29. Jahrgang | Nummer 9 | 18. Mai 2026

Drei Reporterinnen und der Nürnberger Prozess

von Mathias Iven

Vor achtzig Jahren ging im Nürnberger Justizpalast der Hauptkriegsverbrecherprozess seinem Ende entgegen. Nach 218 Verhandlungstagen wurden am 1. Oktober 1946 die Urteile gesprochen. Tausende von Beweisdokumenten waren vorgelegt worden, 240 Zeugen hatten ausgesagt, 300.000 Eidesstattliche Erklärungen wurden zu den Akten genommen. Am Ende umfasste das Protokoll 16.000 Seiten.

Zahlreiche Korrespondenten aus aller Welt berichteten elf Monate lang aus dem Gerichtssaal 600 über den wohl größten Prozess der Weltgeschichte. Unter ihnen einige, schon damals berühmte Schriftsteller und Journalisten wie Erich Kästner und John Dos Passos, Erika Mann und Willy Brandt, Alfred Döblin und Elsa Triolet, Wolfgang Hildesheimer und Markus Wolf. Allesamt waren sie untergebracht auf dem nur wenige Kilometer entfernten Schloss Faber-Castell. Erst jüngst hat Uwe Neumahr die damaligen Arbeits- und Lebensbedingungen im „Bleistiftschloss“ eindrucksvoll beschrieben (siehe Blättchen, Heft 13/2023).

In der 1979 gegründeten Edition Tiamat, deren Ein-Mann-Verleger Klaus Bittermann erst vor wenigen Wochen mit dem Kurt-Wolff-Preis 2026 ausgezeichnet wurde, liegen jetzt die Texte von drei Reporterinnen vor, die das „Tribunal der Sieger“ teils über Monate hinweg verfolgt haben, sich in Nürnberg jedoch nie begegnet sind. Auf eindrucksvolle Weise beschrieben Janet Flanner, Rebecca West und Martha Gellhorn vor allem die für alle Anwesenden teils lähmende Atmosphäre im Gerichtsgebäude.

Für Janet Flanner, die am 13. Dezember 1945 in Nürnberg eintraf, war der Gerichtssaal „Austragungsort der letzten deutschen Schlacht“. Auf der einen Seite Göring, auf der anderen Seite der Hauptanklagevertreter Robert H. Jackson. Görings Vortrag beschrieb Flanner als „eine erstaunliche Darbietung. Es war die größte Erfolgsstory eines Versagens in der modernen Geschichte. […] Was er seinen Richtern bot, war kein mea culpa, sondern eine Dissertation über die Technik der Macht.“ Die amerikanischen Ankläger hatten dem wenig entgegenzusetzen. Denn das Team, so Flanner, „bestand aus einfachen Davids, die eher mit Vertrauen gewappnet als gegen Nazi-Goliaths gerüstet waren“. Zudem konnte sie sich nicht des Eindrucks erwehren, dass die Ankläger es geschafft hatten, „den am umfassendsten geplanten und dramatischsten Krieg, den die Welt je erlebt hat, langweilig und unzusammenhängend erscheinen zu lassen“. Und schließlich stellte Flanner die pädagogische Absicht des Prozesses in Frage. Schrieb sie doch bereits am 17. Dezember 1945: „Was immer die deutsche Bevölkerung denken mag, über den Nürnberger Prozess zerbricht sie sich nicht den Kopf.“

Rebecca West, eine der schillerndsten Autorinnenpersönlichkeiten des letzten Jahrhunderts, kam Ende Juli 1946 nach Nürnberg. „Da tauchte unter dem Flugzeug das erstaunliche Gesicht des Weltfeindes auf“ – so lauten die ersten Worte ihres fast 100 Seiten umfassenden Beitrags „Gewächshaus mit Alpenveilchen“ („Greenhouse with Cyclamens“). Der für eine Prozessberichterstattung ungewöhnliche Titel verweist auf ein Erlebnis, das West im Garten des Faber-Castell Schlosses hatte. Bei einem ihrer Spaziergänge stieß sie dort auf ein Gewächshaus voller Pflanzen, „Reihen über Reihen mit wunderschön gewachsenen Alpenveilchen, die einer Spezialfirma Ehre gemacht hätten“. Sie war verwirrt. „Man könnte meinen, es sei unter keinen Umständen von großem Interesse, dass jemand ein florierendes Geschäft mit Topfpflanzen begonnen hätte. Doch das hier war Deutschland, es war 1946 […] in diesem Treibhaus behauptete sich das Talent der Deutschen zum Handel auf eine Art und Weise, die gleichzeitig amüsant und unverfroren war. So wie es aussah, war dieses Treibhaus in Missachtung von Hitlers Vorschriften und Verordnungen während des Krieges weiterbetrieben worden, und missachtete nun die Vorschriften und Verordnungen der Alliierten, denn mit Sicherheit konnten sie nicht wollen, dass deutscher Brennstoff und deutsche Arbeitskraft für den Anbau von Blumen verbraucht wurden.“ – War der Gerichtssaal für West die „Hochburg der Langeweile“, so verstand sie die Blumen, wie Klaus Bittermann in seinem Nachwort schreibt, unter diesen besonderen Umständen als „eine Allegorie auf eine Zukunft, die sich noch niemand vorstellen kann und von der niemand weiß, was sie bringen wird“.

Martha Gellhorn, die jüngste der drei Reporterinnen, die über 60 Jahre lang von fast allen Kriegsschauplätzen der Welt berichtete, traf in Nürnberg erst ein, als die Urteile gefällt wurden. Ihr erster Eindruck war ernüchternd: „Zehn Monate und zehn Tage saßen [die Angeklagten] da unter dem harten blauweißen Licht, und jeder fand einen Ausdruck für sein Gesicht, der solange anhielt, wie der Prozess dauerte. Es waren seltsame Gesichter, und sie sagten nichts.“ Gellhorn konnte weder für die Angeklagten noch für die Deutschen insgesamt Verständnis aufbringen. „Ein ganzes Volk, das sich vor der Verantwortung drückt, ist kein erbaulicher Anblick“, so lautete ihr Fazit. Am 1. Oktober 1946 wurden die Urteile verlesen: 11 Todesurteile, 7 Gefängnisstrafen, 3 Freisprüche. „Als es vorbei war, herrschte ein leeres, betäubendes Gefühl im Gerichtssaal. Die Richter gingen hinaus, der Saal war still, der Prozess war vorüber, es war Gerechtigkeit geübt worden. Die Gerechtigkeit wirkte auf einmal sehr klein, die Spannung verpuffte.“ Nach einer so langen Verhandlungszeit ein geradezu unspektakuläres Ende. Doch Gellhorn, die 1961 über den Jerusalemer Eichmann-Prozess berichten wird, spricht die Hoffnung aus, „dass dieser Rechtskodex als Schranke gegen die kollektive Bosheit, Gier und Torheit einer jeden Nation dienen möge“.

Drei Berichte, drei Sichtweisen auf einen Prozess, der die bis dato unmenschlichsten Taten der Weltgeschichte verhandelte. Texte, die man gerade heute wieder lesen sollte.

Janet Flanner, Martha Gellhorn, Rebecca West: Im Herzen des Weltfeindes – Der Nürnberger Kriegsverbrecherprozess. Reportagen, mit Fotos von Lee Miller, einem Vorwort von Ingo Müller und einem Nachwort von Klaus Bittermann, Edition TIAMAT, Berlin 2026, 224 Seiten, 22,00 Euro.