Manches war doch anders: Über kleine und etwas größere Nazis

von Herbert Bertsch

Das Vergangene ist nicht tot; es ist nicht einmal vergangen.

William Faulkner in Requiem für eine Nonne

Von Christa Wolf als ersten Satz im Roman Kindheitsmuster

gebraucht und so ergänzt: Wir trennen es von uns ab und stellen uns fremd.

Seit der An- und Eingliederung der DDR zur Bundesrepublik gab es die Umkehrung der auf Fakten gestützten Propaganda der DDR zur Personalpolitik in der BRD, jetzt mit „Enthüllungen“ zur DDR. Hier als Beispiel Focus vom 8. Mai 2010, vermutlich auch vom Datum begründet. Unter der Überschrift „SED – Die große Mutter der kleinen Nazis“ heißt es: „Selbst DDR-Gegner glauben die Mär vom Antifaschismus. In Wahrheit machten viele Nazi-Verbrecher in der SED Karriere. […] Dazu gehörte beispielsweise Kurt Nier, von 1973 bis 1989 Vize-Außenminister […] Während die DDR-Propaganda westdeutsche Politiker wie Hans Globke und Theodor Oberländer wegen ihrer nationalsozialistischen Vergangenheit an den Pranger stellten, machten Ex-Nazis dort reihenweise Karriere.“

Sehen wir uns „Nier, einen Ex-Nazi an führender Stelle der DDR“ näher an: Am 20. April 1944 wurde er – wie viele Hitlerjungen der Jahrgänge 1926 und 1927 – in die NSDAP aufgenommen. 1944/45 leistete er Kriegsdienst in der Wehrmacht. Das Ende des Zweiten Weltkrieges erlebte er in einem Lazarett. 1945/46 arbeitete er zunächst als Waldarbeiter, bevor er in die SBZ umsiedelte. (Wikipedia: Kurt Nier) 1946 wurde er SED-Mitglied. Seit 1951 war er im außenpolitischen Dienst der DDR, zuletzt als Stellvertretender Minister für den Bereich Westeuropa. Nun diese Enthüllung, offenbar auch als Gegenstück zu einigen Offenbarungen im eigenen außenpolitischen Bereich.

Am 14. Juli 2007 kündigte Die Welt „Weitere Prominente in der Nazi-Kartei“ an: „Die einstigen SPD-Bundesminister Erhard Eppler und Horst Ehmke sowie der Philosoph Hermann Lübbe waren laut ‚Focus‘ Mitglieder der NSDAP. Auch der ehemalige ‚Bild‘-Chefredakteur Peter Boenisch soll in der Nazipartei gewesen sein. Nach Informationen des ‚Spiegel‘ findet sich in der Kartei im Bundesarchiv auch der Name des Soziologen Niklas Luhmann. Alle gehörten den Jahrgängen 1925 bis 1927 an. […] Vor zwei Wochen hatte ‚Focus‘ berichtet, dass auch die Autoren Martin Walder* (* vermutlich Walser gemeint) und Siegfried Lenz sowie der Kabarettist Dieter Hildebrandt als NSDAP-Mitglieder registriert waren“. Am 8. Juni 2011 schob Die Welt nochmals einige Fundstücke nach: „ Auch der frühere Chef des Goethe-Instituts Hilmar Hoffmann, der 2005 verstorbene Generalbundesanwalt Kurt Rebmann und der linksliberale Politologe Iring Fetscher waren laut den erhaltenen Karteikarten Mitglieder der NSDAP.“ Dazu wird noch der langjährige Direktor des Instituts für Zeitgeschichte Martin Broszat benannt, auch der Rhetorik-Professor Walter Jens. Bundesminister Genscher wurde wohl erst 1945 „Nazi“. (Vgl. Frankfurter Rundschau, 29. Juli 2014)

In den veröffentlichten Biographien führender bundesdeutscher Würdenträger gibt es erstaunlich oft diese Lücke. Aber, ob eingestanden oder nicht, will jemand ernstlich die „Nazi-Vergangenheit“ der Genannten mit der politischen Vita von Hans Globke und Theodor Oberländer ins Verhältnis setzen?

Diese Beiden waren, auch durch Prozesse in der DDR nicht nur der Verstrickung, sondern der führenden Mitwirkung beim Aufbau der Grundlagen der rassistischen Verbrechen vornehmlich gegen Juden überführt. Zur neudeutschen Wirkung von Globke als Vertrauter und Personalchef von Bundeskanzler Adenauer – er hatte 1941 die Mitgliedschaft zur Nazipartei beantragt, wurde aber abschlägig beschieden, weil er zuvor in der Zentrumspartei gewesen war – hier dies Zitat: „Daß die Gefühlswelle des Eichmannprozesses nicht über der Bundesrepublik (via Staatssekretär Globke) hereinbrach, konnte anscheinend nur durch geheime Waffenlieferungen an Israel, die Anfang 1965 den Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und den arabischen Ländern im Gefolge hatte, abgewendet werden.“ (Caspar von Schrenck-Notzing: „Charakterwäsche“, Ares Verlag Graz. Weiteres zur Person in „Fritz Bauer Archiv: Der Fall Dr. Hans Globke“.) Und Oberländer? Mitglied der NSDAP seit dem 1. Mai 1933, führender Ostforscher, am Hitlerputsch am 9. November 1923 beteiligt, von 1953-1960 Bundesminister, aktiver Gegner der Aussöhnung mit Polen. (Zur Person, auch mit jüngeren Forschungsergebnissen: Kurt Nelhiebel: „So war das mit Herrn Oberländer“ in Blätter für deutsche und internationale Politik, September 2004.)

Gibt es unter den Ex-Nazis in der DDR einen, der an Verbrechen am Schreibtisch oder als Durchführer beteiligt war und in die vergleichsweise Position eines Bundesministers, eines Bundeskanzlers gelangte? Als die moderne Aufrechnung begann, gab es noch Fragezeichen. Jetzt haben wir es mit einer Enthüllungsindustrie zu tun, die suggeriert, eigentlich sei die DDR der Nazi-Hort in Deutschland gewesen. Sind etwa Nazis reihenweise aus der BRD in die SBZ gewechselt, um der Entnazifizierung zu entgehen? Wohin trieb es die führenden Nazis unter den Flüchtlingen aus den Ostgebieten? Nahmen sie ihren Wohnsitz in der DDR? Zogen Betroffene nicht vor, vor allem „den Russen“ zu entkommen?

In der DDR gab es absolut und prozentual weniger Nazis mit Vergangenheit in leitender Position des NS-Regimes, als „im Westen“. Und mit der Antwort auf die rhetorischen Fragen bekommt unser Focus-Beispiel wohl unbeabsichtigt doch noch Sinn als Frage: Wenn es in der DDR die kleinen Nazis gab – wo und wie sind denn die großen verblieben? Im „Braunbuch“ kann man immer noch allerlei „Personales“ dazu erfahren.