Der Frieden von Nystad, den Russland und Schweden im Sommer 1721 schlossen, beendete den Zweiten (Großen) Nordischen Krieg, der in über zwei Jahrzehnten große Teile Europas einbezogen hatte. In Nystad sicherte sich Russland den Zugang zu seiner neuen Hauptstadt St. Petersburg, die Küsten des Finnischen Meerbusens und der Rigaer Bucht, einen Teil Kareliens mit Wyborg, Ingermanland, Estland mit Narwa und Reval, Livland mit Riga, die Inseln Ösel und Dagö.
Peter I. zahlte den Schweden für Livland zwei Millionen Reichsthaler, um den fundamentalen Unterschied zwischen seinen wiedergewonnenen Erbländern und den neuerworbenen baltischen Provinzen zu betonen. Zar Iwan IV. hatte die angestammte „russische Erde“ im Livländischen Krieg des 16. Jahrhunderts verloren. Peter stieß in Nystad das Fenster nach Europa auf! So lautet seit Jahrhunderten das Urteil der Historiker Europas. Russland löste Schweden als „nördliche“ Großmacht ab.
Peters Nimbus als autokratischer Erneuerer, der sein Reich mit Europa verband, wurde zu einem Wertmesser für seine Persönlichkeit. In der praktischen Politik schwankten die westlichen Reaktionen auf den Vertrag zwischen Respekt, Besorgnis und strategischen Überlegungen.
Die britische Krone fürchtete um ihre Handelsrouten in der Ostsee und vor allem, dass Holz und Teer für den Schiffbau ausbleiben könnten. Die Habsburger, der Kaiser und Teile des Heiligen Römischen Reichs fürchteten das Vordringen der Orthodoxie in das „christliche Abendland“. Sie versuchten ihre Ängste durch Bündnisverträge gegen das Osmanische Reich zu mildern. Preußen und Hannover begrüßten den Vertrag, weil er ihnen die bereits von Schweden erworbenen Gebiete in Norddeutschland sicherte. Frankreich, bislang enger Verbündeter Schwedens, musste sich neu orientieren und einen Weg nach Russland finden.
Das Ergebnis war die europäische Pentarchie: Fortan dominierten die fünf Großmächte Frankreich, Großbritannien, Österreich, Preußen und Russland das machtpolitische Leben. Doch das geschah niemals im Gleichklang gemeinsamer Interessen. Peter der Große war da ein markantes Beispiel.
Er versuchte die Annäherung an Europa gelegentlich mit Methoden, die den Widerstand des Westens hervorriefen und einen historischen Dauerkonflikt zwischen Ost und West provozierten. Peter war und ist aber eine Persönlichkeit, die wie nur wenige Menschen das Staunen und die Verwunderung der Welt hervorgerufen hat.
Als direkte Reaktion auf den Triumph von Nystad ließ sich Peter im November 1721 vom Senat den Titel „Kaiser“ (Imperator) verleihen – ein Schritt, den viele europäische Höfe aus Rangstolz erst Jahre später offiziell anerkannten. Die Selbsterhebung mag in den Augen westlicher Monarchen eine Anmaßung gewesen sein. Sie verliert ihre Originalität dadurch, dass alle Peter folgenden bedeutenden Herrscher der Romanow-Dynastie diesen Titel trugen und zumindest Katharina II. in der historischen Anerkennung den aufgeklärten absoluten Monarchen Friedrich II. von Preußen oder Joseph II. von Habsburg gleichgestellt wird.
Was unterschied Peter von diesen Herrschern und was war ihnen gemeinsam, abgesehen davon, dass Peter die Zeit des aufgeklärten Absolutismus in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts nicht erlebt hat. Es ist keine neue Erkenntnis der heute das moderne Geschichtsbild prägenden Historiker, dass Peter selbst im Zarenreich eine Ausnahmeerscheinung war und die systemimmanenten Charakteristika der Einheit von Orthodoxie und Autokratie nach seinem eigenen Willen bis an kaum noch erträgliche Grenzen trieb. In dieser Hinsicht stand er der Willkür Iwans des Schrecklichen aus dem 16. Jahrhundert weit näher als beispielsweise seiner Tochter Elisabeth, die 1741 den Thron bestieg, die Todesstrafe in Russland abschaffte und den Versuch unternahm, das russische Volk in seiner traditionellen Lebensart mit der Gewaltherrschaft Peters zu versöhnen. Aber die von Peter verfügte Auflösung des Moskauer Patriarchats und dessen Unterordnung in dem von ihm beherrschten „Heiligen Synod“ revidierte auch sie nicht. Peter hatte ja nur die Einheit von Orthodoxie und Autokratie gestärkt.
Dennoch bleiben Fragen, ob es berechtigt ist, Peters Macht und Gewalt als „Aufklärer mit der Knute“ zum alleinigen Maßstab für die Beurteilung seiner Handlungen zu wählen.
Die aktuellste Bewertung nimmt der Berliner Historiker Jörg Barberowski unter anderem in dem Buch „Der sterbliche Gott. Macht und Herrschaft im Zarenreich“ vor. Barberowskis Werk ist derart voluminös und in seiner Kausalität wie Komplexität interpretierungsfähig, dass der Interessent bezüglich der Bewertung Peters den Ratgeber KI befragte: Was will uns der Autor eigentlich sagen?
KI antwortet trocken: „Peter der Große wird von Baberowski als ein von europäischem Fortschritt getriebener Geist beschrieben, der Russland mit aller Macht nach Westen ausrichten wollte.“ Also war Peter doch ein „Aufklärer mit der Knute“, für den Fortschritt und Barbarei nur zwei Seiten einer Medaille bildeten? Die Festigung der bäuerlichen Leibeigenschaft und die Degradierung der Bojaren zum servilen Dienstadel sprachen dafür und stärkten die Autokratie.
KI gelangt zu dem Fazit: „Für Jörg Baberowski ist Peter der Große kein klassischer ,aufgeklärter‘ Monarch, sondern ein Prototyp des autokratischen Gewaltherrschers. Seine Vision eines modernen Russlands setzte er mit den psychologischen Zügen eines Tyrannen durch, der sein Volk wie Sklaven behandelte und Modernisierung nur durch Terror und totalen Gehorsam zu erzielen vermochte.“
Barberowskis Buch ist auf ein starkes Echo gestoßen und besonders die selbsternannten Russland-Experten in Zeitungen, Radiostationen oder sozialen Medien haben das Bild von der besonderen Willkür Peters mit dem Blick auf Wladimir Putin begeistert aufgenommen. Niemand hat aber die simple Frage gestellt, ob es logistisch überhaupt möglich gewesen ist, das Riesenreich allein mit der Willkür eines spontanen Autodidakten und hemmungslosen Despoten an der Newa zu regieren.
Die Information über das Werk Barberowskis belässt KI ausschließlich beim Autor. Fragt man KI aber nach den aufgeklärten Monarchen des 18. Jahrhunderts, erscheint auch unser großer Peter mit ansprechenden Gründen in deren Reihe.
KI betont, Peter förderte vor allem den deutschen Universalgelehrten Gottfried Wilhelm Leibniz und dessen russische Aufklärer in der „Gelehrten Republik“. Die europäischen Frühaufklärer befassten sich zu Peters Lebzeiten noch nicht mit umfassenden Staatstheorien. Sie waren praktische Rationalisten und Reformer. Leibniz beriet Peter bei der Modernisierung des Justiz- und Bildungswesens und entwarf die Pläne für die Gründung der Russischen Akademie der Wissenschaften. Oder Christian Wolff: Der deutsche Aufklärungsphilosoph half maßgeblich, westeuropäische Gelehrte für die Akademie in St. Petersburg zu rekrutieren. Doch Peter suchte nicht nur den Rat westlicher Gelehrter. Er sammelte eine Gruppe russischer rationalistischer Denker um sich, die seine Reformen ideologisch untermauerten. Dazu gehörte vor allem Theophan Prokopowitsch: Der Erzbischof von Nowgorod war der wichtigste theoretische Kopf der petrinischen Reformen. Er rechtfertigte im Geiste Thomas Hobbes‘ das Konzept des aufgeklärten Absolutismus und verfasste das „Geistliche Reglement“, das die Kirche dem Staat unterordnete.
Zu den russischen Frühaufklärern zählte auch Wassili Tatischtschew, der Ökonom, Geograf und Historiker, der als einer der ersten russischen Rationalisten gilt. Er begründete die moderne russische Geschichtsschreibung auf empirischer Basis und leitete im Staatsauftrag den Aufbau der Industrie im Ural.
So sehen wir bei der Betrachtung Peters des Großen drei Tendenzen. Der akademische Historiker Barberowski, der nach eigenem Bekenntnis lediglich „liest und schreibt“, seziert den brutalen Machtegoismus der personifizierten russischen Autokratie. Die davon begeisterten Russland-Experten vieler Couleur erkennen darin den Usurpator Putin. KI, die zukunftsträchtige Gestalterin der Welt von morgen, wägt ab und erlaubt den Blick in eine Vielfalt menschlichen Denkens und Handelns der Vergangenheit. Damit kann man sich durchaus anfreunden.
Schlagwörter: Autokratie, Detlef Jena, Geschichte, Peter I., Russland, Wladimir Putin

