Wie Sand am Meer
Welche weltweite Bedeutung die Bibel hat, belegt unlängst eine Meldung der Deutschen Bibelgesellschaft in Stuttgart. Sie berichtet, dass nach neuesten Übersetzungen die komplette Bibel nun in 795 Sprachen verfügbar sei. In Teilen könne man sie jedoch bereits weltweit in mehr als 4.000 Sprachen lesen. Neu hinzugekommen seien im vergangenen Jahr beispielsweise Übertragungen auf Ost-Oromo, das in Äthiopien von mehr als 10 Millionen Menschen gesprochen wird.
Dem Berliner Theologen Rainer Metzner gelingt in seinem Buch „Mit Feuereifer und Engelszungen. Kleines Lexikon deutscher Wörter biblischer Herkunft“ eine ebenso lehrreiche wie unterhaltsame Reise durch die Sprachlandschaft der Bibel. Auf 221 Seiten zeigt er, wie viele Ausdrücke, die wir im Alltag ganz selbstverständlich benutzen, ihren Ursprung in der Bibel haben. Schon der Titel macht neugierig und spiegelt den anschaulichen, lebendigen Stil des Buches wider.
Besonders faszinierend ist, wie Metzner die Herkunft der Lemmata erläutert und dabei kleine Geschichten erzählt, die historische wie auch sprachliche Kontexte lebendig werden lassen. Man erfährt nicht nur, woher die Wörter kommen, sondern auch, wie sie sich im Laufe der Jahrhunderte semantisch verändert haben. Die Lektüre ist dabei leicht verständlich und zugleich fundiert – ein ideales Nachschlagewerk für Sprachliebhaber und alle, die gerne hinter die Kulissen unserer Redensarten blicken.
Zur Veranschaulichung führt Metzner zahlreiche Beispiele an. So zeigt er etwa, dass die Wendung „wie Sand am Meer“ aus biblischen Verheißungen stammt, in denen Nachkommen oder Reichtum in unzählbarer Fülle beschrieben werden. Auch der Ausdruck „ein Buch mit sieben Siegeln“ wird anschaulich erklärt: Er verweist auf die Offenbarung des Johannes, in der ein versiegeltes Buch nur vom Lamm Gottes geöffnet werden kann. Ebenso spannend ist die Geschichte hinter „mit jemandem wie mit Engelszungen reden“, die aus dem 1. Korintherbrief stammt und noch heute für besonders eindringliches oder überredendes Sprechen verwendet wird.
Metzner macht dabei deutlich, dass sehr viele dieser Redewendungen ihre heutige sprachliche Form durch die Bibelübersetzung Martin Luthers erhalten haben. Luther prägte mit seiner kraftvollen, bildhaften Sprache maßgeblich den Sprachgebrauch im Neuhochdeutschen und gab vielen biblischen Ausdrücken eine eingängige Form, die bis heute in unserem Alltag lebendig ist. Zu ihnen gehören Neologismen, bevorzugt Komposita wie Augendienerei, Feuereifer, Herzenslust, Lückenbüßer, Mördergrube oder Schandfleck. Das Buch der Bücher in Luthers Version ist ein Sprachvorbild geworden, das normierend gewirkt hat.
„Bemerkenswert ist dabei, dass der Gebrauch der Bibelsprache nicht zwingend an eine religiöse Bindung gekoppelt ist“, schreibt der Autor und belegt dies mit dem Pfarrerssohn und Atheisten Friedrich Nietzsche, welcher die Lutherbibel als das bisher „beste deutsche Buch“ schätzte oder mit Bertolt Brecht, der bekannte,: „Meine Lieblingslektüre? Sie werden lachen: die Bibel“.
Das handliche Format und der Preis machen das Lexikon zu einer lohnenden Anschaffung – sei es für die gemütliche Lektüre oder als Geschenk für sprachbegeisterte Freunde. Ein rundum gelungenes Buch, das bereichert und Freude macht.
Fazit: Informativ, charmant und zum Stöbern anregend – ein kleines Sprachlexikon, das man immer wieder gern zur Hand nimmt.
Rainer Metzner: Mit Feuereifer und Engelszungen. Kleines Lexikon deutscher Wörter biblischer Herkunft, C.H. Beck, München 2026, 221 Seiten, 16,00 Euro.
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Facetten der Liebe
„Waz mag daz sîn, daz diu werlt heizet minne“ („Was mag das sein, das die Welt ‚Liebe‘ nennt“), mit diesen fragenden Worten des Minnesängers Friedrich von Hausen beginnt Ulrich Kittstein die Einleitung zu seinem neuen Werk „Die Sprachen des Begehrens“, in dem er sich der Geschichte der deutschen Liebeslyrik widmet und die vielfältigen Ausdrucksformen der Liebe in lyrischer Gestalt lebendig werden lässt. Auf 398 Seiten entfaltet der Autor eine Geschichte über zehn Jahrhunderte, die von mittelalterlicher Minnelyrik über romantische Verse bis hin zu modernen poetischen Reflexionen reicht.
Kittstein will „die Hauptlinien in der Entwicklung der deutschsprachigen Liebeslyrik seit dem Mittelalter“ nachzeichnen, detaillierte Einzelinterpretationen bilden für ihn das Rückgrat des Bandes. Aber er schreibt keine übliche Geschichte in chronologischer Abfolge. Sein Zugang ist ein anderer. Die neun Kapitel laden jeweils „zu einem eigenen Streifzug […] ein, der einen bestimmten thematischen Aspekt verfolgt.“ Die Kapitelüberschriften lauten zum Beispiel: Die Feier der Sinnlichkeit, Einheit in der Zweiheit, Der dämonische Eros, Wehmut und Klage oder Abschiede.
Mehr als 90 Gedichte werden ausführlich untersucht. Die vorgenommene Auswahl ist naturgemäß nur ein winziger und individueller Ausschnitt aus einem monumentalen Textfundus.
Wir finden die üblichen Verdächtigen wie (hier alphabetisch) Bertolt Brecht, Johann Wolfgang Goethe, Heinrich Heine, Eduard Mörike oder Rainer Maria Rilke, aber auch weniger bekannte Dichter. Kittstein beginnt mit den anonymen mittelhochdeutschen Versen aus dem 12. Jahrhundert, vermutlich von einer Nonne verfasst, die auch heute noch verständlich und beeindruckend sind:
Dû bist mîn, ich bin dîn.
des solt dû gewis sîn.
dû bist beslozzen
in mînem herzen,
verlorn ist daz sluzzelîn:
dû muost ouch immêr darinne sîn.
Die Interpretationen nutzen wissenschaftliche Kriterien (etwa das lyrische Ich, Versformen usw.), wollen aber „nicht nur für wissenschaftliche Spezialisten, sondern für alle literaturinteressierten Leser zugänglich sein“. Die Beschäftigung mit poetischen Texten, so der Autor, setzt allerdings ein gewisses Maß sprachlich-literarischer Kompetenz voraus, um die es „nicht mehr zum Besten bestellt ist“. Das ist zurückhaltend von Kittstein formuliert. Auch die Lektüre des Buches erfordert einen besonders aufmerksamen und literarisch gebildeten Leser. Umgehen lässt sich diese Hürde nicht, denn die so stark verdichteten Sprachkunstwerke der Lyrik werden nicht in „einfache Sprache“ oder „Light-Versionen“ übertragen, formuliert der Autor.
Kittstein zeigt kenntnisreich, wie sich in Gedichten die unterschiedlichen Facetten der Liebe – von Eros und Agape über Caritas bis hin zur freundschaftlichen Philia – sprachlich verdichten. Dabei bleibt das Buch nicht auf einer rein theoretischen Ebene stehen. Stattdessen verknüpft es die Analyse der poetischen Sprache mit kulturhistorischen Kontexten und vermittelt die emotionale Kraft der Texte. Die Einblicke in die Liebesgefühle verdeutlichen, dass Liebeslyrik stets ein Spiegel gesellschaftlicher Vorstellungen und individueller Sehnsüchte ist.
Besonders hervorzuheben ist Kittsteins Fähigkeit, die literarische Tradition kenntnisreich, aber zugänglich zu präsentieren. Die Auswahl und Interpretation der Gedichte laden dazu ein, die Poesie der Liebe neu zu entdecken und ihr sprachliches Funkeln zu genießen. Die Gedichte werden „vollständig wiedergegeben, in ihren jeweiligen Kontexten vorgestellt und ausführlich interpretiert“ (Klappentext). Wer sich für Literaturgeschichte interessiert oder den vielen Facetten der Liebe über die Jahrhunderte hinweg nachspüren möchte, findet in diesem Buch eine bereichernde Lektüre.
Fazit: „Die Sprachen des Begehrens“ ist ein fundiertes und zugleich inspirierendes Werk, das die deutsche Liebeslyrik in ihrer ganzen Vielfalt sichtbar macht und die Poesie des Begehrens in den Mittelpunkt rückt.
Ulrich Kittstein: Die Sprachen des Begehrens. Eine Geschichte der deutschen Liebeslyrik. Wallstein Verlag, Göttingen 2026, 398 Seiten, 29,00 Euro.
Schlagwörter: Bibel, Geschichte, Jürgen Hauschke, Lexikon, Liebeslyrik, Martin Luther, Rainer Metzner, Sprache, Ulrich Kittstein





