Das Wienprinzip funktioniert immer noch. Selbst dann, wenn dort jetzt allen Ernstes die Schließung der Kammeroper (als kleine Bühne des Theaters an der Wien) aus Kostengründen beschlossene Sache scheint. Und auch, wenn mal keine Premiere an diesem Stagione-Haus ansteht.
Die Staatsoper zog diesmal mit einer „Fidelio“-Inszenierung von Puppenspieler Nikolaus Habjan die Aufmerksamkeit auf sich. Damit wurde eine in 55 Jahren Laufzeit quasi zum Kulturerbe avancierte Otto-Schenk-Inszenierung abgelöst. Für Nichtwiener war der Jubel, den auch das Inszenierungsteam kassierte, schwer nachvollziehbar. Die Verdopplung von Leonore und Florestan durch Puppen war zwar ambitioniert, ergab aber nicht durchgängig Sinn. Ansonsten dominierten Rampe und Chortableau. Inszenierung als unpolitische Akzentsetzung – da brauchte es schon Franz Welser-Möst am Pult des Opernorchesters und den Furor, den der in die dritte Leonoren-Ouvertüre legte, die in Wien seit Gustav Mahler Gesetz ist, um Beethoven den gebührenden Respekt zu zollen.
Das zweite Großpremiere bot das Burgtheater mit Simon Stones Ibsen-Überschreibung „Ferienhaus“, für die er als Autor und Regisseur steht. Der australisch-schweizerische Theatermann hat sich vor allem in Wien als Überschreiber von bewährten Stücken etabliert. Das jüngste, auf einer ganzen Reihe von Ibsen-Stücken basierende Familien-Drama kam schon 2017 in Amsterdam zu Bühnenehren. Jetzt ist es in Wien angekommen – mit österreichischem Tuch und vor allem mit dem fabelhaften Ensemble des Burgtheaters.
Stone selbst rückt seine über mehrere Generationen reichende Familientragödie durch die Einteilung in „Paradies“ „Purgatorium“ und „Inferno“ selbst in die Nähe von Dantes Welttheater der menschlichen Komödie. Die freilich mehr wie eine Tragödie daherkommt. Er liefert sie mit dem bürgerlichen Selbstreflexionsfuror Ibsens. Wieder mit einem seiner schon oft bewährten Bühnenhäuser (von Lizzie Clachan), in denen man den Menschen beim Leben, inklusive aller seiner Schattenseiten, zusehen kann. Das Haus hat hier selbst eine Hauptrolle. Architekt Carl (Michael Maertens) hat den in den Sechzigerjahren kühn modernen Bau, den in Wahrheit sein Neffe Daniel (Michael Wächter) entworfen hat, nur unter seinem Namen vermarktet.
Das Haus bleibt in den folgenden Jahrzehnten ein Ort von Missbrauch, Betrug und Selbstbetrug, brennt gar zweimal ab. Im ständigen Wechsel zwischen den Zeiten (von 1964 bis in die nahe Gegenwart) und mit gut gemachten, aber nicht immer auf Anhieb zu erfassenden Rollenwechseln werden die Tragödie und der Untergang einer Familie zelebriert, bei der sich die Ursünde des Missbrauchs durch den pädophilen Carl gleichsam von Generation zu Generation weitervererbt. Trotz des eskalierenden Grauens zieht das in seinen Bann. Auch, weil ein exzellentes Ensemble, das von den Stars des Hauses – Michael Maertens und Roland Koch, Caroline Peters und Birgit Minichmayr – angeführt wird, zur Hochform aufläuft. Die virtuose Besetzung in allen Rollen schärft den detektivischen Spürsinn, um bei den Doppelrollen, die sich aus den permanenten Zeitsprüngen ergeben, bei der Sache zu bleiben und sich an der ariosen Divenvirtuosität zu ergötzen, wenn sich die Monologe von Minichmayr oder Peters zu da capo Arien auswachsen.
Bei all dem Diskursleerlauf, der einem auf den Bühnen entgegengebrüllt wird, ist dieses „Ferienhaus“ ein Ort, den man als Zuschauer gerne für ein paar Stunden besucht. Selbst, wenn da das Grauen regiert.
Was ja eh ein Leitmotiv im Burgtheater-Spielplan ist und auf hohem Niveau zelebriert wird. Etwa mit der Bühnenfassung von Thomas Bernhards Roman „Auslöschung. Ein Zerfall“. Therese Willstedt (Regie) und Marten K. Axelsson haben daraus einen Theatermonolog gemacht, den vier Mimenpaare auf einer bühnenfüllenden roten Freitreppe unter sich aufteilen. Für einen Besuch der Beerdigung der verunglückten Eltern und des Bruders breitet das Erzähler-Ich all die austriakische Bitterkeit aus, die die Österreicher ihrem Lieblingsnestbeschmutzer längst nicht mehr übel nehmen.
Als apartes, urkomisch trauriges Bernhard-Pendant triumphiert im Josefstadttheater übrigens seit Oktober dessen Exdirektor Herbert Föttinger in aller Mimenpracht als dessen „Theatermacher“.
Als Hausdebüt im Josefstadttheater holte Regieikone Andrea Breth aus Christopher Hamptons „Ein deutsches Leben“, das auf einem Interview mit der Sekretärin von Joseph Goebbels basiert, heraus, was an Nachdenkanregungen aus diesen Erinnerungen einer vermeintlich Unwissenden herauszuholen ist. Das funktioniert auch dank der großartigen Lore Stefanek.
Im Akademietheater liegen (Theater)-Licht und (Zeitgeist)-Schatten dicht beieinander. Im Falle des an sich unkaputtbaren „Richard III.“ kann man miterleben (respektive durchleiden), wie selbst ein Nicholas Ofczarek mit seiner wuchtigen Präsenz Shakespeares Klassiker nicht retten kann, wenn ihn, wie in der von Bühnenbildner Wolfgang Menardi fertiggestellten Johan-Simons- Inszenierung fünf nur halbbekleidete Frauen im schmuddlig gekachelten Einheitsraum in sämtlichen über zwanzig teils eben auch Männer-Rollen vorwiegend anbrüllen. Da nützt es auch nichts, wenn die Dörte Lysseswki oder Sylvie Rohrer heissen und man die Thomas-Brasch-Übersetzung ganz gut versteht. Vom Stück als Ganzem lässt sich das nicht sagen.
Anders die Radikalkomödie von Werner Schwab „Volksvernichtung oder Meine Leber ist sinnlos“ in der Regie von Fritzi Wartenberg. Deren Leistung besteht vor allem darin, das spektakuläre Bühnenbild von Jessica Rockstroh im wahrsten Wortsinn ohne Absturz bespielen zu lassen. Die Draufsicht auf Wohnungen (hier in einem Mietshaus des Grauens) ist wie in einem Daniel-Spoerri-Bild in die Vertikale gestellt. Hier ist Stefanie Reinsperger als der missratene, perverse Herrmann das Mutter(hassende)Söhnchen von Frau Wurm (Maresi Riegner). Hinzu kommen Herr und Frau Kovacic (Sebastian Wendelin und Zeynep Buyrac) und deren Töchter. Plötzlich lädt die sich über alle erhebende Frau Grollfeuer (Franziska Hackl) zu einer Geburtstagsfeier in ihre Wohnung ein. Was die Hausbewohner nicht überleben, versteht sich. Das ist Theater, bei dem sich die poetische Boshaftigkeitssprache bestens mit einer ästhetisch-artistischen Schauspielkunst verbündet …
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