Die AfD eilt von Wahlsieg zu Wahlsieg. Bei gesamtdeutschen Umfragen erreicht die Partei mittlerweile um die 28 Prozent. Parallel zu diesem Stimmenaufwuchs mutierte die AfD zur „Arbeiterpartei“: 2017 gelang ihr der Durchbruch bei dieser Wählergruppe; sie holte in dieser bundesweit bereits rund 21 Prozent der Zweitstimmen; bei nur knappen 13 Prozent insgesamt. Die SPD lag mit rund 24 Prozent noch vor ihr. Bei der Bundestagswahl 2025 kam die AfD auf knapp 21 Prozent der Zweitstimmen und erreichte unter Arbeitern 38 Prozent, während die SPD auf zwölf Prozent fiel, die Union kam immerhin noch auf 22 Prozent.
Diese Wahlergebnisse belegen einen grundlegenden Wandel der parteipolitischen Orientierung unter Arbeitern: Die AfD ist in dieser Wählergruppe zur stärksten politischen Kraft aufgestiegen. Damit hat sie sich eine Wählerbasis erschlossen, die lange Zeit Domäne vor allem von SPD und Union war.
Dahinter verbirgt sich ein Prozess. Moderne Industrien benötigen für ihre spezialisierten und qualitativ hochwertigen Waren Märkte, die die Nachfrage ihrer heimischen Volkswirtschaften (deutlich) übertreffen; die deutsche Autoindustrie war dafür lange Jahre das Paradebeispiel. Einen „Bimmer“ – also einen BMW – zu fahren, galt in den USA lange als chic, und auch Chinesen fuhren auf deutsche Autos ab – zwei Riesenmärkte, die der deutschen Autoindustrie über Jahre exorbitante Gewinne bescherten. Auch deren Mitarbeiter profitierten – so verdienten 40 Prozent der deutschen Beschäftigten der Porsche AG in guten Jahren 100.000,00 Euro brutto. Lang ist‘s her.
Auch der Maschinenbau, die Chemieindustrie und andere Industriezweige waren und sind teilweise noch exportintensive Branchen; Deutschland war so – auch dank preiswerter Energie aus Russland – über Jahrzehnte die erste oder zweite Exportnation weltweit. Momentan hält nach China und den USA imerhin noch den Bronzeplatz.
Durch Überkapazitäten, Protektionismen, Zoll- und Embargomaßnahmen, aber auch durch eigene strategische Fehlentscheidungen und Missmanagement brachen diese Exportmärkte in Größenordnungen ein und die genannten Branchen leiden unter massiven Arbeitsplatzverlusten. Zwischen Anfang 2019 und Ende 2025 gingen in der deutschen Industrie rund 496.000 Arbeitsplätze verloren. Das entspricht einem Rückgang von rund sieben Prozent. In der Automobilindustrie und ihren Zulieferern waren es 123.500, was rund 13 Prozent entspricht – einer der stärksten Rückgänge unter den großen Industriebranchen. Im Maschinenbau kamen nochmals 64.500 Arbeitsplätze unter die Räder, und bei den bei Herstellern von Metallerzeugnissen waren es weitere 115.600 Stellen. Die Entlassungen gehen in diesem Jahr unvermindert, gar beschleunigt weiter … Im genannten Zeitraum wuchs die Beschäftigung im Bereich öffentliche Dienstleistungen, Erziehung, Gesundheit und anderen um 1.140.000.
Zugespitzt ließe sich sagen: Beschäftigte in exportorientierten Industriezweigen geraten zunehmend unter den Druck globaler Wettbewerbsverschiebungen und struktureller Umbrüche, während der Beschäftigungsaufbau in öffentlichen und personenbezogenen Dienstleistungen teilweise gegenläufig verläuft. Mit einem Gegensatz Arbeiter versus Angestellte und Beamte ist das Phänomen allein jedoch nicht zu beschreiben.
Zwar mäßigte die AfD ihren extremen Marktliberalismus der Anfangsjahre zwischenzeitlich ein wenig, spitzte ihn jedoch zuletzt wieder zu. Eine DIW-Analyse zu den Steuerreformvorschlägen der Parteien zur Bundestagswahl 2025 zeigt, dass das AfD-Programm bei seiner Umsetzung jährlich weniger Steuereinnahmen von rund 181 Milliarden Euro verursachen würde. Die modellierten Entlastungen verteilten sich ungleich: Auf die unteren 50 Prozent der Bruttoeinkommensverteilung entfielen rund 45 Milliarden Euro, auf die oberen zehn Prozent zusammen rund 68 Milliarden Euro. Einzig in der Rentenpolitik stellt die AfD eine Ausweitung sozialer Sicherung in Aussicht. Damit bestätigt sich das bekannte „AfD-Paradox“ (Marcel Fratzscher): Die AfD steht für eine Wirtschafts- und Sozialpolitik, die einem erheblichen Teil ihrer eigenen Wählern wirtschaftlich mehr schadete als nützte. Die Analyse von Wählerdaten von 2026 spitzt das Paradox zu: AfD-Wähler wussten um die entsprechenden Positionen dieser Partei und wählten sie dennoch.
Die AfD fordert auch einen Austritt Deutschlands aus dem Euro, was nach aller Wahrscheinlich zur Aufwertung einer neuen D-Mark gegenüber dem Euro führte. Das machte ausländische Waren, Energie und Urlaubsreisen günstiger für deutsche Haushalte, jedoch deutsche Produkte für ausländische Kunden teurer. Hiesige Unternehmen müssten Marktanteile oder Gewinnmargen aufgeben und gerieten unter zusätzlichen Wettbewerbsdruck. Besonders betroffen wären wiederum exportorientierte Branchen wie Maschinenbau, Automobilindustrie, Chemie und Elektrotechnik.
Es ist also kaum „offen“, wer von einer AfD-Wirtschaftspolitik profitierte und wer die Kosten trüge – vor allem die Beschäftigten der sich eh schon im Abschwung befindlichen Industriezweige und -branchen
In ihren Wahlkämpfen ging die AfD dorthin, wo andere Parteien sich kaum blicken ließen, brachte Menschen zusammen und bot ihnen ein Gefühl von Gemeinschaft. Auf AfD-Volksfesten verwahrten sich deren Besucher explizit dagegen, „politisch“ angesprochen zu werden. Verhandelt wurden eher Fragen von Identität, Mentalität, Werten und kultureller Zugehörigkeit denn „harte“ wirtschaftspolitische Fakten. Dem Kabarettisten Florian Schroeder zufolge sei „die AfD für viele zur ‚Stolzbank‘ geworden“; sie schaffe einen Raum, in dem Menschen ihr Bedürfnis nach Stolz und Anerkennung gewissermaßen „einzahlen“ könnten. Wenn dann doch noch politischer Wahlkampf – so vor allem um die Themen „Remigration“, (Schul)Bildung, aber auch Friedens- und Russlandpolitik.
Die (wahl)strategische Bedeutung besteht darin, dass politische Akteure darum konkurrieren, welche Themen überhaupt als politisch relevant gelten, welche Begriffe eine Debatte strukturieren und welche Deutungen gesellschaftlicher Probleme plausibel erscheinen.
Die Schwerpunktsetzung eines Wahlkampfs auf kulturelle Identität, nationale Zugehörigkeit und gewisse Felder gesellschaftlicher Konflikte ist deshalb sinnfällig, weil sich dort politische Botschaften besser vermitteln lassen als über die konkreten (Verteilungs)Wirkungen von Wirtschafts- und Sozialpolitik. Kulturelle Konflikte – in Teilen künstlich erzeugt – erhalten deutlich mehr Aufmerksamkeit, während wirtschaftspolitische Differenzen weniger sichtbar werden. Kulturelle Themen emotionalisieren die Anhängerschaft, stiften Gruppenidentität – zum Beispiel über Fremdenfeindlichkeit – und verbinden unterschiedliche Wählerinteressen, ohne dass dafür ein detailliertes wirtschaftspolitisches Konsensangebot nötig wäre.
Damit eröffnet sich politischen Akteuren die Möglichkeit, soziale Unzufriedenheit in ihrem Sinne zu instrumentalisieren. Gerade wenn Menschen wirtschaftliche Unsicherheit und gesellschaftlichen Wandel erleben, kann Sprache Orientierung und Statussicherheit versprechen, Erfahrungen von Kontrollverlusten können so kompensiert werden. Desgleichen Ohnmachtsgefühle; der Soziologe Steffen Mau spricht von „stellvertretender Selbstwirksamkeit“, indem Menschen diese Gefühle an autoritäre oder extreme Parteien delegieren.
Das Resultat ist eine eher symbolische denn materielle Repräsentation: Wähler können eine Partei als Vertreterin ihrer Interessen betrachten, auch wenn sie von einzelnen wirtschaftspolitischen Maßnahmen nicht profitieren. Die Frage lautet dann nicht: „Was bekomme ich materiell?“, sondern: „Wer vertritt Menschen wie mich?“ Diese Form politischer Repräsentation kann materielle Interessenkonflikte überlagern, ohne dass die Wähler ihre wirtschaftlichen Interessen völlig negierten.
Auch kann so die Konstruktion eines übergeordneten Konflikts gelingen – wenn eine Partei gesellschaftliche Probleme als einen Zwiespalt zwischen „Volk“ und „Eliten“ definiert, können unterschiedliche Sachfragen in einer gemeinsamen Erzählung „wir gegen die“ zusammengeführt werden.
Wirtschaftliche Schwierigkeiten erscheinen dann beispielsweise nicht primär als Ergebnis bestimmter Steuer-, Investitions- oder Verteilungsentscheidungen, sondern als Folge einer grundsätzlich „falschen“ politischen Ordnung.
All das trifft auf den Wahlkampf der „Arbeiterpartei“ AfD in geradezu idealer Weise zu.
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