Unter dieser Überschrift hat die Autorin in unserer Sonderausgabe anlässlich 120 Jahre Schau-, respektive Weltbühne den Weg des ursprünglichen Theaterblattes zu einer „der berühmtesten Zeitschriften der Weimarer Republik“ nachgezeichnet. Jetzt sind wir darauf gestoßen, dass sie unter der nämlichen Überschrift bereits in der Weltbühne 5/1991, vor 35 Jahren, die Persönlichkeit Siegfried Jacobsohns, des Gründers und Herausgebers, beleuchtet hatte.
Dieser Tage – am 28. Januar – wäre Jacobsohn 145 Jahre alt geworden.
Die Redaktion
Siegfried Jacobsohn hatte ein paradoxes Verhältnis zu dem Blatt, das er 1905 als „Schaubühne“ gründete und das 1918 den Namen „Weltbühne“ erhielt: das „Blättchen“ war der Sinn seines Lebens, in so hohem Maße, daß seine Biographie fast ganz hinter der Geschichte der Zeitschrift verschwindet, die Leser dieser Weltbühne aber stieß er nur zu gern vor den Kopf. Sie wissen, schreibt er, „dass ich nicht nach ihnen frage“, und er fordert die Unzufriedenen immer mal wieder auf: „Jetzt ist der Augenblick, das Abonnement nicht zu erneuern – denn Ihr müßt Euch zuviel mit mir ärgern.“
Die tiefere Wahrheit einer Sache, so sagt man, verbirgt sich nicht selten hinter einem Paradoxon. Welche Wahrheit leitet diesen Herausgeber, der sich anscheinend so wenig Mühe gibt mit seinen Lesern, der sein Eintreten für Demokratie und für das Recht auf ein eigenes Urteil fast mit diktatorischem Gebaren verbindet?
Dieses Blatt, so sagt er einmal, sei nur dazu da, seine, Jacobsohns Meinung zu vertreten. Zwar korrigiert er sich wenig später, und meint, das sei „so pedantisch“ nicht gemeint, wer nur immer eine eigene Meinung mit blitzenden Waffen vertreten könne, dürfe das hier tun – doch dem Leser gesteht er Einmischung nicht zu. Er hat nur ein Recht: das Blatt zu lesen oder es abzubestellen. Einem schreibt er: „Mich wundert nur eins: woher Sie den Mut nehmen, Ihre Unzufriedenheit mit meiner Redaktionsführung anders auszudrücken als durch lautlose Abbestellung des Blattes. Spüren Sie nicht, daß jede sonstwie geartete Kritik eine Unverschämtheit ist?“
Und als eine Zeitschrift ihre Leser bittet, Wünsche für ihr künftiges Profil anzumelden, ist er voller Spott über diese willfährige Art, es einem jeden recht machen zu wollen. Er jedenfalls findet diese Form von Mitbestimmung, bei der heute dieser, morgen jener Leser seinen Willen einklagen kann, in hohem Maße einfältig. Nie wird er die schlechte Qualität eines Beitrags mit dem Geschmack seiner Leser entschuldigen. Sein Blatt ist nicht so, wie es sich der oder jener Abonnent vielleicht wünschen würde. Die Weltbühne sieht so aus, wie Jacobsohn das für richtig hält. Hier steht seine Meinung, nicht der Leser hat Ansprüche zu stellen, die Beiträge fordern den Leser. „Nach dem Munde der Leser zu reden: das ist ein Verbrechen der meisten Blätter, Zeitungen wie Zeitschriften, die Sünde wider den heiligen Geist.“ Sagt Jacobsohn.
Seit langem liegt die Weltbühne deshalb in Fehde mit den großen Zeitungskonzernen, die vorgeben, den Geschmack ihrer Leser zu bedienen, wenn sie immer rapider an Niveau verlieren. „Sie wollen in erster und letzter Reihe Geld verdienen“, so Jacobsohn, „und wissen in keiner einzigen Branche ein Geschäft, das es sich leisten darf, die Kundschaft vor den Kopf zu stoßen.“
Kann er es sich leisten? Lebt nicht auch er von seinem Blatt? Jedenfalls hat er andere Vorstellungen von der Rolle der Geistigen in dieser Welt. Er will vor den Kopf stoßen, damit sich in diesem Kopf etwas bewegt. Ob sein Heft Zustimmung oder Ablehnung erfährt, das ist ihm gleichgültig, er betont es immer wieder. Wichtig ist etwas anderes: daß es in den Köpfen zu arbeiten beginnt – „daß es gärt, entscheidet“. Nicht auf möglichst primitive Art Vorurteile des Lesers zu bestätigen und damit dessen geringe Erwartungen zu befriedigen, ist sein Ziel, in der Weltbühne soll der Leser finden, wovon Jacobsohn und seine Autoren erfüllt sind, die Dinge, von denen er glaubt, daß sie wichtig sind für die Menschen in diesem aus den Fugen geratenen Land. Er will nicht ablenken, er will konfrontieren, verunsichern, zum Denken verführen.
Das konkrete Anliegen wandelt sich, doch im Wesen sind sich die Dinge ähnlich, für die der Theaterkritiker S.J., dann der politische Redakteur S.J. eintritt. „Was ein wollender Mensch will, ist immer auf einen einzigen Satz zu bringen. Ich werde bis zu meinem hundertsechzigsten Jahre nichts andres wollen, nichts andres zu erreichen trachten, als daß die Deutschen sich vom ;Ring des Nibelungen‘ angewidert, von ,Figaros Hochzeit‘ beglückt fühlen. Das ist die Arbeit eines Lebens wert.“
„Was ein wollender Mensch will …“, das brachte er 1915, als er vierunddreißig war, auf die Formel „gegen Wagner und für Mozart“, später hieß es vielleicht eher „für Frieden und Gerechtigkeit, gegen den Knechtsinn der Bürger“. Doch in seinem Selbstverständnis war der Unterschied wohl so groß nicht: Er besaß dieses Blatt, um seine Wahrheit zu sagen, engagiert und leidenschaftlich, jene Wahrheit, die „hinter den Dingen“ liegt, die Wahrhaftigkeit in der Kunst und in der Gesellschaft.
Die Namen „Wagner“ und „Mozart“ bedeuteten für ihn mehr nur zwei Kunstauffassungen. Wagner war für ihn „nur ein Sammelname für die hassenswürdigsten Begriffe: Krampf, Unklarheit, Großmannssucht, Unanmut, Brunst und Dunst, Lautheit, Breite, Kulisse, Treibhaus, Öde und Schwerfälligkeit. Drüben aber“, beim geliebten Mozart, „ist: Helligkeit, Grazie, Natur, Heiterkeit, Unschuld und Leidenschaft, Adel, Süße, Tiefe, Gefühl, Schwermut und Schwerelosigkeit.“
Das ist tatsächlich das Programm eines Lebens, aus dem sich auch das Engagement für eine gerechtere, friedensbereite Welt entwickeln konnte. Wir haben das lange nicht begriffen, daß aus Sehnsucht nach Heiligkeit, Grazie, Heiterkeit leidenschaftlicher Kampf erwachsen kann – und daß gerade diese Sehnsucht nach dem Vollkommenen hellsichtig macht für Gefahren, die der Menschlichkeit auch im Namen der Menschlichkeit drohen können.
Wissen um dieses Ziel der Vollkommenheit hat Jacobsohn kompromißlos gemacht, es hat ihm das Gefühl gegeben von seiner Aufgabe, die Wahrheit, seine Wahrheit, zu schreiben, für die, die weder so klar noch so mutig denken wie er. „Ich schreibe nicht, um Euch zu gefallen — ihr sollt was lernen.“
Ist das der diktatorisch fordernde Jacobsohn? Der den Beruf des Schriftstellers in der Verkündung seiner Wahrheit sieht? Doch gerade hier ist der Punkt, an dem er sich von den großen Zeitungen unterscheidet, die scheinbar so bereitwillig auf die Wünsche ihrer Käufer eingehen. Jacobsohn hat ein genaues Bild von seinem Leser, es ist der Mensch, der denken will, der Meinungen zur Kenntnis nimmt, sie abwägt, verwirft, akzeptiert. Sich seinen Leser so vorzustellen, mit eigenem Urteil und Lust am Denken, das war die Achtung, die er ihm entgegenbrachte. Für ihn hat er gearbeitet, ein Leben lang.
Die Schreibweisen des Originals wurden beibehalten.
Schlagwörter: Blättchen, Heidemarie Hecht, Schaubühne, Siegfried Jacobsohn, Weltbühne

