Sigrid Damm über die Künstler ihres Lebens

von Mathias Iven

Im Verlaufe eines Lebens lernt man eine Vielzahl von Menschen kennen. Sei es, dass man mit ihnen zusammentrifft oder dass man sich ihnen über ihr Werk und Wirken nähert. Doch wie viele Personen behält man davon im Gedächtnis? Und von welcher kann man sagen, dass sie einen besonders beeindruckt oder gar geprägt hat? Sigrid Damm, vor allem bekannt durch ihre herausragenden Biographien zu Goethe und dessen Umfeld, hat sich diese Fragen gestellt. In ihrem aktuellen Buch porträtiert sie einige der für sie wichtigsten Wegbegleiter.

Da sind zunächst all diejenigen, für die sie schon früh eine lebenslange Vorliebe entwickelt hat. An oberster Stelle ist Goethe und dessen Familie zu nennen. Bereits 1987 erschien ein Buch über Cornelia, die Schwester des Dichterfürsten, auf die sie allerdings ohne die Arbeit an ihrer Lenz-Biographie „Vögel, die verkünden Land“ nie aufmerksam geworden wäre. Als ihr der Verlag ein Jahrzehnt später den Vorschlag unterbreitete, etwas über Goethes Frau Christiane zu schreiben, reagierte sie distanziert: „Diese Frau interessiert mich nicht, sie ist mir langweilig.“ Ihre Ablehnung verflog schnell. Zunehmende Neugier und die Bewunderung einer hervorstechenden Lebensleistung bestimmten die Arbeit an der Biographie, die zu Sigrid Damms erfolgreichstem Buch werden sollte. In diesem Zusammenhang erinnert sie sich an ihren Verleger Siegfried Unseld, mit dem sie ihre Leidenschaft für Goethe teilte. Ihn zeichnete „etwas scheinbar ganz Simples“, für ihren Schreibprozess allerdings Wesentliches aus: sein die gesamte Gestalt erfassendes und sie stets motivierendes „Zuhören-Können“.

Heinrich Heine näherte sich Damm über dessen Gedichte „Die Loreley“ und „Worte! Worte! keine Taten!“ [siehe Bemerkungen in dieser Ausgabe – die Redaktion], letzteres seiner jungen Verehrerin Elise Krinitz gewidmet. Krinitz, die Heine ein Jahr vor dessen Tod zum ersten Mal besuchte, veröffentlichte unter ihrem Pseudonym Camille Selden mehrere Romane und übersetzte Goethes „Wahlverwandtschaften“ ins Französische. Zu einem frühen Bestseller wurde ihr Erinnerungsbuch „Heinrich Heines letzte Tage“, das 1884 zeitgleich in Paris, Jena und London erschien.

Von den Autoren des 20. Jahrhunderts hebt Damm neben Else Lasker-Schüler insbesondere Hermann Hesse hervor, über den sie schreibt: „Immer, in seinem frühen wie dem späten Werk, stellt er die Selbstverwirklichung des Individuums in den Mittelpunkt, will den Einzelnen schützen und ihn widerstandsfähig machen. Das vielleicht ist es, was ihn so zeitlos, so anziehend und lebensfähig macht.“

Einen unmittelbaren Einfluss hatten schließlich die Schriftsteller, mit denen Sigrid Damm über Jahre hinweg persönlichen Umgang pflegte. Zum einen denkt sie an die zahlreichen Begegnungen mit Franz Fühmann und an das außergewöhnliche Verhältnis zu ihm. „Noch immer“, gesteht sie, „stehe ich mit Fühmann in einem inneren Dialog. Die Rigorosität seiner Fragestellungen.“ Zum anderen gab es die Strittmatters. Erwin bewunderte sie „für seine ungeheure Schreibdisziplin“ und „seine Fabulierlust“. Doch nicht nur das: „Existentiell aber wurde Erwin Strittmatter für mich durch seine politische Haltung.“ Was ihre Gespräche mit Eva Strittmatter angeht, so bleibt, wie Sigrid Damm zugibt, eine durchaus wehmütige Erinnerung zurück. „Mir wird bewußt: Ich habe Eva nie ein positives Wort über ihre Verse gesagt; dieses Thema war zu ihren Lebzeiten ausgeklammert.“

So wichtig Literatur für Sigrid Damm war und ist, den bildenden Künsten schenkte sie von jeher gleichsam ihre Aufmerksamkeit. Stellvertretend nennt sie hier drei Namen. Der erste Künstler, der sie stark beschäftigte, war Ernst Barlach. Sie erinnert sich an die „körperliche Intimität“, die sie bei ihren Besuchen in der Güstrower Gertrudenkapelle verspürte. „Immer wieder, immer erneut eine beglückende Erfahrung.“ – Ein Kunstwerk, das Damm besonders liebt, ist die Pietà „Mutter mit totem Sohn“ von Käthe Kollwitz. Anders als die um das Vierfache vergrößerte Plastik in Schinkels Neuer Wache Unter den Linden in Berlin, wirkt die im Original nur 38 Zentimeter hohe Figur „in ihrer Kleinheit […] äußerst intim“. – Unter den Malern tritt Caspar David Friedrich hervor, dessen Werke für Sigrid Damm einen besonderen Stellenwert haben. „Die beglückenden Impulse, die von Caspar David Friedrichs Bildern ausgehen. Das ewig Schöpferische des Alls, das Thema der Einheit von Natur und Weltganzem, das Caspar David Friedrich so meisterhaft gestaltet hat, ist uns heute wie nie zuvor existenziell nahe.“

Zwei große russische Schriftsteller stehen am Anfang beziehungsweise am Ende dieses äußerst anregenden, vor allem zum Wiederlesen motivierenden Buches.

Den Auftakt macht Iwan Turgenjew. Neben seinem Roman „Väter und Söhne“ haben Sigrid Damm in erster Linie dessen „Aufzeichnungen eines Jägers“ beeindruckt. „Es wurde meine Lieblingslektüre, diese wunderbaren Naturschilderungen und die liebevollen Porträts einfacher, mit der Natur in Übereinstimmung lebender Menschen.“

Mit einem Blick auf das Leben von Lew Tolstoj schließt sich der Kreis. „Krieg und Frieden“ sowie „Anna Karenina“, diese beiden Klassiker der Weltliteratur, gehören zu Damms „Kanon“. In den Aufzeichnungen Erwin Strittmatters stößt sie auf die Bemerkung: „Mit Tolstoj fing ich an, mit Tolstoj hört ich auf, dazwischen lag mein Lebenslauf.“ Nicht anders sieht es bei ihr aus: „Bis heute sehe ich immer wieder hinein, lese einzelne Stellen, und in einem Rhythmus von etwa fünf Jahren lese ich diese beiden Romane von der ersten bis zur letzten Seite.“

Auch in diesen Miniaturen zeigt sich Sigrid Damms Blick auf das Zeitlose, das Unvergängliche, das Wesentliche – auf das, was große Literatur ausmacht.

 

Sigrid Damm: Künstler meines Lebens – Sechzehn Porträts, Insel Verlag, Berlin 2026, 269 Seiten, 20,00 Euro.