Zweihundertfünfzig Jahre US-Wirtschaft

von Jürgen Leibiger

Zum 50. Jahrestag der USA dichtete Johann Wolfgang von Goethe: „Amerika, du hast es besser, als unser Kontinent, der alte“. Und er schien Recht zu haben. In den Augen Alexis de Tocquevilles, des berühmtesten Amerika-Reisenden jener Zeit, hatten die USA die fortschrittlichste Verfassung überhaupt; anders als Europa ächzte das Land nicht unter der Erblast feudaler Vorurteile und Ideologien, alter Königreiche und Fürstenhöfe, tausendjähriger Konflikte, hundertjähriger, dreißigjähriger und zahlloser anderer Kriege und Zerstörungen. Amerika – bleiben wir bei dieser Bezeichnung der USA – wurde verbunden mit einem „amerikanischen Traum“, mit Vorstellungen von einem „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ oder einem „verheißungsvollen“, gar „Gottes eigenem Land“.

Inzwischen hat sich der Wind gedreht. Die zweihundertfünfzig Jahre alten USA befinden sich in „Abwicklung“, wie ein 2013 mit dem National Book Award ausgezeichnetes Buch von George Packer über die „innere Geschichte des neuen Amerika“ heißt. Der weltbekannte Wirtschaftshistoriker Immanuel Wallerstein sprach 2008 in einem Interview davon, die Vereinigten Staaten seien auf dem Weg, „das weltweit politisch instabilste Land zu werden […] und vergessen Sie nicht, dass wir Amerikaner alle bewaffnet sind […].“ Donald Trump fordert: „Make Ameria Great Again“. Again! Selbst auf der Inaugurationsfeier eines US-Präsidenten konnte Amanda Gorman 2021 ein vielgelobtes Gedicht vortragen, in dem auch Trauer und Enttäuschung über Geschichte und Widersprüche der USA zur Sprache kommen. Aber die junge Poetin – obwohl keine MAGA-Anhängerin – ist optimistisch; Amerika werde es schaffen, wieder „den Hügel zu erklimmen“. Es ist wohl Pfeifen im Wald.

Amerika hatte es durchaus nicht so gut, wie es Goethe im verträumten, sechstausend Kilometer entfernten Weimar vorgekommen war. Die Jahrtausende zuvor eingewanderten Ureinwohner, in Kanada werden sie First Nations genannt, hatten eine oft grausame Geschichte und lebten in Stämmen und Stammesverbänden, die sich um Jagdgründe, Anbau- und Siedlungsgebiete bekriegten. Ihre Folterpraktiken an Kriegsgefangenen waren berüchtigt. Und nun kam ein besonders kriegerischer, brutaler, waffenstarrender und auf Eroberungen erpichter „Stamm“ aus Übersee hinzu, die „Bleichgesichter“. Ja, der Mut der amerikanischen Revolutionäre und die Ausdauer und der Fleiß der neu eingewanderten Kolonisten, der Bauern und Handwerker, die Kreativität der Wissenschaftler und Ingenieure können bewundert werden. Aber auch für die USA gilt, was Karl Marx über die ursprüngliche Akkumulation geschrieben hatte: „Wenn das Geld […] mit natürlichen Blutflecken auf einer Backe zur Welt kommt, so das Kapital von Kopf bis Zeh, aus allen Poren, blut- und schmutztriefend“, und wie in Indien glich auch in Amerika der Fortschritt „jenem scheußlichen heidnischen Götzen […], der den Nektar nur aus den Schädeln Erschlagener trinken wollte“.

Die Weltmacht USA wurde auf fast kostenlosem, durch eingeschleppte Seuchen und durch schonungslosen Völkermord von seinen indigenen Bewohnern freigeräumtem Grund und Boden errichtet. Mittels billiger Zukäufe und blutiger Kriege wurde das US-Territorium Schritt für Schritt erweitert, Mittel- und Südamerika wurden zum Hinterhof gemacht und um 1900 waren die USA zu einer Macht mit überseeischen Kolonien geworden. Millionen Schwarze verschiffte man in Afrika wie Vieh und zwang sie auf brutalste Weise zu Sklavenarbeit. Der Rassismus wurde in verschiedensten Formen geradezu ein Markenzeichen der USA und ist es teils bis heute geblieben. Viele Tausend chinesische Arbeiter warb man für den Bau der westlichsten, gebirgigen Teilabschnitte der transkontinentalen Eisenbahn an; viele von ihnen starben unter den mörderischen, der Sklaverei nicht unähnlichen Arbeitsbedingungen. In keinem der berühmten „Western“-Filme wird das thematisiert.

Vor allem aber aus Europa kamen billigste und willigste Arbeitskräfte. Es war die größte Immigrationswelle, welche die Welt in einem so kurzen Zeitraum je erlebt hatte. In den ersten hundert Jahren nach Gründung der USA kamen etwa 30 Millionen allein aus Europa; sie verfügten über die technischen und kulturellen Erfahrungen, deren die US-Wirtschaft bedurfte. Wenn heute China vorgeworfen wird, sein Wachstum beruhe auf geistigem Diebstahl, so kann über das junge Amerika gesagt werden, es gründet auf einem historisch beispiellosen Brain Drain. Die Einwanderer trugen die geistigen Güter in ihrem Kopf. Eigner der Auswandererschiffe, die Schleuser jener Zeit, verdienten sich wie früher die Reeder und Kapitäne der Sklavenschiffe dumm und dämlich.

Natürlich war das Wirtschaftswachstum der USA neben dem Kleinbauerntum lange Zeit privatkapitalistisch, durch tatkräftige, clevere, oft auch skrupellose Unternehmer geprägt. Gleichwohl spielte der Staat eine nicht zu unterschätzende Rolle. Zu seiner Wirtschaftspolitik gehörten nicht nur die Bevölkerungs- und Siedlungspolitik, die militärisch organisierten Territorialgewinne und die Geldpolitik. Alexander Hamilton, der erste Finanzminister der USA, stellte die Weichen zur Stabilisierung der durch den Revolutionskrieg ruinierten Staatsfinanzen und führte Importzölle ein. Mit seinem Report on Manufactures initiierte er 1791 eine regelrechte Industriepolitik, um mit der industriellen Revolution in England mithalten zu können. Im gesamten 19. Jahrhundert waren die amerikanischen Zölle vergleichsweise hoch; sie übertrafen die europäischen Zölle teils um das Mehrfache. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurden sie im Zuge der internationalen Zollabkommen gesenkt.

Nach dem Ende des Bürgerkriegs von 1861 bis 1865 explodierte das Wachstum geradezu und zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren die USA zur größten Wirtschaftsnation der Welt mit dem höchsten Bruttoinlandsprodukt pro Kopf geworden; selbst das ziemlich innovative Deutsche Reich konnte mit dieser Dynamik nicht mithalten, England war als Musternation der Welt abgelöst. Amerika betrieb eine zunehmend imperialistisch geprägte Außen- und Wirtschaftspolitik und seine großen Konzerne schickten sich an, in die globalen Märkte vorzudringen.

Vor dem Hintergrund der Weltkriegszerstörungen in Europa war das Land um 1945 herum nicht nur die größte, sondern auch die unangefochten dominierende Wirtschaftsmacht. Auf dem Gebiet der Wissenschaft, bei Entdeckungen, Erfindungen und Innovationen lag es an der Spitze; die mit großem Abstand meisten Nobelpreisträger arbeiteten in den USA. Die Welt verdankt den US-Wissenschaftlern und -Ingenieuren viele bahnbrechende Neuerungen. Amerikanische Kunst und Kultur, von bewunderungswürdigster Hochkultur bis zum billigsten Trash, eroberte die Welt; der American Way of Life wurde im Guten wie im Schlechten zum Vorbild erheblicher Teile der Weltbevölkerung.

Lag der Anteil der USA am Welt-Börsenmarkt zu Beginn des vorigen Jahrhunderts mit etwa 15 Prozent noch weit hinter dem Spitzenreiter Großbritannien, so beträgt dieser Anteil heute über 50 Prozent; alle anderen Länder haben nur einstellige Anteile. Bis zu Beginn der 1970er Jahre erwirtschaftete das Land gewaltige Außenhandelsüberschüsse; die globalen Währungsreserven lauteten zu 85 Prozent auf den US-Dollar als der globalen Leitwährung.

Im Zweiten Weltkrieg und im Kalten Krieg hatten die USA ein riesiges Waffenarsenal aufgebaut; auf der Basis ihrer wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit unterhalten sie bis heute hunderte Militärstützpunkte rund um den Globus und führten zahlreiche Kriege. Die Arbeiterklasse nahm trotz einiger kämpferischer Traditionen eine weitgehend konformistische Position ein. Als das sozialistische Lager 1989/1990 kollabierte, schienen die USA die einzige Weltmacht überhaupt und die „Geschichte am Ende“ zu sein.

Aber schon da hatte ein Erosionsprozess begonnen. Ein erstes Zeichen war der Zusammenbruch des Weltwährungssystems von Bretton Woods mit dem Gold-Dollar-Standard als Zentrum. Die USA konnten zu Beginn der 1970er Jahre die Umtauschgarantie von Dollar in Gold nicht mehr aufrechterhalten; 1973 wurde das System für beendet erklärt. Ab diesem Zeitpunkt sank der internationale Dollarwert – mit einem Zwischenhoch zu Beginn der 1980er Jahre – mit starken Schwankungen allmählich ab. Normalerweise erleichtert das die Exporte, aber die US-Handelsbilanz begann aufgrund des Konsumhungers und der Auslagerung ganzer Industriezweige ins Minus zu drehen, die Staatsverschuldung erklomm immer neue Höhen. Nach wie vor ist der Dollar die wichtigste Währung der Welt, aber sein Anteil an den Reserven ist auf unter 60 Prozent gesunken.

Die USA liegen in der Weltwirtschaft zwar immer noch weit vorn, jedoch kommen die „Einschläge“, wie man so sagt, näher. Die „Werkstatt der Welt“, die lange Zeit England, teilweise Deutschland, dann aber die USA waren, ist inzwischen das kommunistisch regierte China. Es hat zwar noch nicht nominell, aber beim in Kaufkraftparitäten gemessenen Bruttoinlandsprodukt die USA von der Spitze der größten Wirtschaftsnationen verdrängt.

Während sich für Hochvermögende die Prosperität fortsetzte, begann für große Teile der amerikanischen Arbeiter ein sozialer Abstieg. Verzweifelt legen die US-Administrationen immer neue Wirtschafts- und Außenwirtschaftsprogramme auf, um den Erosionsprozess zu stoppen, aber die Aussichten bleiben eingetrübt. Auf vielen Gebieten dominieren das Land und seine großen Konzerne die Welt auch weiterhin, aber die „Götterdämmerung“ hat eingesetzt. Inzwischen wird angesichts der gewaltigen Kriegsmaschinerie wieder häufiger die militärische Karte gezückt, um sie von einer kostenfressenden zu einer „produktiven“ Maschine zu machen.

Machterosion kann aus inneren Gründen erfolgen; sie kann aber auch durch den rascheren Potenzialzuwachs anderer Nationen herbeigeführt werden. Bei den USA ist beides der Fall. In seiner umfassenden Studie über „Aufstieg und Fall der großen Mächte“ zwischen 1500 und 2000 vertrat der britische Historiker Paul Kennedy die Meinung, dass einem Abstieg, wie ihn zum Beispiel Spanien, die Habsburger oder Großbritannien erlebt hatten, immer eine „imperiale Überdehnung“, eine Überbeanspruchung nationaler ökonomischer Ressourcen für die imperialistische Expansion oder das Aufrechterhalten von Dominanz in fernen Weltregionen vorausgingen. Der Ausstieg der USA aus dem Bretton-Woods-System war die Folge einer solchen Überbeanspruchung durch die militärischen Engagements der USA zum Beispiel im Vietnamkrieg. Seit einem Vierteljahrhundert ist nun die Herausforderung durch China und eine Gruppe großer Schwellenländer hinzugekommen. Wie lange sich ein Erosionsprozess hinzieht, kann nicht vorhergesagt werden. Wallerstein sprach in dem erwähnten Interview – es fand vor knapp zwanzig Jahren statt – von vielleicht einem halben Jahrhundert. Zu hoffen wäre, dass nicht irgendwelche Irren im Weißen Haus wie in die Enge getriebene Raubtiere durchdrehen und den Prozess mit Gewalt aufzuhalten versuchen.