29. Jahrgang | Nummer 5 | 9. März 2026

„Fürchtet euch nicht!“ Doch, wir müssen es

von Jutta Grieser

Vor fünfzehn Jahren, am 11. März 2011, wurde Japan von einer dreifachen Katastrophe heimgesucht. Im Nordosten der Hauptinsel Honshū bebte die Erde. Sie tat es auch draußen im Pazifik. Hundertsiebzig Kilometer vor der Küste riss der Grund des Meeres auf einer Länge von vierhundert Kilometer auf, und zwar bis zu sechzig Kilometer tief. Das wiederum löste einen gigantischen Tsunami aus. Die Welle war, als sie auf die Küste traf, noch immer etwa vierzehn Meter hoch. Mancherorts schoss die Flut bis zu zehn Kilometer ins Land, alles mit sich reißend, was ihr im Weg stand, lag oder schwamm.

Die Wassermassen knallten auch auf das Kernkraftwerk Fukushima Daiichi, das wegen des Kühlwassers dicht am Ufer gebaut worden war. Die Wucht der Welle zerstörte viel im AKW, auch die verschiedenen Systeme, die die Reaktoren kühlten. Darauf setzte in drei der sechs Reaktoren die Kernschmelze ein – die drei anderen Blöcke wurden gerade gewartet und waren darum außer Betrieb. In der Folge wurde so viel an strahlenden Partikeln emittiert, dass der „katastrophale Unfall“ von internationalen Institutionen mit der Höchststufe sieben bewertet wurde. Diese Bewertung hatte zuvor nur Tschernobyl in der Ukraine bekommen, wo es 1986 einen Super-GAU gegeben hatte.

Obgleich dort 25 Jahren zuvor mindestens zehn Mal so viel radioaktives Material freigesetzt worden war, scheinen die unmittelbaren Folgen in Fukushima kaum geringer gewesen zu sein. Tausende Menschen starben, Zehntausende wurden im Umkreis von dreißig Kilometern evakuiert, und eine Sperrzone wurde für vierzig Jahre als unbewohnbar erklärt. Boden und Bauwerke waren nachhaltig verseucht und mussten abgetragen sowie die Reaktoren weiter laufend gekühlt werden. Allerdings konnte das dafür eingesetzte und nunmehr ebenfalls kontaminierte Kühlwasser nicht einfach abgelassen, sondern musste auf dem Kraftwerksgelände gesammelt werden. Pro Tag fielen mehrere hundert Tonnen an, deren „Dekontamination“ mit umgerechnet 1800 Euro je Tonne veranschlagt wurde. Zehn Jahre nach dem Unglück erklärte der AKW-Betreiber, die Lagerkapazität sei mit 1,34 Millionen Tonnen Wasser ausgeschöpft, auch wenn man inzwischen die täglich anfallende Menge auf 150 Tonnen habe reduzieren können. (Mithin: Eine Aufarbeitung dieser verstrahlten Flüssigkeit aus den tausenden Tanks hätte zu jenem Zeitpunkt den Konzern 2,412 Milliarden Euro gekostet. Und das war nur ein Posten auf der langen Kostenliste.) So entschied denn die Regierung in Tokio im April 2021, dass die radioaktive Brühe, verdünnt und gefiltert, ins Meer gepumpt werden sollte. Dreißig Jahre lang.

Die Physikerin im deutschen Bundeskanzleramt nutzte die Gunst der Stunde. Als nüchterne Naturwissenschaftlerin war ihr bewusst, dass es keine absolut sichere Technologie gab, um mit strahlendem Material risikofrei „saubere“ Energie zu gewinnen. (Und dabei war noch nicht einmal die Frage der Endlagerung des Atommülls bedacht.) Am 30. Juni 2011 beschloss der Deutsche Bundestag ein Gesetz zum beschleunigten Atomausstieg – acht AKW waren unmittelbar nach Fukushima noch im März 2011 stillgelegt worden, die restlichen neun sollten bis 2022 folgen. Später flammten gelegentlich Diskussionen auf, ob dieser Schritt nicht voreilig gewesen sei, weil doch nicht immer der Wind wehe und die Sonne scheine, mithin alternative Energie nicht immer und nicht in ausreichender Menge zur Verfügung stehe, außerdem würden doch die Nachbarn in der EU derlei Skrupel nicht kennen. Und schließlich: Wegen des Ukraine-Krieges fehle die fossile Energie aus Russland … Doch die hiesige Atomlobby war gottlob inzwischen so tot wie der letzte Meiler auf deutschem Boden.

In Japan hingegen, dem üblicherweise Traditionsbewusstsein und stoisches Festhalten an Prinzipien nachgesagt wird, hielt sich die Regierung nicht an ihre 2011 getroffene Entscheidung, alle 54 Kernreaktoren abzuschalten. Heute, anderthalb Jahrzehnte nach der Katastrophe, sind bereits vierzehn Reaktoren wieder am Netz, und Tokio plant, künftig den Anteil der Kernenergie am Energiemix ungefähr zu verdoppeln. Man spricht von einer Renaissance, von einem Comeback der Atomkraft. Nicht nur in Japan. Dort wurde übrigens vor wenigen Wochen in Kashiwazaki das weltweit größte AKW wieder angefahren – betrieben wird es von TEPCO, jenem Energiekonzern, dem auch Fukushima gehört. Inzwischen sei alles viel, viel sicherer. Das behaupten natürlich alle Staats- und Privatkonzerne, die weltweit derzeit weit über vierhundert Nuklearmeiler betreiben und damit etwa zehn Prozent des weltweiten Energiebedarfs erzeugen. In mehr als vierzig Ländern ist man aktuell dabei, die Kapazitäten für Atomstrom auszubauen. Die Kassandra-Rufe sind verhallt, die Menetekel vergessen.

Seit dem Sommer 2025 wird über eine mehr als tausend Meter lange Leitung das kontaminierte Kühlwasser in den Pazifik vor Fukushima eingeleitet. Wenngleich verdünnt handelt es sich „im eigentlichen Sinne um Abfälle aus der Beseitigung von Havariefolgen“ – so das Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung am 7. März 2025. Es wäre in Deutschland weder zulässig, radioaktive Abfälle zu verdünnen noch diese ins Meer einzuleiten.

In Japan kennt man solche Vorschriften nicht. Überdies: Auch die Interessen und Befürchtungen der Anwohner wie auch der Nachbarn hat Tokios Regierung ignoriert. Die Fischer und Bauern aus der Präfektur Fukushima blieben auf ihren Waren sitzen, obwohl diese nachgewiesen unbedenklich waren. Die zuständigen Stellen kaschierten schließlich die Herkunft, indem man die Erzeugnisse mit anderen mischte.

Richtig politisch jedoch wurde es jedoch auswärts, also bei den Anrainerstaaten. Besonders die im Pacific Island Forum (PIF) zusammengeschlossenen sechzehn Inselstaaten intervenierten in Tokio. Die Gespräche mit Japan – inzwischen als vierte Kolonialmacht Ozeaniens bezeichnet – endeten ergebnislos. Man habe sie nicht gefragt, erklärten abschließend die Verhandlungsführer, als die Kolonialmächte USA, Großbritannien und Frankreich Atomwaffen auf Inseln und Atollen testeten. Man habe sie auch nicht gefragt, ob sie damit einverstanden wären, dass die von den Industriestaaten verursachte Erderwärmung für den Untergang ihrer Länder sorge. Und nun ignoriere Tokio ihre Befürchtung, dass ihnen ihre Haupteinnahmequelle, der Fischfang, verloren gehen könnte. Die meisten Thunfische auf der Welt würden schließlich in dieser Region gefangen, es ginge um mehrere Milliarden Dollar und um menschliche Existenzen und Lebensräume …

„Japanische und internationale Expertenteams kamen zu dem Schluss, dass es sich bei Fukushima weniger um eine Naturkatastrophe als vielmehr um ein ‚menschengemachtes‘ Ereignis handelte“, erklärte das Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung. Dieses hätte verhindert werden können. Was waren die Gründe, dass die Katastrophe sich trotzdem ereignete? Neben „technischen Schwächen der Kernanlagen“ nennt das Bundesamt „eine wenig ausgeprägte Sicherheitskultur im Zusammenspiel von Betreiberunternehmen, der japanischen Aufsichtsbehörde und der Regierung. Man war überzeugt: Ein schwerer Unfall sei nicht möglich und das japanische kerntechnische System ausreichend und effizient.“

Es ist also der gleiche Köhlerglaube, mit denen die Regierenden weltweit ihren Untertanen glauben machen wollen: Wir haben alles im Griff, sorgt euch nicht! Oder wie es in der Bibel – auf die der Werte-Westen schwört – 126 Mal heißt: „Fürchtet euch nicht.“

Doch, wir müssen uns fürchten vor allem und allen, die Illusionen verbreiten und uns einlullen wollen! Nicht Ruhe, Wachsamkeit ist die erste Bürgerpflicht.