Desertiert zu den griechischen Partisanen

von Karl Wimmler, Graz

Im Jahr 1969 berichtete der Hamburger Kommunist Ernst Hansch über August Pirker: Dieser „unterhielt im Auftrage unserer gemeinsamen Widerstandsorganisation Kontakte zu leitenden Persönlichkeiten der griechischen Volksbefreiungsbewegung und der Kommunistischen Partei Griechenlands auf der Insel Limnos. August Pirker transportierte Waffen und Munition, die unsere Organisation für die griechischen Kampfgenossen beschaffte.“ Bis es allerdings dazu kam, mussten die Angehörigen dieser Widerstandsorganisation unterschiedlich verschlungene Wege zurücklegen.

August Pirker war als führender Funktionär der steirischen KPÖ tätig gewesen und 1939, durch einen Spitzel enttarnt, verhaftet und zu zwölf Jahren Zuchthaus verurteilt worden, die er im niederösterreichischen Stein an der Donau antreten musste.

Pirkers Buch „St‘ Ármata!“ („Zu den Waffen!“), dessen Manuskript seit 1968 in einem Archiv auf die Publikation wartete, berichtet über den Weg des Autors mit dem Strafbataillon 999 (in der Literatur auch Strafdivision 999) – von der zwangsweisen Rekrutierung im Zuchthaus über die „Ausbildung“ in einem Lager in Süddeutschland, bis seine „1. Kompanie des XVI. Festungs- und Infanteriebataillons 999“ im Dezember 1943 in Nordgriechenland landete.

Ende des Jahres 1942 hatte die Wehrmacht vor allem infolge der umfangreichen Verluste besonders an der Ostfront als sogenannte „Bewährungseinheit“ das Strafbataillon 999 geschaffen, in das nun ursprünglich als „wehrunwürdig“ eingestufte, weil aus politischen oder kriminellen Gründen Verurteilte eingezogen wurden.

Bald nach der Landung auf der Insel Limnos nahmen August Pirker und andere Antifaschisten – unter ihnen auch der nachmalige Sekretär der SED in Dresden Karl Müller und ab Mai 1944 der spätere Politologe Wolfgang Abendroth – Kontakt zur griechischen Widerstandsbewegung auf. Pirker schildert anschaulich sowohl die Schwierigkeiten des Überlaufens zu den ELAS-Partisanen, als auch die parallel zu den Aktionen der Wehrmacht teilweise erfolgreichen Kontaktaufnahmen mit der Zivilbevölkerung der Insel, die bald Freund und Feind zu unterscheiden lernte. Nach ihrem erfolgreichen Seitenwechsel erhielten drei Deutsche und drei Österreicher, die sich als Leitung der illegalen Organisation betrachteten, darunter Pirker, von den offiziellen Stellen der ELAS Ausweise, die sie gegenüber allen Widerstandseinheiten als Teil der Befreiungsbewegung legitimierten.

Eingebettet ist dieser spannend zu lesende Bericht in eine historische Einleitung, eine biographische Skizze über den Autor und ein fachkundiges Nachwort des Historikers Heimo Halbrainer. Bereits in der Einleitung weist er darauf hin, dass in Westdeutschland und Österreich die zu den Partisanen übergelaufenen „jahrzehntelang kein Thema von öffentlichen oder wissenschaftlichen Auseinandersetzungen waren, während in der DDR schon sehr früh Publikationen von ehemaligen Angehörigen […] erschienen“, bis schließlich 1986 im westdeutschen Röderberg-Verlag der VVN das von Halbrainer als „Standardwerk über die 999er“ bezeichnete Buch von Hans-Peter Klausch – „Die 999er. Von der Brigade ‚Z‘ zur Afrika-Division 999: Die Bewährungsbataillone und ihr Anteil am antifaschistischen Widerstand“ – herauskam, in dem erstmals auch August Pirker zitiert wurde.

Pirkers Erlebnisbericht endet nicht mit der Befreiung Griechenlands von der deutschen Fremdherrschaft, sondern beschreibt auch den zwiespältigen Übergang in den von Großbritannien beförderten Bürgerkrieg, sowie die schwierige und durchaus unterschiedliche Rückkehr der internationalen Mitkämpfer in die Heimat, die im Falle Pirkers mehr als zwei Jahre dauern sollte.

Pirkers Buch – mit Dokumenten und Fotos angereichert – schließt insbesondere für Österreich eine Leerstelle der Widerstandsgeschichte.

 

August Pirker: St‘ Ármata! Als Österreicher bei den griechischen ELAS-Partisanen., Herausgegeben und mit einem Nachwort von Heimo Halbrainer, CLIO. Verein für Geschichts- & Bildungsarbeit, Graz 2025, 140 Seiten, 20,00 Euro.