Die Wahlen 2026 auf Landesebene sind jetzt Geschichte. Sie ließen im abgelaufenen September die politischen Konstruktionen dieses Landes erbeben: Die Christdemokraten und die Sozialdemokraten, die seit 1949 in der BRD und seit 1990 in Deutschland abwechselnd den Bundeskanzler stellen, wurden abgestraft. Das wird auch nicht durch müde Verweise auf die Wahlen in Baden-Württemberg und in Rheinland-Pfalz im März 2026 relativiert, die noch anders verliefen. Die CDU landete in Mecklenburg-Vorpommern bei 4,9 Prozent und flog damit erstmals seit 1949 aus einem Landtag. Die SPD kam in Berlin auf lächerliche 12,1 Prozent. Für Ernst Reuter hatten 1950 44,7 Prozent der Wähler in Westberlin gestimmt, Willy Brandt erhielt 1963 61,9 Prozent – Westberlin war eine sozialdemokratische Hochburg! Heute sind CDU und SPD nur noch Schatten der eigenen Geschichte.
Zu den Besonderheiten des Wahlverhaltens gehört, dass in Sachsen-Anhalt und in Mecklenburg-Vorpommern die Wähler die AfD präferierten. In Sachsen-Anhalt wurde sie mit 43,8 Prozent der Stimmen stärkste Partei, das waren 23 Prozentpunkte mehr als bei der vorigen Wahl. In Mecklenburg-Vorpommern fuhr die AfD 38,2 Prozent ein, 21,5 Prozentpunkte mehr, und wurde ebenfalls stärkste politische Kraft. In Berlin wurde dies plötzlich und unerwartet die Linkspartei, mit 25,7 Prozent der abgegebenen Stimmen. Zuwachs: immerhin 13,4 Prozentpunkte. Allerdings wurde auch in Berlin – trotz der woken, vegetarischen, urbanen, akademischen Klientel mit dem Gendersternchen in der Innenstadt – die AfD drittstärkste Partei mit 16,3 Prozent, überwiegend durch Wähler in den Außenbezirken der Stadt.
Gemeinsam ist allen drei Wahlresultaten die Ablehnung der aktuellen Politik, vor allem der Bundesregierung. Der selbsternannten „Mitte“ wird eine Lösungskompetenz für die Probleme Deutschlands nicht mehr zugetraut.
Manuela Schwesig hat in Mecklenburg-Vorpommern eine Wahlkampagne geführt, wie Dietmar Woidke 2024 in Brandenburg: Die Wähler hätten nur die Wahl zwischen dem bisherigen Ministerpräsidenten und der AfD. Dabei hat Schwesig eine beeindruckende Aufholjagd hingelegt. Der Frust der Wählerschaft gegenüber der Bundespolitik wirkte schon frühzeitig, im September 2025 lag die SPD Schwesigs in den Umfragen bei 19 Prozent, während die AfD bereits bei 38 Prozent lag. Dabei ist zu berücksichtigen, dass AfD-Spitzenkandidat Leif-Erik Holm „einer von hier“ ist, in Schwerin geboren und jahrelang landesbekannter und beliebter Radiomoderator, bevor er 2013 in die AfD eintrat. Noch am 10. September lag die SPD in den Hochrechnungen bei lediglich 33 Prozent, während die AfD auf 36 Prozent kam. Kurz vor der Wahl lagen dann beide gleichauf.
Am Ende erhielt die SPD 35,5 Prozent der Zweitstimmen, die AfD 38,2 Prozent. Da auch die Linke mit 6,5 Prozent (minus 3,4 Prozentpunkte) und die Grünen mit 5,7 Prozent (minus 0,6 Prozentpunkte) in den Landtag einzogen, kann Schwesig nun eine rot-rot-grüne Regierung bilden, während die AfD die einzige, allerdings sehr starke Opposition ist.
Auch in Mecklenburg-Vorpommern – wie schon in Sachsen-Anhalt – stieg die Wahlbeteiligung sichtbar, von 70,8 Prozent 2021 auf 78,1 Prozent 2026. Der ausgerufene Zweikampf wirkte mobilisierend: Die AfD konnte 66.000 frühere Nichtwähler an die Wahlurnen bringen, die SPD 16.000. Allerdings hat „taktisches Wählen“ nicht zugunsten der kleinen Parteien gewirkt, wie in Sachsen-Anhalt, sondern – wie in Brandenburg 2024 – zu deren Kannibalisierung zugunsten der regierenden Sozialdemokratie geführt. Die SPD verlor zwar im Vergleich zur vorherigen Wahl 48.000 Wähler an die AfD und 12.000 an das BSW, gewann aber 25.000 Wähler von der CDU, 15.000 von der Linken, 10.000 von der FDP und 6.000 von den Grünen. Die Linke verlor aber nicht nur an die SPD, sondern auch 9.000 Wähler an die AfD und 8.000 Wähler an das BSW.
In Berlin lag die Wahlbeteiligung bei 74,2 Prozent. Von den Zweitstimmen erhielt die Linkspartei 25,7 Prozent, die CDU 18,8 Prozent (minus 9,5), die AfD 16,3 (plus 7,2), die Grünen 14,3 (minus 4,1) und die SPD 12,1 (minus 6,3). Das BSW und die FDP blieben unter der Fünf-Prozent-Hürde. Der Blick auf die Wählerwanderung zeigt, dass Die Linke von den Grünen 57.000 Stimmen abgezogen hat, von der SPD kamen 39.000 und von der CDU 16.000. Auch hier gewissermaßen eine Kannibalisierung im linksgrünen Lager. Nichtwähler hat die Linke 75.000 zur Wahlurne bringen können.
Zu den Eigentümlichkeiten der Berliner Wahl gehört die Herkunft der diesjährigen Spitzenkandidaten. Bisher waren die Bürgermeister in der Regel gebürtige Berliner, so Eberhard Diepgen (CDU), Klaus Wowereit (SPD), Michael Müller (SPD), Kai Wegner (CDU). Franziska Giffey (SPD) kam aus Frankfurt an der Oder, was nicht nur geographisch in der Nähe liegt. Jetzt kommen Elif Eralp (Linke), Werner Graf (Grüne) und Bettina Jarasch (Grüne) aus Bayern, Steffen Krach (SPD) aus Niedersachsen und Stefan Evers (CDU) aus dem Ruhrgebiet. Also alles Westimporte. Kristin Brinker (AfD) kommt immerhin aus Bernburg (Sachsen-Anhalt).
Nach der Wahl sind in der Hauptstadt Konfliktlinien aufgebrochen, die zuvor noch keine Rolle gespielt hatten. Bei der öffentlichen Wahlparty der Linken tauchte auch der Chef des Remmo-Clans auf, Issa Remmo. Mitglieder dieser Großfamilie sind für den Goldmünzenraub aus dem Berliner Bode-Museum 2017 und den Dresdner Juwelendiebstahl 2019 verurteilt worden. Issa Remmo gilt als Kopf dieser kriminellen Struktur, auch wenn er selbst nicht verurteilt werden konnte. Kontaktperson für die Remmo-Familie ist der linke Neuköllner Bundestagsabgeordnete Ferat Koçak. Er hatte im Bundestag betont: „Clan-Kriminalität ist kein klardefinierter Straftatbestand. Er ist ein politischer Kampfbegriff mit einer rassistischen Geschichte.“ Hinzu kommt, dass Die Linke die Polizei in Berlin finanziell und hinsichtlich ihrer Einsatzgrundsätze beschneiden will. Insofern mag Remmo annehmen, dass eine linke Regierung seine Machenschaften weniger ahnden würde als beispielsweise die CDU oder die SPD.
Auf der Wahlparty der Linken soll auch ein Mann namens Ibrahim Ibrahim mitgefeiert haben. Ibrahim gilt laut DIE ZEIT als führender Unterstützer der „Volksfront zur Befreiung Palästinas“ (PFLP), die im Westen als Terrororganisation eingestuft wird, angeblich der Hamas nahesteht und an den Angriffen des 7. Oktober 2023 beteiligt gewesen sein soll.
Vor diesem Hintergrund warnte der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, Grüne und SPD davor, der Linkspartei zur Regierung zu verhelfen; „SPD und Grünen muss klar sein: Wer der Linken Berlin den Weg in eine Landesregierung und damit ins Rote Rathaus ebnet, gefährdet unseren gesellschaftlichen Zusammenhalt und das jüdische Leben in der Hauptstadt“. Es zeige sich „ein systematisches Muster“, bei dem Antisemitismus in Teilen der Linken verharmlost und „als vermeintlicher politischer Aktivismus getarnt“ werde, so Schuster. Auch Baden-Württembergs grüner Ministerpräsident Cem Özdemir warnte seine Partei vor einer Koalition mit der Linken, solange diese sich nicht eindeutig vom Antisemitismus distanziere. „Wer in diesen Fragen nicht klar ist, darf in Deutschland nicht in die Nähe der Macht kommen.“ Er erwarte, dass sich die Linke in Berlin nicht nur mit frommen Worten vom Antisemitismus lossage. Maßstab sei, dass die jüdische Gemeinde der Partei das abnehme. „Das heißt auch notfalls, dass sie Leute rauswerfen müssen.“
Hinzu kommen die Enteignungsabsichten der Linkspartei. Sie will 220.000 Wohnungen in Berlin vergesellschaften – die sie übrigens gemeinsam mit der SPD 2004 verkauft hatte. Der Rückkauf würde laut Landesrechnungshof heute 42 Milliarden Euro kosten. Geld, das Berlin auch dann nicht hätte, wenn weit unter Marktwert entschädigt würde, was Eralp verkündet hat.
Im Raum steht die Forderung von Bayerns Ministerpräsident Markus Söder, den sogenannten Länderfinanzausgleich zur Disposition zu stellen. Wenn die Linkspartei in Berlin tatsächlich Nummer 1 werde, müsse neu diskutiert werden. „Es kann nicht sein, dass der Bund endlos Geld zahlt und wir endlos Geld zahlen dafür, dass wir am Ende eine antisemitische Führung haben, in der bei Partys Clan-Kriminelle dabei sind“, sagte Söder. Auch der hessische Ministerpräsident Boris Rhein unterstützt die Forderung Söders: „Wir brauchen eine gerechte Neuordnung des Länderfinanzausgleichs mit Anreizen für Leistung statt Pauschalüberweisungen an Haushaltschaoten und Extremisten.“ Allerdings soll der Länderfinanzausgleich seit 1949 gleichwertige Lebensverhältnisse in Deutschland ermöglichen; er war – zumindest bisher – kein Instrument, unliebsame Wahlergebnisse zu bestrafen.
Schlagwörter: Berlin, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt, Wahlen, Waldemar Landsberger



