Netty und László

von Mathias Iven

Manchmal finden sich in einem Nachlass Dinge, von denen man nichts geahnt hat. Was Jean Radvanyi, der Enkel von Anna Seghers, bei der Auflösung des Haushalts seines am 6. Dezember 2021 verstorbenen Vaters erlebte, lässt sich kaum in Worte fassen. Doch hören wir ihn selbst: „Um den gemeinsamen Wunsch meines Vaters [Pierre (Peter) Radvanyi – M.I.] und seiner Schwester [Ruth – M.I.] zu erfüllen, wollte ich alle bis dahin in der Familie aufbewahrten Dokumente dem Archiv der Akademie der Künste, Berlin, übergeben […]. Ich begann, die Dokumente, die bei meiner Cousine Anne [der Tochter von Ruth – M.I.] in Berlin sowie im Haus meines Vaters in Orsay verblieben waren, zu erfassen, zu klassifizieren und Kopien anzufertigen.“

Neben Hunderten, teils nur im Familienkreis bekannten Fotografien fanden sich zahllose offizielle Dokumente sowie Briefe, die Anna Seghers nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs an verschiedene Familienmitglieder geschrieben hatte. „Eine erste große Überraschung erlebte ich“, berichtet Jean Radvanyi weiter, „als ich unter all diesen Dokumenten eine Reihe von unveröffentlichten Texten entdeckte, zumeist Fragmente oder frühere Fassungen späterer Arbeiten. Eine zweite, noch größere Überraschung war, dass ich in einem unscheinbaren Karton eine umfangreiche Sammlung von Schriftstücken fand: rund 470 Briefe, Postkarten und Telegramme, die Netty Reiling [sprich: Anna Seghers – M.I.] zwischen Anfang März 1921 und dem 3. August 1925 an Rodi [wie sie ihren späteren Ehemann László Radvanyi ein Leben lang nennen sollte – M.I.] geschrieben hatte, d.h. vom Beginn ihrer Bekanntschaft bis zu ihrer Hochzeit.“ Insgesamt 328 Schriftstücke dieser fast vollständig erhaltenen Korrespondenz – leider fehlen die Antwortbriefe – liegen jetzt in einer kommentierten Ausgabe vor.

Im Herbst 1920 begegneten sich Netty Reiling und der ungarisch-jüdische Student László Radvanyi zum ersten Mal. Beide waren zu diesem Zeitpunkt an der Heidelberger Ruprecht-Karls-Universität immatrikuliert. Sie ist das einzige Kind einer reichen jüdischen Kaufmannsfamilie. Ihr Vater ist einer der führenden Mainzer Antiquitätenhändler und auf eine strenge, der religiösen Tradition entsprechende Erziehung bedacht.

László stammt aus einer aufgeklärten jüdischen Kaufmannsfamilie, die der eher liberalen Strömung des Judentums angehört. 1919 hatte er in Budapest an Béla Kuns Revolutionsversuch teilgenommen, zudem stand er dem marxistischen Philosophen Georg Lukács nahe. Nach dem Scheitern der Räterepublik verließ er Ungarn, ging zunächst zu einem Onkel nach Wien, bevor er in Heidelberg seine Studien fortsetzte. Netty wird von den Eltern großzügig finanziell unterstützt. Er hingegen ist ständig in Geldnot; der monatliche Betrag, den seine Eltern erübrigen können, deckt gerade einmal die Kosten für das Studium und die Unterkunft, für Kleidung und Essen reicht es kaum. Doch das ist den beiden egal. Jean Radvanyi dazu: „Beide sind zwanzig Jahre alt – und verlieben sich Hals über Kopf. So in etwa beginnt die Geschichte meiner Familie.“

Für Netty stellt der Geliebte die Freiheit dar, nach der sie sich seit Langem sehnt. Mit László eröffnet sich die Möglichkeit, endlich aus der festgefügten Familienwelt auszubrechen. Im August 1921 schreibt sie ihm: „Du bist der einzige Mensch, den ich anerkenne.“ Ein paar Tage darauf kann er lesen: „Ich ertrage dies Schwere, weil ich daran denke, daß Du, sobald es in Deiner Macht liegt, mir aus diesem Leben heraus helfen wirst.“ Und im nächsten Brief heißt es: „[…] alles was ich erlebe ist irgend eine Stufe von Schmerz“.

Schon bald wird die geplante Hochzeit zum Hauptthema ihrer Briefe. Doch der Plan stößt in Nettys Familie auf Widerstand, insbesondere beim Vater, der die Verbindung, so Jean Radvanyi, „mit einem agnostischen und bolschewistischen ungarischen Juden äußerst kritisch sah“. – „Meine Eltern“, schreibt Netty im September 1922 an László, sind „beide äußerst beunruhigt wegen uns. Beide wissen Bescheid […]. Mein Vater (dessen ganzer Stolz ich bin […]) voller Schmerz, daß seine einzige Tochter in keine ,bekannte‘ Familie kommen könnte. Er hat Auskünfte eingeholt, die ihm ungünstig vorkamen.“ Dazu gehört unter anderem, wie absurd es auch klingen mag, dass sich der Vater über Lászlós Akzent erregt.

Neben all dem arbeiten beide an ihren Dissertationen. Im März 1923 wird László von Karl Jaspers mit dem Thema „Der Chiliasmus“ promoviert, im Jahr darauf legt Netty ihre Arbeit „Jude und Judentum im Werke Rembrandts“ vor. Zeitgleich findet sich ein früher Hinweis auf die Ausrichtung ihrer zukünftigen schriftstellerischen Tätigkeit. Am 10. März 1924 erklärt sie: „Ich werde bereits morgen mit Schreiben beginnen, es ist sonst unerträglich. Wenn ich Novellen schreibe, u ich werde wahrscheinlich mit etwas Kleinem beginnen, so wird es vielleicht ein Band Kriegs- u Revolutionssachen sein […] ich will sagen, daß es Erzählungen sein sollen, in deren Mitte ein Heroismus steht, nicht eine Zufallsverwicklung.“

Bei den Recherchen für ihre Dissertation war sie auf den niederländischen Maler Hercules Seghers gestoßen, dessen Namen sie ab Ende 1924 als Pseudonym nutzen wird. Als in der Weihnachtsbeilage der Frankfurter Zeitung ihre erste Erzählung veröffentlicht wird, lautet deren vollständiger Titel: „Die Toten auf der Insel Djal. Eine Sage aus dem Holländischen, nacherzählt von Antje Seghers“. Und als sie 1928 das mit dem Kleist-Preis ausgezeichnete Buch „Aufstand der Fischer von St. Barbara“ vorlegt, wird aus „Antje“ schließlich „Anna“.

Noch im März 1924 hatte Netty geklagt: „[…] in mir schreit es, daß ich endlich mein Heim brauche, für immer, sonst will ich nichts“. Und doch zögerte sie, war sie doch den Eltern „ihr Ein u Alles, so sehr ich auch nachdenke, ich kann sie nicht auf einmal, auf einen Schlag verlassen, ich muß einen Weg ausdenken, der sie nicht zu Grunde richtet u der ist nicht anders möglich, als daß ich jetzt diese Spanne Zeit abwarte“. Am 10. August 1925 war es dann endlich soweit: Netty Reiling und László Radvanyi heirateten nach jüdischem Brauch im Haus von Nettys Eltern in Mainz. Unmittelbar danach übersiedelte das Paar nach Berlin und bezog in der Charlottenburger Sybelstraße 69 die erste eigene Wohnung, die Netty zusammen mit ihrer Mutter ausgesucht hatte.

Auch wenn die Antworten Lászlós fehlen, so vermitteln diese Briefe doch einen äußerst lebendigen, teils bisher nicht gekannten und unverstellten Eindruck von den Anfängen einer mehr als fünfzig Jahre währenden Partnerschaft.

 

Anna Seghers: „Ich will Wirklichkeit“ – Liebesbriefe an Rodi 1921–1925, hrsg. von Jean Radvanyi und Christiane Zehl Romero, Aufbau Verlag, Berlin 2025, 463 Seiten, 28,00 Euro.