26. Jahrgang | Nummer 17 | 12. Oktober 2026

Daniel Chodowiecki: Im Geiste der Aufklärung 

von Klaus Hammer

Die Deutschen sehen ihn als Deutschen, die Polen als einen der ihren an. 1726 in Danzig geboren, war Daniel Chodowiecki schon 1743 nach Berlin gegangen, wurde Maler und Kupferstecher und durch seine Illustrationen weltbekannt. Im hohen Alter leitete er bis zu seinem Tod 1803 die Preußische Akademie der Künste. Zu seinem 300. Geburtstag wird er in diesem Jahr gefeiert wie ein Star. Im Rahmen eines gemeinsamen Jubiläumsprogramms „Chodowiecki 300“ finden 50 Veranstaltungen – Ausstellungen, Themenabende, Workshops, Tagungen, Stadtführungen bis hin zu digitalen Formaten – an 22 Orten im deutschen wie im polnischen Raum statt. Um nur die Ausstellungsereignisse in Berlin und Umgebung zu nennen: Das Kupferstichkabinett zeigt in Kooperation mit der Akademie der Künste und der Gemäldegalerie der Staatlichen Museen zu Berlin mehr als 20 der bedeutendsten Werke des Künstlers. Im Zentrum steht die künstlerische Auseinandersetzung Chodowieckis mit dem Justizskandal um Jean Calas, frei erfundene „Ereignisbilder“, die authentisch wirken sollen und in denen der Künstler für religiöse Toleranz und gegen absolutistische Willkür eintritt („Berliner Bilder der Aufklärung“, Kulturforum, Gemäldegalerie, bis 10. Januar 2027). Das Hugenotten-Museum widmet sich Chodowieckis hugenottischer Gesinnung und seinem Engagement für die Französische Kirche (Französischer Dom am Gendarmenmarkt, bis 25. Oktober). Mit den „Zwölf Leben des Daniel Chodowiecki“ wird im Schloss Neuhardenberg eine Wiederentdeckung des so produktiven Künstlers unternommen, von dem mehr als 4000 Arbeiten überliefert sind (bis 27. Dezember).

Hier soll es indes um eine Wiederbesinnung und zugleich Neusichtung seiner Illustrationen literarischer Werke gehen – wohl das größte Verdienst dieses epochalen Künstlers. Eine zupackende und zugleich prüfende Wirklichkeitserfahrung bildet die Grundlage für seine Tätigkeit als Illustrator von Meisterwerken der Weltliteratur wie auch zeitgenössischer deutscher Autoren, die heute als Klassiker gelten: von Cervantes‘ „Don Quixote“ bis zu den Stücken Shakespeares, von Voltaires „Candide“ bis zu Lessings „Minna von Barnhelm“, dem „Messias“ von Klopstock, Goethes „Werther“ in mehreren Fassungen, seinem „Götz von Berlichingen“, Schillers „Räuber“ und „Kabale und Liebe“. Chodowiecki schuf Illustrationen zu den englischen empfindsamen Romanen von Goldsmith, Richardson und Sterne, Werke, die der Subjektivität Priorität gegenüber den äußeren Ereignissen zuweisen. Aber auch Rousseaus Briefroman „Die Neue Heloise“, eine lose komponierte tragische Liebesgeschichte, die europäische Wirkung erlangte, hat er bildkünstlerisch ausgestattet. Hinzu kamen Illustrationen zu den Fabeln, Idyllen, Gedichten und Balladen deutscher Dichter wie Gellert, Gessner, Gleim und Bürger. Aber er hat auch frei erfundene, belehrende, moralisch-satirische Illustrationsfolgen geschaffen, die ein nachdrückliches, vom Geist der Aufklärung getragenes Bekenntnis zum Natürlichen waren. In einer besonderen Gruppe von Illustrationen greift er auch altbekannte zyklische Themen wie die Jahreszeiten, die Lebensalter oder den Totentanz auf. Belehrung des Publikums, Beitragen zur Verbesserung der Sitten, Darstellung der erstrebenswerten Ideale und auch der falschen, abschreckenden Verhaltensweisen – seine Illustrationsfolgen waren eine Art moralisch-pädagogischer Anstalt, in der sich das Publikum bilden und zu höherer Menschlichkeit streben sollte.

Eine Kombination von Authentischem und Stimmungsvollem, Ratio und Gefühl, Realistischem und Pathetischem liegt den 1770 erschienenen Kupferstichen zu „Minna von Barnhelm“ zugrunde. Der Bildraum ist als ovaler Ausschnitt wie durch ein Guckkastenloch in den mit einer Blumengirlande und der genauen Akt- und Szenenangabe versehenen Rahmen eingefügt. Wir erleben eine Bühnenaufführung en miniature, der intimen Sphäre einer Kammerbühne vergleichbar, die Figuren stehen einzeln, sich gestisch entfaltend, oder dicht gedrängt, dann mehr mimisch als gestisch agierend, hintereinander gestaffelt bis in die Tiefe des Hintergrundes. Es ist, als wolle Chodowiecki seine Modelle in ihrer körpersprachlichen Ausdruckskraft und „erfühlbaren“ Seele belauschen.

Viermal hatte Chodowiecki Gelegenheit, sich mit den „Leiden des jungen Werthers“ auseinanderzusetzen, in denen Goethe paradigmatisch die Gefühle seiner Generation artikulierte. Und so lassen sich Chodowieckis verschiedene Varianten des Werther-Themas über ein ganzes Jahrzehnt miteinander vergleichen, versatzstückartig werden immer wieder neue Szenen und Bilder eingefügt. Auch Goethes Briefroman erzählt ja nicht kontinuierlich, sondern in Zeitsprüngen, die aus dem Datum der Briefe ersichtlich werden. Chodowiecki sieht Goethes Roman gebaut wie eine Welt in lauter Welten, sie erzählen eine Geschichte in der Geschichte in der Geschichte. Mit jedem seiner Briefe versetzt uns Werther in eine eigene Welt, aus der heraus er jedes Mal ganz als er selbst spricht. Er teilt uns nicht eine Ansicht, nicht eine momentane Stimmung mit, sondern die Welt, so wie er sie gerade erlebt, so wie sie ist. Das hat zur Folge, dass sich Chodowieckis Bildwelten auch gegeneinander absetzen müssen. Sie werden zu selbstständigen Geschichten, und wie die Folge von Briefen reiht auch die Folge von Bildern Begebenheit an Begebenheit, Welt an Welt, jederzeit veränderbar und ergänzungsfähig.

In seinen Illustrationen zu den „Räubern“ und zu „Kabale und Liebe“ wird durch das Schriftbild unterhalb der szenischen Darstellung der Vorführungscharakter dieser Schaubilder unterstrichen und die Darstellung zusätzlich distanziert. Befand sich der Bildbetrachter in den Szenen der „Minna von Barnhelm“ in der Rolle des „heimlichen Zuschauers“ (Willi Geismeier), der höchst intime Vorgänge zur Kenntnis nimmt, so wird ihm jetzt eine Publikums-, eine Öffentlichkeitsfunktion zugewiesen. Er wird zum Augenzeugen von Vorgängen, die der Öffentlichkeit nicht länger vorenthalten werden sollen. Der Bildraum hat sich gegenüber dem im Lessing-Drama zwar verengt, hat eine weit geringere Tiefe, aber er ist ganz zum dramatischen Aktionsraum geworden, in dem die Figuren gestenreich und meist dem Betrachter zugewandt agieren. „Die Szene wird zum Tribunal“ – der Betrachter ist aufgefordert, die Vorgänge auf der Bühne zu beurteilen. Ohne also auf das Bühnenbild einer bestimmten Aufführung konkret Bezug nehmen zu müssen, können die Dramenillustrationen jetzt ausgeprägte Züge einer Bühnenhandlung tragen.

Chodowieckis geistige Welt, die er auch seinen Illustrationen zugrunde legte, war die der Aufklärung, deren Toleranz- und Natürlichkeitsideale die Herausbildung von Subjektivität und Individualität befördern sollten. Seine Stärken bestanden im Erfassen typischer Figuren und entsprechender Verhaltensweisen, in der körpersprachlichen Ausdruckskraft, die auch die Seele der Figuren „erfühlbar“ werden lassen sollte, in der Akkuratesse von Ausstattung und im Milieu, im Erfassen einer im Text beschriebenen Szene, einer Momentsituation, die sich als Dreh- und Wendepunkt in der Handlung erweisen kann, im Erfinden einer Pointe, die das jeweilige Bildgeschehen treffend charakterisiert, und in einer mitunter drastisch verdeutlichenden Darstellungsweise.