26. Jahrgang | Nummer 17 | 12. Oktober 2026

Der Edle Schubart von dem Kleefeld

von Detlef Jena

Das heutige Bundesland Sachsen-Anhalt, das in den Medien gelegentlich als ein „zusammengepuzzeltes“ Land bezeichnet wird, war bei seiner Gründung 1947 in der Tat ein reines administrativ gebasteltes Kunstgebilde, das unter seinen Bewohnern nur zu ernsthaften und langwierigen Identitätsproblemen mit politischen Turbolenzen führen konnte.

Die willkürliche Abfolge der Begriffe Freistaat Anhalt, Land Anhalt, Herzogtum Anhalt, Provinz Sachsen und Land Sachsen-Anhalt unter wechselnden politischen Systemen bezeugt das Verhängnis: Die mitteldeutsche Region war über Jahrhunderte politisch und strukturell stark zersplittert – aufgeteilt primär in anhaltische Fürstentümer, preußische Gebiete und sächsisch-thüringische Territorien. Umso bemerkenswerter ist es, dass gerade dieses Mitteldeutschland seit dem Mittelalter ein bedeutendes Zentrum deutscher Geschichte in Politik, Kultur und Industrie gewesen ist. Der Faden reicht von der Herrschaft der Ottonen über die Reformation, die freien Reichsstädte, die Fruchtbringende Gesellschaft und Johann Sebastian Bach in Köthen, das Dessau-Wörlitzer Gartenreich bis zum zukunftsträchtigen Aufschluss von Salz und Kohle.

Da darf der Edle Schubart keinesfalls vergessen werden. Selbst wenn die Wellem der Erinnerungskultur zu seiner Persönlichkeit überregional nicht gar so hoch schlagen. Eigentlich hörte der rastlose Erfinder auf den schlichten Namen Johann Christian Schubart. Als Sohn eines Webers und Tuchhändlers wurde er am 24. Februar 1734 in Zeitz geboren. Das Identitätsproblem bekam er ungewollt gleich mit in die Wiege gelegt. Denn die Stadt Zeitz gehörte damals zum Kurfürstentum Sachsen, nachdem 1718 das Herzogtum Sachsen-Zeitz als albertinische Secundogenitur erloschen war. So wollte es der verstorbene Herzog Moritz Wilhelm in seinem Testament! Schubart sah sich dadurch nicht in seinen Freiheitsrechten eingeschränkt. Er wollte den sozialen Aufstieg und ließ sich zum „Schreiber“ ausbilden. Der Erfolg verhalf ihm zur Würde eines „Sekretärs“ und als solcher wanderte er bis nach Wien.

Im Siebenjährigen Krieg profitierte er vom Ehrgeiz der Militärs, mehr oder weniger glänzende Siege von Schreibkundigen für die Ewigkeit festhalten zu lassen. Schubart avancierte1760 zum „Königlich Großbritannischen Kriegs- und Marschkommissar“ bei der englisch-hannoverschen Armee und erregte schließlich sogar die Aufmerksamkeit des verbündeten Preußenkönigs Friedrich II.

Seine Reputation und seine Aufgaben stiegen, seitdem er sich intensiv bei den Freimaurern engagierte. Als Großmeister und Propagandist der Berliner Großen Mutterloge „Zu den drei Weltkugeln“ bereiste er zwischen 1763 und 1767 zahlreiche Länder Europas. Dabei stieß er auf die Notwendigkeit, eines der Grundprobleme seiner Zeit zu lösen, um die Ernährung der Menschen zu sichern. Die katastrophalen Kriegsfolgen verlangten eine Intensivierung der landwirtschaftlichen Produktion. Schubart konzentrierte sich mit Erfolg darauf, die Qualität des Kleeanbaus zu verbessern und dieser Futterpflanze für die Ernährung von Mensch und Tier größeres Gewicht zu verleihen.

Das Besondere seiner Bemühungen bestand in der engen Verbindung mit dem Fürsten Leopold III. von Anhalt-Dessau, dem Schöpfer des Wörlitzer Gartenreichs. „Vater Franz“, so nannte man ihn, revolutionierte in seinem Fürstentum die Landwirtschaft und wirkte auf die ganze mitteldeutsche Region, indem er die Erfahrungen der englischen Agrokultur anwandte. Er importierte englischen Kleesamen, den er auch Schubart zur Verfügung stellte, verbesserte dadurch mit erhöhter Stickstoffbindung die Bodenqualität und produzierte ertragreicheres Futter für die Stallviehhaltung. Daraus folgten neue Betriebe für die Schaf-, Rinder- und Pferdezucht. Eine ganze Region veränderte ihr Gesicht und verband, ausgehend vom Dessau-Wörlitzer Gartenreich, das Nützliche mit dem Schönen. Es wurden Alleen mit Obstbäumen angelegt. Durch die Melioration der Flussniederungen und die Aufschüttung von Deichen endstanden neue Ackerflächen und die Hochwassergefahr wurde gemildert.

Für den Dessauer Fürsten Leopold III. war die Landwirtschaft struktureller Bestandteil eines aufgeklärten Staatswesens, der in seinem Zentralismus die Philosophie ebenso einschloss wie die Kunst, das Bildungswesen, die Literatur oder das soziale Gefüge der Gesellschaft. Europa wurde auf diesen anhaltischen Kleinstaat aufmerksam! „Fort, fort, der Südost fliegt gerade über Wörlitz“, schwärmte Jean Paul. Und Goethe beteuerte: „Hier ists jetzt unendlich schön …“ Der an den großen Höfen umjubelte Prinz von Ligne riet Russlands Kaiserin Katharina II., dem Dessauer Beispiel zu folgen.

So weit langte Schubarts Ruhm freilich nicht. Er partizipierte vom Glanz Dessaus. Die lukrative Heirat mit einer Leipziger Kaufmannstochter verschaffte ihm ein ansehnliches Kapital. Schubart kaufte das Rittergut Würchwitz bei Zeitz. Es war eine gute Wahl, mit der er seinen nun folgenden Marsch in die Geschichtsbücher eröffnete!

Schubart setzte im großen Stil auf den Gewinn verheißenden Anbau von Nutzpflanzen mancherlei Art: Klee, Luzerne, Esparsetten, Rüben, Kartoffeln, Tabak oder auch Krapp, eine Färberpflanze, auf deren Basis er eine Fabrik für rote Farbstoffe betrieb. Der fleißige Gutsherr lockerte nicht nur eigenhändig die Ackerkrume. Die Qualifikation als „Schreiber“ versetzte ihn in die Lage, zum Adepten der höheren Agrarwissenschaften im 18. Jahrhundert aufzusteigen.

Ab 1781 veröffentlichte er in der Zeitschrift Magazin für Naturkunde, Mathematik und Oeconomie Beiträge über die Kultivierung von Klee, Rüben und Tabak und schlussfolgerte aus seinen Erfahrungen eine geradezu umstürzlerische Idee: Nicht allein in verbesserten Anbaumethoden liegt das Geheimnis der Gewinnmaximierung! Die gesamt Agrarverfassung steht zur Debatte! 1783 veröffentlichte er die Schrift „Hutung, Trift und Brache; die größten Gebrechen und die Pest der Landwirthschaft.“ Mit klaren Worten wandte sich Schubart gegen die adeligen Weide- und Triftrechte, die die Bauern zum überkommenen Brachliegen ihrer Ackerflächen zwangen.

Vielleicht ohne es zu ahnen, griff Schubart in die literarische Diskussion über den Sinn einer modernen – bürgerlichen – Garten- und Landschaftsgestaltung ein, die damals auch Goethe intensiv umtrieb. Schubart strebte nicht nach ästhetischen Debatten aufgeklärter Fürsten, Philosophen oder Schriftsteller. Er forderte den wirtschaftlichen Erfolg durch die Verbindung von Wissenschaft und Praxis und traf auf ein waches sozialökonomisches Interesse in der Gesellschaft.

Der 1784 als Buch veröffentlichte „Gutgemeinte Zuruf an alle Bauern, die Futtermangel leiden …“ war ein wahrer Bestseller, erlebte neun Auflagen (die illegalen Raubkopien dieses „Volkslesebuchs“ nicht gerechnet) und drang in die Bauernköpfe ganz Europas. Da Kaiser Joseph II. in den böhmisch-österreichischen Ländern 1781 die Leibeigenschaft der Bauern aufgehoben hatte, besaß auch er ein Interesse an Schubarts Erkenntnissen. Als Dank für den agrarischen Reformeifer erhob der Kaiser den Schreiber in den Reichsadelsstand und verlieh ihm den denkwürdigen Titel „Edler von dem Kleefelde“.

Der so nobilitierte „Wohltäter der Menschheit“, der bis zu seinem Tode 1787 der heimischen Scholle und dem Klee treu blieb, genießt in der wissenschaftlichen wie in der praktischen Agrargeschichte gleichermaßen hohe Anerkennung. Es war mehr als ein Achtungserfolg, dass ihm die Landwirte seiner Gemeinde 1851 ein Denkmal errichteten: Sie ehrten Schubart, den Edlen Ritter vom Kleefeld, und nützten sich selber. Außerdem war die Denkmalsweihe Anlass genug, eine hübsche Tradition zu begründen: Lange bevor die deutsche Event- und Spaßgesellschaft erfunden wurde, feierten die Würchwitzer alljährlich im Juni zu Ehren Schubarts das „Kleefest“, bei dem auch heuer der inzwischen weithin gerühmte Würchwitzer Milbenkäse feilgeboten wurde, über den Helmut Pöschel, der Begründer des Würchwitzer Filmstudios, so trefflich bemerkt hat: „Das Leben der Käsemilben ist simpel: Sie werden geboren, rennen auf dem Käse hin und her, und eines Tages sind sie tot.“ So viele Attraktionen in einem kleinen Dorf – von den fleißigen Bienen über Schubarts Klee gar nicht zu sprechen. Ist das nicht goldig in einem zusammengepuzzelten Land?