29. Jahrgang | Nummer 10 | 8. Juni 2026

Von der Lust zu Reisen und gut zu Essen

von Viola Schubert-Lehnbach

Ist es normal, sein Leben so wie alle zu leben? Job, Heirat, Kinder, einen Baum pflanzen, ein Haus bauen oder eine Wohnung mieten? Jeden Tag zur Arbeit pendeln und die Kinder den ganzen Tag nicht sehen? Ist es normal, seine Träume beim Erwachsenwerden Stück für Stück abzugeben?“, fragen Anna und Patrick zu Beginn ihres Buches und beschreiben dann den Tag, an dem sie nicht mehr mitmachen wollten.

Sie beschließen mit ihren drei Kindern durch Europa zu reisen, mit Menschen aus ganz Europa am Tisch zu sitzen und so die Länder durch ihre Küchen kennenzulernen. Diesen Traum haben sicher viele Menschen, doch Anna und Patrick machen ihn wahr. Eingangs des Buches ist die Reiseroute abgedruckt – über Norwegen, Griechenland, Portugal etcetera erleben sie Menschen und Gerichte in 17 Ländern. Beide beschreiben abwechselnd die Gegend, die Menschen und die Speisen, die sie kennenlernen. Letztere kann sich die Leserschaft über eingefügte QR-Codes ansehen – allerdings muss man sich dazu registrieren, dem hat sich die Rezensentin verweigert. Das ist meines Erachtens der einzige Schönheitsfehler des Buches – Datenabfrage auf diesem Wege geht für mich gar nicht.

Für Menschen, die eine solche Reiseidee nachahmen wollen, wird außerdem beschrieben, wie man die Kinder für ein Jahr aus der Schule freigestellt bekommt (die Regelungen dazu sind in den einzelnen Bundesländern unterschiedlich). Und überhaupt, wie man Kinder dazu bringt, die für diese oftmals uninteressante Zeremonie des Essens beziehungsweise Teilnahme an endlosen Dinners mit Freude mitzumachen. Schon zu Beginn stellt Patrick fest, dass diese auf der Reise sehr viel kulinarisch mutiger waren als in Deutschland.

Die Frage „Was isst du?“ habe ihnen Türe und Tore geöffnet – zu den Menschen, ihren Biografien, ihren Schwierigkeiten und den Wegen damit umzugehen, den Gerichten und deren Zubereitungsart. Insofern ist der vorliegende Text, Reisebeschreibung, Kochbuch und Ländervergleich (z.B. zum Schulsystem) in einem.

Der Gastrokritiker und gelernte Koch Odo Weingaertner reiste etwas bescheidener im Umland von Berlin zu verschiedensten Gaststätten – um deren Essen zu beurteilen. Zu Beginn des Romans von Jens Sparschuh schreibt Odo seine letzte Bewertung für ein Landgasthaus – und tritt dann seinen Ruhestand an. Wie viele Menschen ist er nicht so recht auf diesen neuen Lebensabschnitt vorbereitet und beginnt zunächst mit dem Ordnen und Aussortieren von Papieren. So fliessen Erinnerungen an seine Armeezeit in der DDR in die Geschichte ebenso mit ein, wie die an seine Prüfung als Koch: Soljanka war gefordert – laut Originalrezept mit schwarzen Oliven, die es in der DDR kaum zu kaufen gab.

Im Wesentlichen spielt der Roman jedoch im heutigen Deutschland mit seinen vielfältigen Gaststätten und Gerichten, deren korrekte und fehlerhafte Zubereitung ausgiebig beschrieben wird. Dies jedoch auf eine Art und Weise, die das Buch nicht als Kochbuch erscheinen lässt (obwohl es durchaus Anregungen enthält, was in der eigenen Küche mal wieder auf den Tisch kommen könnte), sondern als amüsante Geschichte. Diese erfährt noch eine Zuspitzung dadurch, dass Weingaertner seine Wohnung verliert und dann genau in der Gaststätte landet, die er in seiner letzten Sendung für City-Radio Berlin verrissen hat.

Corona und ihre Auswirkungen auf die Gastronomie spielen im Weiteren ebenso eine Rolle, wie Karl May und seine Bücher und Figuren. Diese Reminiszenz mag etwas unvermittelt erscheinen, für die ostdeutsche Leserschaft ist es jedoch eine Kindheitserinnerung. War dessen Lektüre doch verpönt und offiziell nicht zu erhalten – dafür umso begehrter – als Mitbringsel von der Rentnerverwandtschaft, die „in den Westen“ reisen durfte, oder Beilage von manchmal nicht allzu genau kontrollierten „Westpaketen“.

Jens Sparschuh hat einen ganz eigenen Stil, der einen mit Spannung schon auf das nächste Buch warten lässt.

Gaby Mörstedt wiederum stellt ein einziges Gericht in den Mittelpunkt ihrer „schrägen Geschichten“ – den Thüringer Kloß. Sonntagsklöße gibt es in vielen Familien – die besten auch für die Rezensentin sind jedoch die Thüringer. Ihnen ist inzwischen in Heichelheim ein eigenes Museum gewidmet mit angeschlossenem Werksverkauf – also unbedingt eine Kühltasche beim Besuch mitnehmen! Das vorliegende Buch klärt zunächst einmal Fragen danach, wie die Kartoffel (Grundbestandteil von Klößen aller Couleur) nach Thüringen kam und wer sie salonfähig machte, warum Thüringer Klöße schwimmen, warum es Kloßkarten braucht, wer Kloßmeister wird, wo die besten Kloßparties stattfinden und anderes mehr. Selbstverständlich gibt es jede Menge Rezepte, Fotografien diverser Originale (Dokumente und Menschen) Kontaktdaten und Adressen. Diese braucht mensch, um auch das Kloßpressmuseum zu finden, sowie diverse Gaststätten, die nicht nur Klöße anbieten, sondern auch diverse Abwandlungen wie etwa Kloßpommes mit Vanillecreme und selbstgemachter Himbeersauce. Selbstverständlich gibt es neben vielen anderen auch eine Weihnachtsgeschichte sowie „Klaus den Kloß“ als Weihnachtsbaumkugel – damit kann ja nun Weihnachten kommen – bis dahin gibt es jedoch erst einmal viele Sonntage mit diversen Kloßgerichten.

 

Anna und Patrick Hemminger: Travel & Taste. Westend Verlag, Neu-Isenburg 2026, 208 Seiten, 24,00 Euro.

Jens Sparschuh: Der Waldmeister. Roman. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2026, 365 Seiten, 24,00 Euro.

Gaby Mörstedt: Kloßverrückt. Schräge Geschichten rund um den Thüringer Kloß und seine Macher. Herausgegeben von Marcus Scherf, Wirtschaftsverlag W.V., Suhl 2019, 94 Seiten, 9,90 Euro.