Im Januar war ich in Leipzig, alle Züge mal wieder verspätet, dafür aber viel Polizei. Ich dachte, es ginge um ein anstehendes Fußballspiel, denn ich hatte den Mannschaftsbus der „Bayern“ vor einem abgesperrten Hotel stehen sehen. Aber nein, es waren Polizeieinheiten, die in Connewitz verfeindete Gruppen der Linken voneinander trennen sollten, wo gleichzeitig „proisraelische“ und „propalästinensische“ Demonstrationen stattfanden. Über die Gründe und die Entstehungsgeschichte dieses „innerlinken“ Konfliktes in der Bundesrepublik hat Velten Schäfer jüngst im Freitag einen langen, erhellenden Artikel geschrieben, allerdings explizit unter Ausklammerung der DDR-Erfahrung. Dem kann ich nichts hinzufügen, will aber hier auf einen Aspekt verweisen, der die Schwierigkeiten der Linken, eine konsistente Position nicht nur zum Israel/Palästinakonflikt, sondern zum Beispiel auch zum Krieg Russlands gegen die Ukraine zu finden, vielleicht mit erklären könnte.
Historisch waren soziale Fragen wie Ungerechtigkeit, Ungleichheit und Armut und deren Zurückführung auf die Eigentumsverhältnisse für die Herausbildung der modernen Linken entscheidend, mit dem Konzept des „Klassenkampfes“ gleichermaßen als Erklärung und als Mittel der Problemlösung im Wege der Vergesellschaftung, die dann in großen Teilen der Welt für einige Zeit praktisch als Verstaatlichung stattfand und sich in dieser Form nicht besonders gut bewährt hat, was hier aber nicht zur Debatte steht. Nun ist der Klassenkampf natürlich real, und er wird auch zum Beispiel in Deutschland von „oben“, von Unternehmerseite oder von der CDU, gerade ganz intensiv wahlweise gegen die angeblich faulen Arbeitnehmer, die Teilzeitkräfte oder die Bürgergeldbezieher geführt. Es ist zu hoffen, dass es bei den verschiedenen „Fraktionen“ der Linken wenig Dissens gibt, dass dagegen Widerstand nötig ist.
Aber der Versuch, alle gesellschaftlichen Konflikte, die globalen Probleme und selbst den Geschichtsverlauf ausschließlich mit den Eigentums- und Klassenverhältnissen zu erklären, ist doch ein sehr reduziertes Modell und weit weg von gegenwärtiger und historischer Realität. Natürlich geht und ging immer es um die Verteilung irdischer Güter und von Lebenschancen (zum Beispiel Möglichkeiten des sozialen Aufstiegs), aber die Auseinandersetzungen darum haben sich zumeist innerhalb der Oberschicht eines Landes oder aber zwischen den Oberschichten verschiedener Länder abgespielt, letztendlich als imperialistische Interessenkonflikte bis hin zum Weltkrieg. Wobei allerdings in der Regel die Menschen „weiter unten“ in der gesellschaftlichen Pyramide diese Kämpfe auszufechten haben und dann auch die Leidtragenden sind. Damit sie das zuverlässig und mit dem nötigen Engagement tun, muss der jeweilige Verteilungskonflikt ideologisch „geframed“ werden, etwa als Überlebenskampf der Nation oder aktuell als Kampf zwischen Demokratie und Autokratie. Und das funktioniert ja auch meistens.
In der Menschheitsgeschichte wird man nur eine relativ geringe Zahl von Kriegen finden, die man tatsächlich unter „Klassenkampf“ einordnen kann, auch den Zweiten Weltkrieg nicht, selbst nicht von sowjetischer Seite. Im realen Sozialismus hat man diese Zuordnung nachträglich versucht. Meinem Geschichtsunterricht in der DDR zufolge wären demnach der Spartacus-Aufstand das größte Ereignis in der Antike und der Bauernkrieg wichtiger und wirkmächtiger als der Dreißigjährige Krieg gewesen, denn ihnen wurde besonders viel Raum gegeben. Aus einer wohl doch eindimensionalen Betrachtung der politischen Systemauseinandersetzung zwischen 1945 und 1989 als aktuelle Form des Klassenkampfes ist es vielleicht auch zu erklären, dass in West und Ost nach dem Ende des sozialistischen Systems eine idealistische Vorstellung des allgemeinen Friedens und der globalen Glückseligkeit (Fukuyamas „Ende der Geschichte“) Einzug halten und eine Weile reüssieren konnte. Eine Marktwirtschaft, bevorzugt in ihrer neoliberalen Spielart, und eine marktkonforme liberale Demokratie würden alles richten, weltweit und für immer. Dabei haben kluge Köpfe, etwa Huntington in seinem „Clash of civilizations“, rasch auf die Vielzahl der alten oder neu aufbrechenden Konflikte hingewiesen. Die Illusionen haben sich erledgigt. Um so härter war dann die Landung, und die falsche Reaktion darauf heißt „Zeitenwende“, sofern man sie falsch als Ruf nach Kriegstüchtigkeit versteht.
Zurück zum Thema: Die großen Kriege unserer Zeit lassen sich beim besten Willen nicht als „Klassenkampf“ interpretieren. In Israel/Palästina geht es um die Verteilung von knappen Ressourcen wie Boden und Wasser auf einem begrenzen Territorium unter einer immer weiter zunehmenden Anzahl von Menschen (man vergleiche die heutige Bevölkerungszahl mit derjenigen bei der ersten massenhaften Vertreibung von Palästinensern 1947/48), aber entlang ethnischer und teilweise auch religiöser Linien. Russlands Krieg gegen die Ukraine hat viele Motive, auch materielle (warum sind die „seltenen Erden“ im Donbass eigentlich so rasch aus der öffentlichen Aufmerksamkeit verschwunden?), aber die kapitalistischen Besitzverhältnisse und Gesellschaftsstruktur werden in beiden Ländern überhaupt nicht in Frage gestellt. Und auch im Sudan oder Jemen verlaufen die Frontlinien wohl eher nicht zwischen „oben und unten“.
„Proletarier aller Länder, vereinigt Euch“, war zwar eine gute Idee, aber letzten Endes wohl nicht mehr als ein frommer Wunsch. Warum, das können vielleicht Psychologen oder Verhaltensforscher besser erklären als Politikwissenschaftler oder Historiker, weil es ja offenkundig ist, dass Menschen sich lieber und in ihrer überwiegenden Mehrzahl eben nicht nach irgendeiner „Klassenzugehörigkeit“ oder der sozioökonomischen Lage zueinander gesellen und organisieren, sondern im Zweifelsfall nach anderen Merkmalen wie Ethnie, Hautfarbe, Muttersprache, Religion, Geschlecht oder sexueller Orientierung. Diese schaffen anscheinend doch eine weitaus größere und „nachhaltigere“ Gemeinsamkeit, und vermutlich ist das auch evolutionär bedingt und somit irgendwie „vernünftig“.
Wenn wir aber soziale Auseinandersetzungen und meinetwegen auch „Klassenkampf“ nur als eine von vielen Konfliktlinien begreifen, ist irgendeine gemeinsame Position der Linken, denen es ja um Gerechtigkeit, und zwar sowohl Chancen- als auch Verteilungsgerechtigkeit, und den Abbau sozialer Ungleichheit gehen sollte, zu den aktuellen Konflikten mit eben anderem Hintergrund illusionär. Wenn man das akzeptiert und eine unterschiedliche, selbst gegensätzliche Parteinahme aushält, sollte diese nicht zur weiteren Aufspaltung Anlass geben. Könnte nicht eine konsequente Antikriegshaltung mit einem klaren „Nein“ zu Aufrüstung und Waffenexporten, einem Bekenntnis zur Diplomatie und der Unterstützung humanitärer Hilfeleistungen der kleinste gemeinsame Nenner auch der Connewitzer Linken sein? Ein zivilisierter Umgang miteinander wäre ein guter Anfang.
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