Die Hebamme von Auschwitz

von Wolf H. Wagner, Florenz

Als am 27. Januar 1945 die Truppen der Roten Armee die Lager von Auschwitz und Birkenau befreiten, befanden sich unter den wenigen Überlebenden 416 Kinder, die jünger als 13 Jahre alt waren. Unter ihnen fanden die sowjetischen Soldaten auch Kleinkinder und Neugeborene.

Vieles, sehr Vieles ist in den vergangenen 80 Jahren, die seit der Befreiung vergangen waren, über die unmenschlichen, grausamen Bedingungen der Lager publiziert worden. Genug, um sich die Frage zu stellen: Wie konnten Kinder in dieser Hölle geboren werden, und wie konnten sie diese gar überleben?

 

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Eine mutige Frau, die den werdenden Müttern half, ihre Kinder auf diese Welt zu bringen, war die 49-jährige Hebamme Stanislawa Leszczyńska. Mehr als 3000 Entbindungen nahm sie vom Tag ihrer Einlieferung am 17. April 1943 nach Birkenau bis zur Befreiung vor, dabei starb nicht eines der kleinen Wesen, nicht eine Mutter während der Geburt. Doch nur etwa 60 dieser Kinder überlebten das Lager und den Krieg.

Die britische Schriftstellerin Joanna Barden hat die ungewöhnliche Geschichte dieser mutigen Hebamme aus Łódź aufgeschrieben. 2022 erschien unter dem Autorennamen Anna Stuart der Roman „The Midwife of Auschwitz“. Dessen deutsche Ausgabe, „Die Hebamme von Auschwitz“, hat jüngst der Piper Verlag München editiert.

Anna Stuart erzählt in ihrem Werk vom Leben der Hebamme Ana Kaminski wie auch ihrer Leidensgefährtin Ester Pasternak aus Łódź. Die Geschichte beginnt im September 1939. Am Tag des deutschen Überfalls lernen sich die Krankenschwester Ester Abrams und der Schneider Filip Pasternak kennen. Ironie des Schicksals: Ihr Treffen findet auf den Stufen der Stanilaus-Kostka-Kathedrale statt, wo die beiden jungen Juden ihre Mittagspause verbringen. Zufall oder Bestimmung? Die Kirche ist auch seelische Heimat der Hebamme Ana Kaminski, die ihren Glauben in tiefer Menschlichkeit lebt. Noch ist in den ersten Wochen des neuen Krieges nichts von der tiefen Bedrohung für die Juden Europas zu spüren, noch können Ester und Filip ihre Liebe spüren und sich entwickeln lassen.

Doch bald müssen Ester, Filip und ihre Familien in das von den Deutschen errichtete Ghetto ziehen, in dem schließlich 62.000 Menschen unter unsagbaren Umständen leben werden. Hunger, Kälte, Krankheiten und Tod grassieren in diesem zweitgrößten Ghetto in Polen. Hilfe gibt es nur von wenigen mutigen Polen, solchen wie Ana Kaminski oder ihr reales Vorbild Stanislawa Leszczyńska. Hilfe, die von der SS streng bestraft wird: Im Januar 1943 wird die Hebamme samt ihrer Familie verhaftet, am 17. April wird Stanislawa Leszczyńska gemeinsam mit ihrer Tochter Sylwia nach Birkenau „überstellt“, sie erhält die Häftlingsnummer 41335.

Mutter und Tochter verlieren auch im Lager ihre Courage nicht. Als Krankenschwestern und Hebammen versuchen sie, das Leid ihrer Mitgefangenen im Frauenlager zu mildern. Doch was heißt mildern? Unter den vielen Transporten, die Auschwitz erreichten, befanden sich auch immer wieder Mütter mit Säuglingen oder schwangere Frauen. Meist wurden die Mütter und ihre Kinder sofort in den Gaskammern ermordet. Die Schwangeren kamen ins Frauenlager und mussten dort erleben, wie ihre Kinder gleich nach der Geburt in einem Wasserfass ertränkt wurden. „Dies Prozedur führten Schwester Klara und Schwester Pfani aus. Die Erstgenannte war Hebamme von Beruf und geriet wegen Kindermord ins Lager. Nach jeder Geburt vernahmen die Wöchnerinnen ein langanhaltendes Wasserplätschern. Bald hernach konnte die Mutter vor dem Block die ins Freie geschmissene Leiche ihres Kindes erblicken“, erinnerte sich Stanislawa Leszczyńska. Mehr als zwanzig Jahre brauchte die Hebamme, um über diesen Alptraum berichten zu können. Nicht zu ermessen, wie sie angesichts dieser Morde – im Block, in den anderen Lagerteilen und vor allem in den Krematorien – überhaupt noch die Kraft besaß, ihren Dienst und ihre Hilfe weiter zu leisten.

Was sich eigentlich nicht in Worte fassen lässt, Anna Stuart versucht es in ihrem Roman. Nicht nur das Grauen darzustellen, das sich ohnehin mit keinem ausreichenden Vokabular beschreiben lässt. Sondern vor allem den letzten verbliebenen Rest von Menschlichkeit, von Solidarität, von einem einander Stützen. Ohne diese weder die wenigen Frauen noch die noch wenigeren Kinder die Lager je überlebt hätten.

Als die Truppen der 60. Armee der I. Ukrainischen Front unter Generaloberst Pawel Kuroczkin am 27. Januar 1945 die Lager von Auschwitz befreien, finden sich in Birkenau noch 5800 kranke Häftlinge, von ihnen 4000 Frauen. Manche überlebten das Lager nur um Tage oder Wochen. Diejenigen, die wieder zurückfanden in ein Leben, waren für immer von Traumata und Alpträumen gekennzeichnet. Erst Jahrzehnte später – wenn überhaupt – konnten sie von dem Erlebten berichten. Stanislawa Leszczyńska hat ihre Erinnerungen, auf die sich Stuarts Roman stützt, 1965 erstmals niedergeschrieben.

Der vorliegende Roman ist eine Fiktion, kein naturalistisches Abbild der Geschehnisse von Auschwitz-Birkenau. Doch er kann – dicht an die Biografie Stanislawa Leszczyńskas angelehnt – ein wirkungsvolles Bild des Leidens und Überlebens im Lager liefern. Ana und Ester – Synonyme für Stanislawa und ihre Tochter Sylwia – folgten deren Motto: Überleben ist unsere Waffe.

Überleben, um zu berichten. Doch nur wenige der Zeitzeugen können dies heute noch, eine Menschengeneration nach den mörderischen Ereignissen von Auschwitz und den vielzähligen anderen Lagern. Umso so wichtiger ist eine solche Erzählung, sind Dokumentationen, gerade in Zeiten, in denen  Rechtspopulismus und Antisemitismus in Europa zunehmen.

 

Anna Stuart: „Die Hebamme von Auschwitz“, Piper Verlag, München 2026, 464 Seiten, 17,00 Euro.

Wolf H. Wagner, Jahrgang 1952; Studium an der Humboldt-Uni, Diplom-Philosoph; an der Humboldt-Uni, arbeitete als Redakteur bei der außenpolitischen Zeitschrift horizont sowie bei der aktuellen kamera. Autor von „Der Hölle entronnen – eine Biografie des Malers Leo Haas“ und „Wo die Schmetterlinge starben – Kinder in Auschwitz“. Seit 1999 berichtet Wagner als Korrespondent aus Italien.