Im April 1966 hielt Walter Ulbricht in der Berliner Dynamo-Sporthalle eine Rede. Die Halle gibt es noch immer, aber Ulbricht ist seit über sechzig Jahren tot. Der Erste in Partei und Staat hielt viele Reden, gewiss. Diese jedoch war wirklich bedeutend, weil strategisch. Zwar ging sein Blick zunächst zurück, schließlich war der Anlass der Rede die Gründung der SED zwanzig Jahre zuvor. Doch dann dachte Ulbricht laut über „Deutschlands Stellung in der Welt von heute und in der Welt von morgen“ nach. Wohlgemerkt: nicht über den Platz der DDR, sondern über den Platz Deutschlands! Seine Überlegungen hatte er überschrieben mit: „Der Weg zum künftigen Vaterland der Deutschen“.
Augenscheinlich hat diese bemerkenswerte Perspektive – mitten im Kalten Krieg und in der Hochzeit der Hallstein-Doktrin geäußert – den promovierten Theatermann Jens Mehrle derart beeindruckt, dass er sich entschloss, die von ihm entdeckte Rede neuerlich zu publizieren und, notwendigerweise, auch zu kommentieren. Mit dem Wissen von heute und nach jahrzehntelanger vorsätzlicher ideologischer Verdummung ist Ulbrichts Text wirklich ungeheuerlich. Weil: Er wirkt wie aus der Gegenwart. Es finden sich darin Bezüge und Charakteristiken, die unverändert zutreffen. „Spießbürgerliche Sattheit, dümmlicher Wettlauf um Prestigekonsum und Geltungsdünkel sowie staatsbürgerliche Passivität, gepaart mit nationalistischer Überheblichkeit und politischer Unwissenheit, gehören nicht zu unseren Vorstellungen.“
Das ist nicht von 2026, sondern von 1966.
Der Kommunist im Staatsamt stemmte sich nicht nur gegen die vom Westen vollzogene Spaltung Deutschlands, sondern blies zur Offensive, um diese zu überwinden. In Bonn herrschte noch die, wenngleich unter Kanzler Ludwig Erhard sich im Sinkflug befindliche christlich-liberale Koalition, die sozialdemokratische Führung schielte auf die Plätze auf der Regierungsbank. Ulbricht meinte keineswegs polemisch, wohl aber besorgt, der Weg der SPD an die Seite von CDU/CSU sei eine „Sackgasse“, sie wiederhole die Fehler aus der Weimarer Republik. Für ihn war die SPD jedoch nicht der politische Gegner. Die politische Trennlinie für „wahre Sozialdemokraten“ – in deren Tradition Ulbricht die SED sah – war der Marxismus, nicht der Parteiname. Darum gab es diverse Schriftwechsel und Angebote zum Redneraustausch aus Berlin, um möglichst viele Genossinnen und Genossen „drüben“ zu gewinnen. Willy Brandt, Herbert Wehner und Helmut Schmidt lehnten die vermeintlichen „Volksfrontmanöver“ ab und warfen der SED vor, die Ordnung in der Bundesrepublik angreifen zu wollen. Die grundsätzlichen Gegensätze ließen keine Aussprache zu, kam es aus der Bonner „Baracke“.
Ulbricht reagierte darauf wiederholt mit dem Hinweis, dass die SED nicht vorhabe, die „freiheitlich-demokratische Grundordnung“ der Bundesrepublik zu gefährden noch einen Kampf gegen die SPD zu führen wie seinerzeit die KPD in der Weimarer Republik. Es gehe vielmehr darum, sie von ihrer reaktionären Orientierung zu lösen.
Und dann präsentierte der Staatsmann die staatliche Perspektive – eine Konföderation zweier gleichberechtigter Staaten, die sich später vereinten. Das war nicht als Alternative für das zweigeteilte Deutschland gedacht, sondern eine logische Konsequenz aus der widernatürlichen, einzig aus Kapitalinteressen diktierten Spaltung Deutschlands nach dem Krieg. Mehrle in seinem analytischen Nachwort: „Der Beitrag der DDR (für diese Konföderation) bestehe darin, sozialistische Ökonomie und Demokratie zu entwickeln, das wechselseitige Verhältnis zwischen dem Einzelnem und Gesellschaft zu harmonisieren.“ Womit Ulbricht die ihm durchaus bewussten Defizite der DDR-Gesellschaft beschrieben hatte, welche also überwunden werden mussten, ehe man in diese Annäherung eintreten könnte. Dazu war bereits ein Reformprozess eingeleitet worden, Stichwort Neues Ökonomisches System.
„Für die BRD“, so Mehrle, „greift er Forderungen auf, die dort von progressiven Kräften erhoben wurden: Reform des Parlaments, Kontrolle der Wirtschaft durch Gewerkschaften, Brechung der Macht von Medienkonzernen, eine Landreform mit Abschaffung von Wucherpachten, Gleichberechtigung der Frau, Grundrechte für die Jugend, Entnazifizierung, Repräsentanz von Arbeitern im Staat, eingesparte Rüstungsgelder für Länder und Kommunen, Demokratisierung des Bildungswesens, Beendigung der Militärseelsorge, Förderung humanistischer Kunst.“
Am Ende seiner bemerkenswerten Rede skizzierte Ulbricht die „neue Ordnung“, die nach der Vereinigung entstehen und augenscheinlich nicht kapitalistisch sein würde. „Der Humanismus des entworfenen Staatswesens vermag die Eigentumsverhältnisse der Gleichheit mit dem Reichtum zu verbinden und definiert so Reichtum neu“, urteilt Mehrle, der zwei Jahre alt war, als Ulbricht diese Vision artikulierte. „Hunger, Elend, Krankheiten weltweit zu bekämpfen, die Umwelt zu schützen, gehören zu diesem Humanismus wie zu seinem Reichtum die frei verfügbare Zeit der Individuen, in der sie universelle Interessen entwickeln und sich in der Gesellschaft engagieren.“
Die Rede wurde sehr unterschiedlich aufgenommen. Willy Brandt erklärte auf dem SPD-Parteitag in Dortmund Anfang Juni, dass es mit den Kommunisten keine Gemeinsamkeiten gebe. Helmut Schmidt wünschte Schulungen, damit „die Jugend“ selber herausfindet, was am Kommunismus falsch und Lüge sei. Und Herbert Wehner, erklärte, dass „die SED, unser Gegner“ die SPD damit lediglich in die Zwangslage bringen wolle, sich über ihr Rolle „im Ringen um Deutschlands Zukunft zu zerstreiten“.
Nein, es ging Ulbricht nicht ums Zerstreiten, sondern darum, was der Historiker Sebastian Haffner am 8. Mai 1966 im Stern klug formulierte: „Woran die SED hier appelliert, das sind doch gewisse verschüttete Gemeinsamkeiten: Marx, Engels, Bebel, die rote Fahne, der 1. Mai, Klassensolidarität der Arbeiter, Sozialismus. Aber an alles das möchte doch die heutige SPD um Himmels willen nicht erinnert werden. Sie will ja keine Arbeiterpartei mehr sein, sondern eine Volkspartei: sie gibt sich seit Jahren die äußerste Mühe zu beweisen, dass sie mit den bürgerlichen Parteien sehr vieles, mit den Kommunisten aber nichts und rein gar nichts gemeinsam hat.“
Der Verlag hat das von Jens Mehrle herausgegebene Büchlein auch der Friedrich-Ebert-Stiftung in der Godesberger Allee in Bonn angeboten, worauf ihm aus dem „Archiv der sozialen Demokratie, Referat Bibliothek, Magazin und Digitale Dienste“ sofort Antwort zuteil wurde. Einsilbig, einzeilig: „Da wir die 1. Auflage von 1966 in mehreren Exemplaren besitzen, planen wir hier allerdings keine Neuanschaffung.“
Der Dietz Verlag Berlin hatte im Mai 1966 die Rede in einer Startauflage mit 350.000 Exemplaren herausgebracht, im September gab es eine 2. Auflage mit noch einmal 100.000. Klar, dass das SPD-Archiv keine kommentierte Neufassung von 2026 benötigt. Die Welt ist heute doch auch noch immer so, wie sie damals war, und es ist doch bekanntlich längst zusammengewachsen, was zusammengehört. Deutschland, einig Vaterland …
Jens Mehrle (Hrsg.): Walter Ulbricht: Der Weg zum künftigen Vaterland der Deutschen, Das Neue Berlin, Berlin 2026, 96 Seiten, 14 Euro.
Schlagwörter: Deutschlandpolitik, Jens Mehrle, Jutta Grieser, SED, Vaterland der deutschen, Walter Ulbricht


