Nur wenige dürften den Namen kennen: Felix Braun (1885–1973). Herausgegeben von dessen Großnichte Tatjana Madeleine Popović ist dieser Tage seine knapp 200 Briefe umfassende Korrespondenz mit dem Schriftstellerkollegen Stefan Zweig erschienen. 1907 waren sich die beiden eher zufällig in einem Wiener Kaffeehaus begegnet. Von da ab tauschten sie über mehr als dreißig Jahre hinweg, bis zu Zweigs Tod im Februar 1942, ihre Gedanken aus.
Ein paar Worte zur Person: Nach der Promotion in Kunstgeschichte nahm Braun 1908 seine regelmäßige literarisch-publizistische Tätigkeit auf, anfangs unter anderem als Feuilletonredakteur bei der Berliner Nationalzeitung. Im Anschluss lebte er bis 1925 als freier Schriftsteller in Wien. Drei Jahre später machte er die Wissenschaft zu seinem Hauptberuf. Als Privatdozent für deutsche Sprache und Literatur ging er an die Universität Palermo. Trotz seiner jüdischen Herkunft erhielt er noch im April 1938 einen Ruf der Universität Padua. Nach dem Anschluss Österreichs emigrierte Braun von Italien über die Schweiz nach England, wo er am 22. Februar 1939 eintraf. Erst 1951 kehrte er nach Wien zurück, wo er erneut eine Lehrtätigkeit aufnahm. 1954 wurde der mit mehreren Literaturpreisen Ausgezeichnete zum Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung berufen.
Die bestimmenden Themen des von Popović umfangreich kommentierten, zu einem Großteil allerdings verschollenen Briefwechsels sind sowohl Brauns familiäre Probleme, die ihn ständig plagenden Geldsorgen sowie seine schriftstellerischen Selbstzweifel. So fragte er sich nicht erst im Oktober 1931: „Muß man denn lebenslänglich Schriftsteller sein? Hat man nicht Grund genug, aufzugeben?“ Und als die Nazis in Deutschland die Macht übernahmen schrieb er: „Dieser Menschheit ist nicht zu helfen! Und am wenigsten durch unser Wort.“
Am 12. März 1938, einen Tag nach Einmarsch der deutschen Truppen in Österreich, notierte Braun in seinem Tagebuch: „Schuschnigg gestürzt. Österreich nationalsozialistisch. Meine und der Meinen Zukunft mit vernichtet. Erregt und doch ruhig. Beuge mich dem Willen Gottes. Es gibt seit gestern kein Österreich mehr. Die Österreicher selbst haben es zerschlagen und jubeln drüber.“ Stefan Zweig, der seinerseits froh war, „so viel Leben schon hinter sich zu haben“, kommentierte die neue Situation mit dem Satz: „Für uns kommt kein Morgenrot mehr, diese Nacht wird unendlich lang dauern und nur der Feuerschein eines Krieges sie vielleicht teuflisch erhellen.“
Nur zehn Tage nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges schrieb Braun an Zweig: „Wir glauben fest, daß der Krieg von Deutschland abgebrochen werden wird und bald, Januar 1940, denke ich, wenn das böse Siebenjahr voll sein wird.“ Zweig, der wusste, dass sich Brauns Hoffnung auf seinen Glauben an astrologische Vorhersagen stützte, reagierte darauf mit den Worten: „Wie oft hast Du mir Hitlers Ende auf Grund solchen Altweibergeschwätzes schon versprochen, für 1936, 1937. Lass doch den Vorwitz, wissen und raten zu wollen. Geduld, sie ist es, die wir brauchen, unendliche demütige Geduld.“
Für beide war es eine tragische Fügung, dass es während ihrer Exilzeit weder in England noch in Brasilien zu erneuten Treffen zwischen ihnen kommen sollte. Mehr und mehr bestimmten die existenziellen Herausforderungen des Exils ihr Leben und das Schreiben wurde zur Nebensache. Täglich erreichten Zweig Hilferufe: „Felix, wenn Du diese Schicksale, die aus den Briefen aufschreien, lesen würdest, käme Dir unser ganzes Dichten entsetzlich phantasielos vor.“ Und so war es für Zweig, wie er Braun unumwunden erklärte, auch nicht mehr entscheidend, „ob ich bedeutend, ob ich wichtig, wertvoll, nachlebenswert bin“, sondern „daß ich durch Dienst an anderen, zumindest eine nützliche Erscheinung gewesen bin“.
Der letzte überlieferte Brief von Zweig, geschrieben in Petrópolis, stammt vom 21. November 1941. Darin teilte er Braun mit: „Ich lebe hier in einem kleinen brasilianischen Örtchen im Gebirge für die nächsten Monate, es ist eine Art Miniatur-Ischl […]. Ich finde die Identität mit meinem Ich nicht mehr, nirgends hingehörig, nomadisch und dabei unfrei – […] an ein Zurück ist doch auf lange nicht zu denken und es wäre auch kein richtiges Nachhause mehr.“ – Brauns Antwort erreichte den Freund nicht mehr und kam als unzustellbar zurück. Als er am 24. Februar 1942 aus dem Radio von dessen Tod erfuhr, schrieb er in sein Tagebuch: „Seine Stimme war mir wichtig. Ich weiß nicht, wie ich ohne diesen Bezug fortexistieren soll.“
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Inhaltlich ganz anders geartet ist der gleichfalls zum ersten Mal veröffentlichte Briefwechsel zwischen Zweig und Bernhard Diebold (1886–1945), seit 1917 Feuilletonredakteur der Frankfurter Zeitung. Die leider nur unvollständig überlieferte, gerade einmal 16 Briefe aus den Jahren 1925 bis 1939 umfassende Korrespondenz vermittelt zwar nur einen kleinen, aber dennoch gewichtigen Eindruck von den bisher nur wenig untersuchten Beziehungen Zweigs zur Literaturkritik seiner Zeit.
Anders als die Großkritiker der Weimarer Republik Alfred Kerr und Herbert Ihering, die das Wirken von Zweig kaum wahrgenommen haben, veröffentlichte Diebold mehrere Besprechungen zu den Aufführungen von Zweigs Theaterstücken sowie zu dessen Büchern. Besonders interessierte er sich dabei für Zweigs biographische Essays bedeutender Persönlichkeiten. So schrieb er Ende der Zwanzigerjahre unter anderem über „Drei Dichter ihres Lebens“ oder auch „Sternstunden der Menschheit“. – An dieser Stelle sei dem Herausgeber Stephan Resch ausdrücklich dafür gedankt, dass er Diebolds Rezensionen und Artikel in den Band aufgenommen hat.
Zweig und Diebold dürften, so vermutet es Resch, spätestens ab 1921 voneinander Notiz genommen haben. Erschien doch in diesem Jahr Diebolds aufschlussreiche Studie „Die Anarchie im Drama“, die unter dem Stichwort „Revolution“ eine Analyse von Zweigs 1918 uraufgeführter Tragödie „Jeremias“ enthielt. Ein erstes persönliches Zusammentreffen ist für Ende August 1925 verbürgt, als es im Rahmen der Salzburger Festspiele zu einem gemeinsamen Besuch auf Schloss Leopoldskron bei Max Reinhardt kam, bei dem auch Thomas Mann anwesend war.
Diebold, der im Übrigen selbst vor harschen Urteilen gegenüber anerkannten Größen nicht zurückschreckte, so geschehen in seiner Kritik von Thomas Manns Zauberberg, veröffentlichte kurz danach eine Besprechung zu Zweigs „Der Kampf mit dem Dämon“. Woraufhin ihm Zweig schrieb: „Ich bin sehr stolz darauf nicht nur des Lobes willen, sondern weil ich Sie für einen der ganz wenigen wirklichen Kritiker halte, weil ich weiß, dass bei Ihnen auch persönliche Sympathie nicht Ihre innere Unbestechlichkeit und Verantwortlichkeit trübt.“
Auch nach Hitlers Machtergreifung und der erzwungenen Emigration riss der Kontakt nicht ab. Diebold und der Stuttgarter Schriftsteller und Geschäftsmann Julius Marx gründeten 1936 in Zürich den THEMA Filmstoff-Vertrieb, der literarische Vorlagen als Kinostoffe zu vermitteln suchte. Wie sich die erhoffte Zusammenarbeit von Zweig und Diebolds Geschäftspartner gestaltete, belegen zwölf Briefe aus den Jahren 1937/38. Resch schreibt dazu: „Die Korrespondenz zwischen Marx und Zweig gibt eine Vorstellung davon, welch großes Interesse an Filmstoffen von Zweig zu jener Zeit bestand. […] Andererseits zeigt die Korrespondenz, dass Zweig, bis auf eine finanzielle Verwertung seiner Filmrechte, wenig Interesse an der Arbeit für den Film hatte. Die Arbeit an Originaldrehbüchern kommt nicht zustande, genausowenig wie die meisten der angesprochenen Verfilmungen von Zweigs Werken.“
Stefan Zweig – Felix Braun: Briefwechsel 1910–1942 (hrsg. von Tatjana Madeleine Popović). Braumüller Verlag, Wien 2025, 544 Seiten, 34,00 Euro.
Stefan Zweig & Bernhard Diebold – Ein Schriftsteller und sein Kritiker, Briefe und Dokumente (hrsg. von Stephan Resch). Sonderzahl Verlag, Wien 2025, 111 Seiten, 20,00 Euro.
Schlagwörter: Bernhard Diebold, Briefwechsel, Felix Braun, Mathias Iven, Stefan Zweig, Stephan Resch, Tatjana Madeleine Popović




