Manchmal überkommt es mich. Dann muss ich im RBB-Fernsehen die Sendung „Damals wars“ von Wolfgang Lippert glotzen, alte Schallplatten einschieben und der Sehnsucht nach dem „Damals-weißt-du-noch-wie schön-es-war-und-was-es-alles-nicht-gab-hahaha“ frönen. Ostalgie nennen das die Leute aus Neufünfland, „Ostmugge“ heißt das in Musikerkreisen und funktioniert auf kleinen und großen Bühnen rings um Berlin immer noch tadellos.
Die neue Produktion der Komischen Oper unter dem sentimental-lustigen Titel „Mokka-Hits und Milchbar-Träume“ lockte ein zahlreiches, lebhaft applaudierendes Publikum ins Berliner Schiller-Theater. Nach dem riesigen Erfolg von „Messeschlager Gisela“ 2024 bleibt die Komische Oper weiter auf Spurensuche in der Sparte „Heiteres Musiktheater“ in der DDR.
Schon mit „In Frisco ist der Teufel los“ in einer semikonzertanten Fassung grub das Ensemble im Dezember 2025 ein vergessenes Werk von Guido Masanetz aus, der 1962 einen musikalischen Ausflug ins kapitalistische Ausland wagte und rauen Seemannshumor mit tanzlustigen DDR-Amerikanismen vereinte. Meine Mutter hatte eine Schallplatte von dieser Operette, den Titelsong habe ich noch im Ohr: „Wer braucht Geld / der keins hat / wer keins hat / wird nicht satt / und macht sich Gedanken / über sein Leben / in dieser Stadt.“ Eine ziemlich aktuelle Zustandsbeschreibung. Leider habe ich die Aufführung verpasst. Zum nächsten Ost-Revival im Dezember 2026 gehe ich aber wieder hin. Da wird ein weiteres Erfolgsstück des „Heiteren Musiktheaters“ der DDR, nämlich das Musical „Bretter, die die Welt bedeuten“ von Gerhard Kneifel dargeboten. Das Stück, eine turbulente Musicalversion des Schwanks „Der Raub der Sabinerinnen“, wartet mit Ragtime, Slow Rock und jeder Menge Ulk auf. „So kommt mit Strieses Wandertruppe die ,Mississippi Musik‘ ins Ostseebad, der Bossa-Nova nach Brandenburg – und vor allem: endlich Hochkultur ins kleinste Kaff!“ (Werbetext Komische Oper).
Die Strategie, das Repertoire in Richtung vergessener Werke von DDR-Komponisten zu öffnen, ist richtig und überfällig. Die Komische Oper verbreitert damit ihre stilistischen Fähigkeiten und erweitert die Genregrenzen. Denn sie steht im Wettbewerb mit zwei weiteren Opernhäusern, da tun Vielfalt und Abwechselung allen gut.
Meine Erwartungen waren hoch, aber begrenzt: Ein lustiges Spektakel würde mich erwarten mit den alten Liedern in frechen Kostümen und viel Ballett. So kam es, aber es kam auch anders. Die wundervollen Gesangsstimmen von Maria-Danaé Bansen, Gisa Flake, Mirka Wagner, Johannes Dunz, Philipp Meierhöfer, Nico Holonics und Thorsten Merten waren zu hören, die im Programmheft namentlich nicht genannt werden, sondern als „7 Darsteller:innen“ anonym bleiben. Das ist schade und auch ein bisschen ungerecht: Ein Theater muss mit seinen Pfunden (lies: Solisten) angeben, zumal wenn es so viele sehr gute hat!
Regisseur Axel Ranisch schreibt im Programmheft: „Mein Augenmerk lag […] darauf, Texte auszuwählen, die uns auch heute noch etwas erzählen, […] etwas, was sehr berührend auf den Punkt bringt, dass es in Wirklichkeit nicht um Ost oder West geht, sondern dass die zwei Zonen von Deutschland schon immer die Kantaten von Bach auf der einen Seite und die Granaten von Krupp auf der anderen Seite waren.“ Ich schreibe: Das war und ist große Kunst, Respekt! Leider kann ich zu den Bearbeitern keine genaue Auskunft geben: Im Programmheft ist Adam Benzwi als Musikalischer Leiter genannt. Auf der Website der Komischen Oper steht unter der Rubrik Orchestration der Name Daniel Busch. Wer die Chorsätze geschrieben hat, war nicht zu ermitteln. Ein kleiner Schönheitsfleck, denn ich halte das Einrichten, Arrangieren und Orchestrieren für eine wichtige Arbeit, gleichwertig dem Handwerk der singenden, tanzenden und Instrumente spielenden Zünfte: Ohne Noten wird das alles nichts. Und die muss jemand vorher gebastelt haben. Korrekte Namensnennung ist eine Gerechtigkeitsfrage.
Dirigent und Pianist Adam Benzwi leitete ein kleines Orchester, geteilt in eine spielfreudige Pop-Band auf der Bühne und ein größeres Bläser-Streicher-Ensemble hoch droben im Hintergrund. Zu hören waren exzellente Arrangements, aber vor allem auch echte Chorusse, ausgeführt von Trompete, Saxophon, Klarinette, Posaune und Gitarre. Die Gitarre, im Orchester sonst weniger bedeutend, konnte nach Herzenslust rocken und jazzen und der gutaufgelegte Kollege tat das mit sichtbarem Vergnügen und großem Können auf drei verschiedenen Instrumenten. Der Chor, schon seit Jahren eine der Stützen des Hauses und von der Zeitschrift Opernwelt 2007 und 2015 als Chor des Jahres ausgezeichnet, zeigte in der Einstudierung von Inga Diestel sein Können und seine Fähigkeit, kleinste Klangnuancen exemplarisch zu gestalten.
In der Revue erklang passenderweise auch der „Lipsi“, ein auf Geheiß Walter Ulbrichts in Leipzig erfundener Modetanz. Davor fragte Ulbricht seine Genossen auf dem Parteitag 1965: „Ist es denn wirklich so, dass wir jeden Dreck, der vom Westen kommt, nu kopieren müssen? Ich denke, Genossen, mit der Monotonie des Je-Je-Je, und wie das alles heißt, ja, sollte man doch Schluss machen.“
Nu ja, nu nee, der Modetanz Lipsi war im langsamen 6/4-Takt und sollte die Jugend die Freude an der Bewegung lehren. Die lachte sich kaputt und hörte Beatmusik im Westradio. Obwohl: Mit so einem eleganten Charme, wie das Ballett der Komischen Oper das tanzt, da konnte wirklich Freude an der Bewegung aufkommen. Diese wundervolle Nummer hätte Ulbricht sicher gern nach ein paar Gläschen Wodka seinen sowjetischen „Freunden“ gezeigt, und die hätten vor Neid wieder die Erdöllieferungen gedrosselt. Ost-Witz aus der Revue: Anfrage an Radio Jerewan: Sind die Russen Freunde oder Familie? Antwort: Familie. Freunde kann man sich aussuchen.
Festzuhalten bleibt, dass diese Revue die beste DDR-Fernseh-Unterhaltung war, die ich je gesehen habe. Ranischs Inszenierung zeigte auch die Kehrseite der lustigen Mitklatsch-DDR-Unterhaltungs-Parodien. Sie zeigte die Mauer als bedrohliche Hintergrundkulisse, sie zeigte Mangel, Bonzen, ideologische Verblendung, Unsicherheit, Flucht, die Maueröffnung (ein ergreifender Moment stiller Poesie). Und sie zeigt die bitteren Wunden der Nachwendezeit. Ranisch dazu: „Anfangs wollten wir keine Chronologie […] Aber irgendwann merkten wir, dass der Abend stärker wird, wenn man die Widersprüche offen neben- und gegeneinander stellt. Darum beginnt die Revue nun tatsächlich bei der Stunde null.“ Benzwi wirft ein: „Was auch den Vorzug hat, dass fast zwangsläufig ein Spannungsbogen entsteht. Die ersten Lieder sind noch voller Hoffnung und guter Vorsätze. Und dann kommt es zu Ernüchterungen, die Utopie des Anfangs wird brüchig.“ Leider wird das Vorhaben, die Widersprüche nicht zuzukleistern, im hinteren Drittel der Revue aufgegeben zugunsten einiger internationaler Hits, die wundervoll gesungen und performt waren, aber den Abend ein bisschen in Richtung Florian Silbereisen abgleiten ließen. Der Beifall war gigantisch. Geschenkt.
Natürlich kann man an einem Abend nicht alles spielen. Es gibt allzu viel Musik aller Art aus diesen vierzig Jahren. Und zu komplex ist die Geschichte der DDR, da bleiben Sprünge und Weglassungen nicht aus. Im Textbuch finden sich ergänzend einige Gedichte, die andere Facetten beschreiben: Sozialistischer Biedermeier (Kurt Bartsch), Wie viele sind wir eigentlich noch (Thomas Brasch), Das Eigentum (Volker Braun) sowie Texte aus Distel-Kabarettprogrammen, die teilweise auch in der Bühnenhandlung eine Rolle spielen.
Man sollte sich bei aller Zustimmung und allem Wohlwollen auch das Bewusstsein dafür bewahren, dass in dem Mokka-Milch-Eis-Mix nur die Musik von Künstlern zu hören war, die die Hürden der Lektorate, der Gremien bei Funk und Fernsehen überwunden hatten und öffentlich stattfinden durften. Jedes Wort dieser Revue war zur Entstehungszeit durch eine harte Zensur gegangen. Textänderungen waren die Regel und wurden mehr oder weniger sanft erzwungen. Wer ins Fernsehen, den Rundfunk und auf die Schallplatte wollte, hatte gefälligst nachzugeben. Die größten Chancen hatten diejenigen Komponisten, die den westlichen Vorbildern am nächsten kamen. Der Begriff „Qualität“ in der Unterhaltungsmusikbranche der DDR bedeutete: Was können wir devisenbringend rüberschicken; wer ist musikalisch kompatibel für den Westen. Ein klitzekleiner schaler Beigeschmack bleibt dennoch im Hinterkopf. Denn die Revue zeigt letzten Endes doch nur die „Sieger“. Die Verlierer, die verbotenen Rockgruppen (die Klaus-Renft-Combo), die schikanierten Liedermacher (Stephan Krawczyk und andere), die verhinderten Musik-Produktionen zeigt man nicht, kann man nicht zeigen, denn die Lieder existieren ja nicht, jedenfalls nicht im öffentlichen Bewusstsein. Man könnte die vorgeführte Auswahl auch als letzten Sieg der SED-Kulturpolitik betrachten, aber auch diese Politik war nicht einheitlich, denn es gab Betonköpfe und Reformer, die manches durchsetzen konnten, was man nicht sagen, aber mit etwas Glück schon singen konnte.
Der Rezensent, der noch alte Felsenstein-Inszenierungen gesehen hat, der die Harry-Kupfer-Zeit geduldig ertragen, Ruth Berghaus bejubelt und fast jede Inszenierung Barry Koskys genossen hat, applaudiert jedenfalls gutgelaunt und kommt wieder.
Schlagwörter: Adam Benzwi, Axel Ranisch, Komische Oper, Mokka-Hits und Milchbar-Träume, Musical, Walter Thomas Heyn


