kann ich euch helfen? Ich bin freiwilliger Helfer der Volkspolizei.“ Er hatte also sofort erkannt, dass ermittelt wurde. Ihm wurde kurz erklärt, weswegen die Kriminalisten zu so später Stunde lärmten: „Wir suchen Frau Herta K.“ – „Kommen Sie doch rein, ich mache Ihnen einen Kaffee.“
Der junge Mann gab sich ziemlich verdächtig, aber die Kriminalisten machten gute Miene zum bösen Spiel. Während er in der Küche Kaffee kochte, machten sie es sich im Wohnzimmer gemütlich. Hinter den großen Kissen auf der Couch waren zwei Telefonbuchsen versteckt. „Haben Sie ein Telefon?“ war die Frage, als der Mieter Kaffee und Kekse servierte. Er nickte und gab bereitwillig sein Telefon heraus, das sich in einer Schublade aufhielt. „Aber ich habe lange nicht telefoniert.“ Der Chef der DHG Hans Ehrlich schloss es, ohne zu fragen, hinter dem Kissen an eine Telefonbuchse an. Entsetzen in den Augen des Verdächtigen!
Der Kriminalist Thomas Wiske war zwischenzeitlich im Vorraum des Kellers am Telefonkasten aktiv und konnte anhand der Kratzspuren feststellen, dass der Telefonanschluss von Herta K. häufig umgeklemmt worden war. Er legte die Leitung auf die Wohnung unten links um. Der Kriminaldienst im Stadtbezirk Treptow rief daraufhin Herta K. an, und das Telefon klingelte nun im Wohnzimmer.
Anton Rubingeist, so hieß der Verdächtige, legte daraufhin sofort ein Geständnis ab. Er gab zu, illegal zu telefonieren, und er habe mit einer Bombe gedroht – aus Frust, weil er sein Kind nicht mehr sehen konnte. Er war im Juni geschieden worden. Man kann sich gut vorstellen, dass ohne sein schnelles Geständnis und die gute Arbeit der Kriminalisten der DHG in Berlin-Schönefeld Chaos geherrscht hätte.
Passend zu dem Familiennamen des Bombendrohers bekamen alle Kriminalisten der D-Schicht kurze Zeit später als Dank vom Polizeipräsidenten in Berlin eine rubinfarbene handgeschliffene Kristallkaraffe aus der Lausitz.
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