29. Jahrgang | Nummer 6 | 23. März 2026

Theaterberlin

von Reinhard Wengierek

Diesmal: „Zukunftsmusik“ – Maxim Gorki Theater / „Kinder der Sonne“ – Berliner Ensemble, Neues Haus

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Gorki Theater: Schräges aus Sowjetrussland oder Der 11. März anno 1985
Schon der Begriff „postmigrantisches Theater“ stürzte ganz Feuilleton-Deutschland in Aufregung; damals, vor 13 Jahren. Als Shermin Langhoff als neue Intendantin des „Gorki“ – einer Staatsbühne! – damit begann, noch wenig bekannte, aber enorm befähigte Künstler mit vornehmlich türkischem Namen zu engagieren. Und ihr Haus weit zu öffnen für das längst ins Land Hereingeströmte, sesshaft Gewordene. So begann eine einzigartige Erfolgsgeschichte mit überraschend neuartigen, lebensprallen Geschichten, genreübergreifend und auf vielfältige, oftmals virtuose Art erzählt. Seither gilt das Gorki als stilbildend, als ein musterhaft divers aufgestelltes Theater.

An diesem Anfang – und dann immer wieder – steht Nurkan Erpulat, ein fürs poetische Erzählen brisanter Stoffe gefeierter Regisseur. Im November 2013 eröffnete er die Spielzeit mit einer damals als provokativ empfundenen Inszenierung von Tschechows „Kirschgarten“.

Jetzt schließt sich der Kreis. Wieder russisch. Mit seinem persönlich arg betrauerten Gorki-Abschied und der Adaption des 2022 erschienenen Romans „Zukunftsmusik“ der russisch-deutschen Autorin Katerina Poladjan. Sie erzählt bittersüß, aber auch recht witzig, vom Leben kleiner Leute tief in der Provinz am 11. März 1985. Das Datum deshalb, weil tags zuvor der KPdSU-Chef Konstantin Tschernenko starb und Michail Gorbatschow vor der Tür stand. Stille herrschte, Erstarrung. Nun keimte Hoffnung, tönte Zukunftsmusik. Leise, leise; wie von fern …

So eben auch in der Komunalka einer Kleinstadt an jenem Frühlingstag. Dort hausen vier Generationen Frauen einer Familie (Großmutter, Tochter, Enkelin, Urenkel). Sie bewältigen so recht und schlecht ihren nervenaufreibenden, komischen und traurigen Alltag. Zur beengten Wohngemeinschaft zählen noch ein Schlafwagenschaffner sowie ein Verwaltungsangestellter. Eine pittoreske Mischung gegensätzlichster Temperamente, die da aufeinanderprallen, sich zusammenraufen müssen.

Feines Futter für Komödianten: Da klopft die lebenslustige Großmutter freche Sprüche (Ursula Werner), dazwischen wuseln ihre vom Tagtäglichen beständig überforderte, traurige Tochter mit den schönen blonden Locken (Cigdem Teke) sowie deren rotzig aufmüpfige Tochter Janka (Via Jikeli), die auf der Nachtschicht im Glühlampenwerk von einer Karriere als Rockerin träumt – oder wenigstens von einem Küchenkonzert zu Hause in ihrer Komunalka. Schmerzlich und anrührend Doga Gürer als verkorkster, weil vom Stalinismus gezeichneter Büromensch. Daneben Aysima Ergün und Marc Benner in einer Handvoll signifikanter Nebenrollen.

Ein liebenswertes Ensemble. Es agiert pointiert, zuweilen satirisch zugespitzt in einer Fülle rasch wechselnder Szenen im großartigen Bühnenbild von Magda Willi. Da drehen sich in einem engen Guckkasten wie im Kaleidoskop die jeweiligen Spielorte der so vielfach belegten Gemeinschaftswohnung.

Ein Episodenkarussell, auf dem das Leben auf der Stelle tritt. Scheu, zweifelnd oder desillusioniert wird nach vorn geblickt. Nur die zornige Janka fällt aus dem Rahmen; das Gitarren-Girlie mit der wilden Mähne, einem Baby, das nervt, und aufrührerisch freiheitlicher Träumerei. Das alles zusammen fügt die Regie zu einem schwermütig biedermeierlichen Bild von 1985.

Auch da klingt, wie in Poladjans Roman, unüberhörbar aus der Tiefe das ewig Tschechowsche Vergeblichkeitsrauschen. Uns scheint jedoch, jetzt, in „Zukunftsmusik“, dringt es viel stärker durch als vor gut einem Jahrzehnt im „Kirschgarten“ – damals, vor unserer „Zeitenwende“…

Doch Achtung! Es gibt – ganz unsentimental – als Rausschmeißer noch ein Konzert auf der Bühne in der Küchen-Kulisse. Mit den beiden russischen Straßenmusikanten Diana Loginowa und Alexandr Orlow von der Petersburger Band Stoptime. Sie wettern gegen den Kreml und seinen Krieg, wurden mehrfach verhaftet und sind jetzt bei uns. Zwanzig Minuten Russisch-Rockiges, krachend und dennoch eingängig; Deutsch übertitelt. – Das dort staatsgefährdend Verbotene, hier wird’s herausgedonnert. Ältere denken unweigerlich an Wolf Biermann. Köln 1975. Auch damals eine Art Zukunftsmusik.

Hinweis: Am 28. April ist – kurz vor Beendigung der Intendanz Langhoff – Wiederaufnahme des von Nurkan Erpulat im Gorki inszenierten Stücks „Hund, Wolf, Schakal“ nach dem Roman von Behzard Karim Kanis. Erzählt wird spannend, schonungslos, erschütternd und in wuchtigen Bildern über das von Gewalt, sozialer Zurücksetzung, Aufbegehren und Resignation geprägte Leben einer Berliner Jungs-Gang mit türkischen Wurzeln. Bis zum Ende der Spielzeit leider nur noch sehr wenige Vorstellungen. Siehe Theaterberlin vom 11. März 2024.

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BE: Alles Asche

Ein Wald aus Straßenlampen, die kaltes Licht gießen über eine Wüste aus Schwarzasche. Es ist das Zuhause der Familie Fürst am Stadtrand von Berlin. – Ein derart apokalyptisches Bühnenbild von Daniel Roskamp stellt klar: Hier ist nichts gut und schön, sondern alles hässlich und kaputt. Ein Unort, ohne Sonne, zugewiesen der Typen-Sammlung in Jakob Noltes Neufassung „Kinder der Sonne“, dem Gorki-Stück aus dem Jahr 1905.

Nolte, Jahrgang 1988, nennt sein Werk „Klassiker-Kernsanierung“. Die freilich hat kaum noch zu tun mit Maxim Gorkis packender, von Tragik umflorter Durchleuchtung einer selbstsüchtigen, elitär entrückten, an sich und allem leidenden Intelligenzia im vorrevolutionären Russland.

Nolte sagt, Gorki habe seine Figuren mit Text überschüttet. Also macht er es – ganz cool – anders mit seinen Leuten von heute: Mit Reduktion. Da blitzen zwar gelegentlich sarkastische Pointen. Doch zur wirklichen Auseinandersetzung über drohende Daseinsgefährdungen, wie noch bei Gorki, die Nolte als geschwätzig abtut, dazu kommt es nicht. Man begnügt sich stichwortartig mit Ansagen gegenwärtiger Gott, Welt und Dasein betreffender Probleme. Von Mietwucher bis Klassenkampf, Rüstung, Fascho, Klimakrise wird querbeet allerhand angetippt von Noltes akademischem Randberlinertum, das längst abgerutscht ist ins Prekäre.

Da sind Paul Fürst, das Familienoberhaupt (Marc Oliver Schulze), ein verschwiemelter Literaturprofessor, seine arg vernachlässigte Gattin Jelena (Pauline Knof), seine vom frühen Tod ihres Kindes traumatisierte Schwester Lisa (Lili Epply) und das vorlaut-freche Au-pair Antonia (Maeve Metelka). Dazwischen tummeln sich ein durchtriebener Künstler (Jannik Mühlenweg), ein verklemmter Tierarzt (Sebastian Zimmler), der dreiste, doch armselige Haushandwerker (Maximilien Diehle) sowie der bräsig unverschämte Hausvermieter (Oliver Kraushaar). Der grelle Farbtupfer im schwarzen Schnee: Melanija, eine unverfroren mannstolle Unternehmerin. Und die Einzige, die wirklich Geld hat (Bettina Hoppe). –  Man liebt ein bisschen aneinander vorbei, giftet sich an, schimpft, leckt Wunden; und so leiert der Abend über mehr als zwei Stunden dahin im Dreck der Drehbühne.

Zur Aufmunterung treiben der Autor und seine Regisseurin Laura Linnenbaum die ohnehin nur grob skizzierten Figuren gern mal in die Karikatur, und das formidable Ensemble haut entsprechend rein. Die profunde Durchleuchtung eines speziellen Milieus entfällt. Dafür schmettern Egomanin Melanija und Eheelend Jelena einen nach Testosteron schmachtenden Whitney-Houston-Hit ins Düstere der ausgestellten Endzeitstimmung.

Wie zur Entschuldigung – es ist doch nicht alles Asche! – und zugleich als erbaulichen Rausschmeißer reicht Jelena Fürst ein Statement nach, dass trotz allem die letzten 50 Jahre die wahrscheinlich besten gewesen wären in der Geschichte der Menschheit. Das Sammelsurium ihrer Fortschritts-Infos reicht von gesunkener Kindersterblichkeit bis zur Verbesserung des Artenschutzes. Und es klingt wie abgeschrieben aus dem Bericht einer UN-Organisation.