Links sei er wohl, aber kein Putinist. Beinahe entrüstet wies Roy Alexandrowitsch Medwedjew die im Westen verbreitete Einschätzung zurück, er sei ein „roter Putinist“. Das war im Sommer 2009 und Medwedjew war knapp 84 Jahre alt, als ich ihn in seinem noch unfertigen Haus in Nowo-Iwanowskoje am westlichen Stadtrand von Moskau aufsuchte. Schon zehn Jahre lang, klagte er, habe kein deutscher Journalist mehr mit ihm gesprochen. „Zu Dissidentenzeiten“ hätten Korrespondenten ihn dagegen oft besucht, auch die bundesdeutsche Botschaft habe ihn damals bisweilen eingeladen.
„Damals“, in den 70ern und zu Beginn der 80er des vergangenen Jahrhunderts, war Roy Medwedjew einer der bekanntesten sowjetischen Dissidenten. Seine Bücher durften nur im Westen erscheinen, darunter das nach eigenem Bekunden wichtigste: „Lasst die Geschichte urteilen: Ursprünge und Konsequenzen des Stalinismus“ (englisch 1971, deutscher Titel der Erstausgabe: „Die Wahrheit ist unsere Stärke“). Viele Jahre hatte er an dem Werk über die stalinistischen Verbrechen in der Zeit des „Großen Terrors“ gearbeitet. In der Sowjetunion kursierte es im Untergrund.
Historiker war Medwedjew eigentlich nicht. Geboren wurden er und sein Zwillingsbruder Zhores am 14. November 1925 im georgischen Tbilissi. Ihr Vater, Dozent an der Militärpolitischen Lenin-Akademie, wurde 1938 wegen angeblicher „Zugehörigkeit zu einer konterrevolutionären trotzkistischen Organisation“ verhaftet und verurteilt, er starb 1941 in einem Straflager an der Kolyma. Roy studierte nach dem Krieg an der Philosophischen Fakultät der Leningrader Universität. Er arbeitete als Lehrer, Schuldirektor, Redakteur einer Fachzeitschrift und bis 1970 als Leiter eines Sektors an der Akademie der Pädagogischen Wissenschaften der UdSSR.
Nachdem Vater Alexander im Gefolge des XX. Parteitags der KPdSU 1956 rehabilitiert worden war, trat Roy 1959 der Kommunistischen Partei bei, wurde jedoch zehn Jahre später wieder ausgeschlossen: In den 60er Jahren hatte er als linker Dissident unter anderem das Samisdat-Journal Politisches Tagebuch redigiert und sein Stalinismus-Buch vollendet. Gemeinsam mit den Physikern Andrej Sacharow und Valentin Turtschin forderte Medwedjew am 19. März 1970 in einem offenen Brief an die sowjetische Führung eine Demokratisierung des sowjetischen Systems, von dessen Reformierbarkeit er überzeugt war.
Nach Hausdurchsuchungen entzog sich Roy einer Vorladung der Staatsanwaltschaft, indem er ins Baltikum auswich. Als er nach Moskau zurückkehrte, hatte man ihn offenbar vergessen, jedenfalls blieb er bis zum Tod Leonid Breshnews 1982 unbehelligt, wie er selbst bezeugte.
Anders erging es seinem Bruder Zhores. Der Biologe und Gerontologe war, nachdem er die Irrlehren des einst gepriesenen sowjetischen Biologen Timofej Lyssenko entlarvt hatte, in eine psychiatrische Anstalt eingewiesen worden. Nach seiner Entlassung wurde ihm während einer London-Reise die sowjetische Staatsbürgerschaft aberkannt. Bis zu seinem Tod 2018 lebte Zhores in London.
Die beiden Brüder – der eine nach dem indischen Kommunisten Manabendra Nath Roy, der andere nach dem französischen Sozialisten Jean Jaurès genannt – blieben jedoch eng verbunden und publizierten gemeinsam eine Vielzahl historischer, biografischer und naturwissenschaftlicher Arbeiten.
Im Zuge der Perestroika Gorbatschows wurde Roy rehabilitiert, seine Parteimitgliedschaft wurde 1989 wiederhergestellt, er wurde sogar Mitglied des Zentralkomitees der KPdSU und Deputierter des Obersten Sowjets. Scharf kritisierte er die Putschisten im August 1991 ebenso wie das KPdSU-Verbot Boris Jelzins. Nach dem Zerfall der UdSSR seinen Überzeugungen treu, gehörte er zu den Gründern der Sozialistischen Partei der Werktätigen und wurde deren Ko-Vorsitzender, „aber sie war nicht zu finanzieren“, gab er in unserem Gespräch zu. Die Kommunistische Partei der Russischen Föderation (KPRF) sei ihm unsympathisch, „denn außer Stalin scheinen sie keine Autorität zu kennen“. So sah er sich als „linken Einzelkämpfer“, seine früheren westlichen Besucher verloren ihr Interesse an Gesprächen mit ihm.
Publizistisch blieb Medwedjew im eigenen Land äußerst produktiv: Er verfasste Artikel und Bücher über Lenin, Trotzki, Chruschtschow, Breshnew, Andropow, Gorbatschow, Jelzin, Putin und über seinen Namensvetter Dmitri Medwedjew, den zeitweiligen Präsidenten. Auch im Neuen Deutschland erschienen Beiträge der beiden Medwedjews, übermittelt von Zhores aus London. Roys Urteil über Michail Gorbatschow bei unserer Begegnung: „[…] absolut hilflos. Er hatte keinen Plan und war sich nicht im Klaren darüber, was im Lande vorging“. Schlimmer noch Boris Jelzin: „Mit dem konnte man sich über nichts verständigen. Es war sinnlos, mit ihm zu reden. Er hat zugehört, aber nichts gesagt. Bei Gorbatschow war‘s umgekehrt, der hat selbst geredet und nicht zugehört.“ Wladimir Putin dagegen lerne noch, „aber er lässt sich beraten“. Das war, wie oben beschrieben, im Jahre 2009.
Im September 2025, kurz vor seinem 100. Geburtstag, gab Medwedjew der Zeitung Moskowski Komsomolez ein Interview. Seine Einschätzungen müssen ehemalige Sympathisanten und Verehrer seines Werkes befremdet haben. Russland sah er „im Grunde auf dem richtigen Weg“, mit einem Anführer wie Putin sei er persönlich zufrieden, politische Repression gebe es nicht. Und die „Spezialoperation“ in der Ukraine? „Wir haben diesen Krieg nicht begonnen. Der Westen hat ihn begonnen. Amerika zieht sich bereits zurück, weil es seine Sinnlosigkeit erkannt hat.“ Im Übrigen greife die russische Armee weder Wohngebiete noch Krankenhäuser oder Schulen an, sondern „ausschließlich militärische Ziele“, und sie erleide „minimale Verluste“. Die Ukrainer führten den Krieg brutaler.
Gewiss, die hierzulande wiederkehrende Formel „Angaben aus dem Kriegsgebiet lassen sich nicht unabhängig überprüfen“ dient zu oft als Feigenblatt für die propagandistische Auswahl und Interpretation der Tatsachen. Die Wahrheit sterbe im Krieg zuerst, heißt es, tatsächlich stirbt sie im Zuge der Kriegsvorbereitung, und zwar auf beiden Seiten der Front. Die Interpretation Medwedjews blieb von russischer Propaganda offenbar nicht unbeeinflusst.
Roy Alexandrowitsch Medwedjew starb am 13. Februar 2026 in seinem 101. Lebensjahr. „Er war als der unabhängigste Historiker seiner Ära bekannt“, hieß es im lange vorbereiteten Nachruf der New York Times, „ein marxistischer Autor voller Kraft und Einsicht, der seine sozialistisch-demokratische Botschaft nicht änderte […]“.
Erinnert sei an Medwedjews Hauptwerk, dessen Titel sich auch so übersetzen ließe: „Möge die Geschichte ihr Urteil sprechen!“
Schlagwörter: Detlef D. Pries, Dissident, Historiker, Putin, Roy Medwedjew, Russland, Stalinismus




