Was bleibt? Über das literarische Erbe der DDR

von Hannelore Schmidt-Hoffmann

Vorab: Ein besseres Sinnbild für den Inhalt des Buches „AUSRADIERT?“ als das Foto auf dem Buchcover hätte sich wohl kaum finden lassen. Gleich einer Landmarke ragt ein Ruinenturm aus einer Trümmerlandschaft am Spreeufer. Dass es nicht irgendein fernes Kriegsgebiet ist, lässt die Stadtansicht mit Berliner Dom, Altem Museum, Zeughaus und Baukränen im Hintergrund erkennen.

Alles, was zuvor dort stand – Palast der Republik, Außenministerium der DDR – beseitigt, eingeebnet, verschwunden. Leere, ein großes Nichts. Kultur? Kein Ort, nirgends. Stattdessen: Vernichtung von Volksvermögen – dazu eines technisch grandiosen Kulturbauwerks. Rein politische Motive führten damals die Abrissbirne, die Asbestbelastung war erlogener Vorwand. Ulbrichts Kulturschande des Abrisses der Schlossruine im Jahre 1950 wiederholte sich am gleichen Ort mit gleicher fadenscheiniger Begründung.

Und ebenso erging es der Literatur aus dem deutschen Osten. Alles belastet, angeblich staatsnah, unliterarisch, unzeitgemäß. Ab auf den Müll. Nein, natürlich werden in Deutschland Bücher nicht mehr verbrannt wie 1933, dafür ist die Zeit doch noch nicht reif. Umgeschrieben und „“gesäubert““ wird aber schon. Oder einfach nicht mehr gedruckt.

Ältere erinnern sich bis heute an die verstörenden Bilder aus der Zeit der sogenannten Wende, wie die im Buch abgebildete Büchermüllkippe Plottendorf belegt. Auch anderswo auf einem Acker tonnenweise Bücher, verstreut zum Unterpflügen als Mistersatz, Bücherberge in stillgelegten Kohlegruben et cetera.

Was ist das für eine Kulturnation, in der massenhaft Bücher auf dem Müll landen, fragte sich nicht nur der Kathlenburger Pfarrer Martin Weskott. Mit Hilfe von Freunden rettete er Bücher von Müllkippen, weil er nicht fassen konnte, wie mit den Büchern umgegangen wurde. Auf dem Kirchengelände entstand so ein riesiges Antiquariat. Zeitgleich baute der Schauspieler Peter Sodann in Staucha bei Meißen aus entsorgten Büchern der Jahre 1945-1990 seine DDR- Bibliothek mit umfangreichem Antiquariat auf, die mittlerweile seinen Namen trägt.

80 Millionen Bücher aus DDR-Produktion wurden 1990 vernichtet, darunter beispielsweise Titel aus der gefragten „Bibliothek Deutscher Klassiker“, in Leinen gebunden, noch druckfrisch verpackt. Die Reihe „Exlibris“, Weltliteratur in bester Ausstattung. Lizenzausgaben. Oder Titel, die kurz zuvor noch als unerwünscht galten, zensiert waren, wie Rolf Henrichs „Der vormundschaftliche Staat“. Einzelheiten dazu sind in Carsten Gansels Buch „AUSRADIERT?“ nachzulesen. Hier erklärt der Literaturwissenschaftler, wie das literarische Gedächtnis eines Landes nahezu ausgelöscht wurde – und was das für die literarische Landschaft in Deutschland bis heute bedeutet.

Mit dem Untergang der DDR wurde förmlich über Nacht die ostdeutsche Literatur ebenso demontiert und diffamiert, wie alles andere auch, die Biografien der ostdeutschen Brüder und Schwestern eingeschlossen. Nie gekannte existentielle Sorgen um Arbeitsplatz und Eigentum beherrschten den Alltag der Menschen. Nicht nur Millionen Bücher wurden vernichtet, auch Verlage, Betriebe und Immobilien verramscht, Bibliotheken geschlossen. Bergeweise gingen Bücher an die Verlage zurück oder an die Zentrale vom LKG Leipzig, denn der Bestand der Buchhandlungen wurde komplett ausgetauscht.

Einst gab es in der DDR mehr als 32.000 Bibliotheken und Büchereien, in 97 Prozent der Städte und Gemeinden. Auch viele kleinere, in Schulen und Betrieben, Kulturhäusern und überall auf den Dörfern. Die meisten existieren nicht mehr. Lesekultur wurde flächendeckend zerstört.

Selbsternannte Experten werteten nach ihren ideologischen Maßstäben die Literatur aus der DDR anmaßend ab, literarische und ästhetische Fragen spielten dabei keine Rolle. Dies jedoch nicht erst seit 1990, sondern die Diffamierung begann schon nach der Gründung der beiden deutschen Staaten. Selbst die bekanntesten Autoren aus der DDR wurden als Staatsdichter verleumdet und ihre Werke teils sogar nachträglich diskreditiert. Nur wenige blieben von den gnadenlosen und überheblichen Urteilen verschont.

Es ist erschütternd und beeindruckend, wie Gansel dies an zahlreichen Beispielen nachweist. Für dieses großartige und umfassende Werk über das literarische Erbe der DDR gebührt Carsten Gansel Dank, denn er spricht Klartext, unbeschönigt und unverbrämt. Und er stellt zu Recht viele Fragen: Warum landete die Mehrzahl der Autoren pauschal im Schubkasten „staatsnah“? Warum wurden sie verunglimpft, delegitimiert und aus dem kollektiven Gedächtnis verbannt? Wem hätte ein gleichberechtigtes Miteinander von Ost und West geschadet, nicht nur die Literatur betreffend?

Einen Dialog auf Augenhöhe gab es nicht. Stattdessen Siegermentalität, Pauschalisierungen und Klischees ohne Ende. Das alles hatte traumatische Folgen, nicht allein für die diffamierten Schriftsteller. Aus diesem Erleben resultiert, dass „der Westen“ im Osten bis heute als dominant und übergriffig empfunden wird. Dies zeigt Carsten Gansel in seinem Buch exemplarisch und wirbt nachdrücklich für einen anderen Blick auf die Literatur aus DDR-Zeiten und ihre Literaten. Für diesen anderen Blick wird es höchste Zeit, auch auf die Ostdeutschen insgesamt. Eine Rehabilitierung wäre die logische Konsequenz.

Wie aber lässt es sich denen, die die die DDR nicht miterlebten, erklären, dass Literatur in der kleineren Republik viel mehr war als simple Ideologie? Leseland DDR war eben nicht nur eine Phrase, sondern Bücher reflektierten den Alltag mit all seinen Problemen und Widersprüchen, waren Lebenshilfe, Dialogpartner und mehr. Mittels der dem Buch angefügten Lektüreempfehlungen und einer weiteren Leseliste lässt sich dies leicht nachvollziehen.

„AUSRADIERT?“ ist nicht nur eine Literaturgeschichte der DDR, sondern weit mehr. Gansel steigt hinab zu den Wurzeln; zu den Anfängen, zurück in die Zeit nach dem Krieg, als alles besser werden sollte, menschlicher. Dialoge mit Schriftstellern, Leseerlebnisse und die konfliktreiche Zeitgeschichte sind in dem Buch versammelt, fügen sich zu einem hervorragenden Kompendium. Dazu ist es gut lesbar, spannend erzählt, anregend und aufregend. Der unbestechliche Blick des Wissenschaftlers trifft sich hier mit dem des intelligenten, kenntnisreichen Lesers der Literatur aus dem Osten Deutschlands. Eine unvoreingenommene Lektüre garantiert Erinnerungen, Erkenntnisse und Einsichten.

Dieses Buch ist ein „Störfall“, jedoch unentbehrlich, um Verluste bewusstzumachen, blinde Stellen aufzudecken. Vor allem aber hilft es, das Selbstbewusstsein im Osten zu stärken, ausgegrenzte Geschichte zu erhellen und die Diskrepanzen zwischen dem offiziellen „kollektiven Gedächtnis“ und dem individuellen aufzuhellen. Diese Form der Aufarbeitung und die kritische Reflexion sind dringend nötig. Zunehmend wird dabei deutlicher, dass aus den individuellen Erfahrungen der DDR-Zeit und gerade auch aus der Literatur denkenden Menschen besondere Einsichten erwachsen, die eine schärfere Sicht auf die Gegenwart ermöglichen.

„AUSRADIERT?“ sei besonders jungen Leuten und Westdeutschen empfohlen, weil es sichtbar macht, dass „der Osten“ ein Seismograph ist, zwar anders und unbequem, aber eben gerade nicht demokratiefern. Die Verweigerung, sich anzupassen, ist ein Ergebnis dessen, das Wort Demokratie wörtlich zu nehmen.

Überdies reagieren viele Menschen im Osten aus den Erfahrungen der DDR-Zeit allergisch gegen Bevormundung. Gegen das vereinnahmende Wir, gegen Schwarz-Weiß-Kategorien wie die „Guten“ und die „Bösen“. Unschöne Assoziationen weckt ebenfalls die ausgrenzende Floskel „unsere Demokratie“, die allzu sehr an „sozialistische Demokratie“ erinnert. Ganz zu schweigen von Tendenzen in den Medien, die der früheren „Aktuellen Kamera“ zunehmend ähneln.

Anfang der 1990er Jahre glaubten viele Neubundesbürger zunächst tatsächlich, in einer besseren Welt angekommen zu sein. In einer Welt, in der keine Schnüffler unterwegs waren, die Bahn fuhr, das Gesundheitswesen intakt war, die Justiz unabhängig und die Medien die Wahrheit sagten … Nun ja, inzwischen sind die Erfahrungen andere geworden, zu vieles erscheint als Déjà-vu.

In seiner klaren und hellsichtigen Analyse der gegenwärtigen Zustände in der Bundesrepublik – besonders im zweiten Teil des Buches – richtet Gansel sein Augenmerk auf die Rolle der Ostdeutschen als kritische Beobachter und „Aufstörer“ der saturierten alten Bundesrepublik. Aufschlussreiche Belege dafür hat er akribisch zusammengestellt, wie unter anderem Uwe Johnsons visionären Text „Wenn Jerichow zum Westen kommt“ oder Habermaas‘ Kritik an den fehlenden Möglichkeiten einer „Selbstverständigungsdebatte“ im Osten.

Gansel stellt Fragen über Fragen, die zum Denken zwingen. Was können Störungen bewirken? Wie sollten Regierende damit umgehen? Die Störer delegitimieren? Oder besser die Ursachen erforschen und abstellen? Wer bestimmt das „gesellschaftliche Gedächtnis“? Wer hat das Recht auf Deutungshoheit?

Die Mauer ist gefallen. Stattdessen durchziehen Gräben das Land und trennen die Menschen erneut. Eine gemeinsame Suche nach Antworten in Ost und West könnte dazu beitragen, all diese Gräben mit Wissen und Verständnis zu füllen. Die Lektüre von „AUSRADIERT?“ wäre dabei ein guter Wegweiser.

 

Carsten Gansel: AUSRADIERT? Wie die Literatur der DDR verschwand, Reclam Verlag, Ditzingen 2026, 383 Seiten, 28,00 Euro.

 

Am 10. April 2026 liest der Autor im Stadthaus Cottbus, Erich-Kästner-Platz 1 (am Piccolo-Theater),
Beginn ist 18:00 Uhr.