„[…] ein Angriff Russlands [könnte]
‚bereits morgen‘ bevorstehen.“
FAZ zitiert Generalleutnant Alexander Sollfrank,
Befehlshaber des Operativen Führungskommandos der Bundeswehr
Der Feind wartet nicht auf unsere Fertigmeldung.
Generalleutnant Christian Freuding,
Heeres-Inspekteur
Auch Anfang 2026 ist Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius – laut Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Insa für Bild – mit Abstand Deutschlands beliebtester Politiker.
Mit seiner Leistungsbilanz an der Spitze des nunmehr seit drei Jahren von ihm geführten Ministeriums kann dieses Ranking aber nur schwerlich zu tun haben. Denn über die Arbeit des Ministers ist in letzter Zeit unter Überschriften wie den folgenden berichtet worden:
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„Boris Pistorius: Der überschätzte Minister“ (The Pioneer);
- „Scheitern de luxe: Ist die Zeitenwende noch zu retten?“ (FAZ);
- „Das ‚Schmierentheater‘ des Boris Pistorius“ (Welt).
Der letztgenannte Beitrag befasste sich mit dem vor sechs Jahren gestarteten und zunehmend von Pleiten, Pech und Pannen begleiteten Großprojekt, das Heer der Bundeswehr durchgängig auf Digitalfunk umzurüsten, im Fachjargon „Digitalisierung Landbasierter Operationen“ genannt, kurz D-LBO. Bestehend aus zwölf Teilprojekten. Zehntausende Fahrzeuge und sämtliche Gefechtsstände von Heer, Sanitätsdienst und Unterstützungskräften sind betroffen. Rund 20 Milliarden Euro soll das Projekt kosten; es handele sich, so The Pioneer, „um das größte und teuerste Modernisierungsvorhaben der Zeitenwende und sogar der gesamten Bundeswehrgeschichte“.
Zum Hintergrund: Bis heute benutzen die deutschen Landstreitkräfte analoge Funkgeräte, deren unverschlüsselte Kommunikation ohne Weiteres abzuhören und im Übrigen nicht mehr kompatibel mit dem höheren Standard anderer NATO-Staaten ist. Etwas vergröbert gesprochen: An der sogenannten Ostflanke würde die künftige Bundeswehrbrigade in Litauen mit ihrer internen Kommunikation zugleich die russischen Streitkräfte auf dem Laufenden halten und müsste für das Zusammenwirken mit NATO-Verbündeten vor Ort quasi Meldereiter einsetzen.
Für deutsche Bodentruppen bedeute das aktuelle Ausstattungsniveau, so Heeres-Inspekteur Generalleutnant Freuding, sie würden an der Ostflanke leichte Beute russischer Drohnen und Raketen. Oder mit den Worten des Militärhistorikers Sönke Neitzel: „Die Folgen im Kriegsfall wären, dass sehr viele Särge zurückkämen.“ Und zwar nicht bloß 59 wie aus Afghanistan, sondern allein 2000 von einer unzureichend ausgerüsteten Brigade.
Nachdem Anfang 2023 mit der Auslieferung der neuen Digitalfunkgeräte begonnen worden war, hatte sich herausgestellt, dass diese in eine große, wenn nicht übergroße Anzahl der Bundeswehrfahrzeuge nicht eingebaut werden konnten. Wegen zu kleiner Lichtmaschinen, zu geringer Kapazität der Fahrzeugbatterien und dergleichen mehr. Also mussten zunächst die Fahrzeuge selbst umgerüstet werden. Mit entsprechenden Mehrkosten und erklecklichem Zeitverzug.
Im Mai 2025 fand schließlich ein Feldtest der D-LBO-Technik auf dem Truppenübungsplatz Münster statt, dessen 18-seitiger Ergebnisbericht sofort als „Verschlusssache“ eingestuft wurde, denn, so die Welt: „Der Test war eine Katastrophe, die neue Funksoftware nicht truppentauglich, die Hersteller blieben hinter den vertraglich vereinbarten Leistungsdaten zurück.“
Der Test sollte ursprünglich mit über 500 Teilnehmern durchgeführt werden, die Anzahl sei jedoch auf Drängen des Auftragnehmers auf „maximal 75 herabgesetzt“ worden. Doch selbst davon hätten „circa 60 Prozent […] keine Funksprüche […] absetzen“ können. (Zum Vergleich: Bei einem Bataillon im Kampfeinsatz müssten bis zu 250 Funkteilnehmer gleichzeitig eingebunden sein.) Überdies sei der testende Funkgeräteverbund in Münster auch noch anpeilbar gewesen.
Trotzdem werde der Einbau der neuen Funkgeräte in Bundeswehrfahrzeuge fortgesetzt, so berichtete das Blatt weiter und kommentierte: „Das allerdings ist ein Problem, denn es bedeutet: Einsatzbereite Fahrzeuge werden derzeit mit nicht funktionierender Digitalfunktechnik ausgerüstet – sodass sie danach nicht mehr einsatzbereit sind.“
Und was dem Autor des Welt-Artikels offenbar ganz besonders auf den Magen schlug: Als Minister Pistorius am 10. Oktober 2025 auf kritische Nachfrage vor dem Plenum des Bundestages zu den Vorgängen Stellung nahm, äußerte er lapidar: „Ich lasse mir regelmäßig berichten. Letzter Stand ist: Wir sind im Plan.“
Zwischenzeitlich erwogen worden war gar, übergangsweise für mehrere Hundert Millionen Euro analoge Funkgeräte aus den Achtzigerjahren nachbauen lassen, damit wenigstens die Übungs- und Friedenskommunikation funktioniert …
Regelmäßig berichten lässt sich der Minister sicher auch über andere Rüstungsgroßvorhaben; womöglich mit vergleichbarem Ergebnis wie beim D-LBO-Projekt:
- Zwei Jahre brauchte die größte deutsche Panzerschmiede, um ein erstes Ersatzfahrzeug für 14 vor drei Jahren einem Bundeswehrbataillon für die Ukraine abgenommene Leopard-Panzer zu liefern. Wann der Rest sowie 122 zur Lieferung bis 2030 georderte zusätzliche Leos zulaufen werden, steht in den Sternen.
- Im November 2025 wurde das erste Exemplar eines neuen leichten Kampfhubschraubers der Truppe übergeben. Da lag die Bestellung elf Monate zurück. Wenn es in diesem Tempo weitergeht, muss man froh sein, dass nur 62 Maschinen geordert wurden.
- Im Juni 2023 waren sechs Batterien des Luftverteidigungssystems IRIS-T SLM bestellt worden. Im September 2024 wurde die erste ausgeliefert. Bis Mitte November 2025 war kein weiteres System eingetroffen.
- Die Zuführung der neuen Fregatte 126 wird (nach aktuellem Zwischenstand) mindestens 40 Monate verspätet erfolgen; die des Drohnenabwehrsystems Skyranger von Rheinmetall verzögert sich um wenigstens 19 Monate.
- Die materielle Einsatzbereitschaft der Bundeswehr insgesamt liegt immer noch bei gerade mal 40 Prozent.
Zu Pistorius‘ bisheriger ministerieller Bilanz fasste The Pioneer zusammen: „Nach […] drei Jahren im Amt ist die Bundeswehr kaum besser ausgestattet als zuvor. Die Truppe ist nicht wesentlich größer geworden, die Lieferung großer Waffensysteme kommt nicht spürbar schneller voran, und die gegenüber der NATO zugesagten Fähigkeiten sind nicht einzulösen – auch wenn das offiziell niemand ausspricht.“ Die eigentlichen Baustellen der Bundeswehr seien geblieben: „[…] zu wenig Personal und Waffen, kaum Digitalisierung, zu viel Bürokratie.“
Das hier skizzierte Gesamtbild „kollidiert mit dem möglichen D-Jahr 2029“, wie die FAZ unter Anspielung auf die von Pistorius wiederholt genannte Jahreszahl für einen möglichen russischen Angriff auf NATO-Gebiet formuliert hat. Dass die Bundeswehr bis dahin kriegstüchtig würde – ein Ziel, dass der Minister und seine Generalität wie eine Monstranz vor sich hertragen –, muss daher nicht befürchtet werden. Trost ist das aber keiner. Denn mal abgesehen davon, dass in diesem Magazin schon wiederholt gewichtige Gründe dafür durchdekliniert worden sind, warum der Russe auch dieses Mal eher nicht kommen wird (zum Beispiel Blättchen 7/2025), die Zig- und Abermilliarden an Militärausgaben werden auf jeden Fall verpulvert: „Das Geld fließt in Strömen, in den nächsten Jahren soll der Etat auf je 150 Milliarden Euro wachsen.“ (FAZ)
Gerade erst hat der Bundestag Materialbeschaffungen im Wert von 51 Milliarden Euro in einem Zuge durchgewunken, nachdem zuvor der Haushaltsausschuss des Parlaments sein Plazet erteilt hatte. Zur Arbeit dieses Gremiums teilte Sara Nanni, Sicherheitspolitische Sprecherin von Bündnis 90/Die Grünen der Süddeutschen Zeitung mit: „[…] bei weniger als einer Minute Beratungszeit im Ausschuss pro ausgegebener Milliarde kann von einer angemessenen Behandlung nicht mehr die Rede sein.“
Doch – mit Jens Spahn gesprochen: Was nützt die schönste Behandlung, wenn der Russe vor der Tür steht?!
Schlagwörter: Boris Pistorius, Bundeswehr, kriegstüchtig, Sarcasticus




