Der Weg ins Kino führt vorbei an einem großen Tafelgemälde. Es heißt „Krieg und Frieden“, wurde von dem 1974 verstorbenen René Graetz begonnen, 1975 von Arno Mohr vollendet und im 1976 eröffneten Palast der Republik ausgestellt. Bis das Haus 1990 geschlossen wurde und die Bilder im Depot des Deutschen Historischen Museums verschwanden. Dieses Gemälde, so erfährt man auf der beigefügten Erklärung, gehörte zur „sogenannten Palast-Galerie“, die unter dem „vorgegebenen Lenin-Zitat ‚Dürfen Kommunisten träumen?‘“ stand. Bemerkenswert, wie sich in einem Satz mit nur zwei Adjektiven Aversion und Distanz derart unmissverständlich mitteilen lassen.
Das Bild hängt im architektonisch beeindruckenden Pei-Bau hinterm Berliner Zeughaus, es ziert ihn zweifellos und nimmt etwas von seiner nüchtern-geometrischen Strenge. Man muss daran vorbei, wenn man ins kleine Kino will, das nur 59 Zuschauer aufnehmen darf. An jenem Tag waren es doch ein paar mehr – es wurden den gepolsterten Klappsitzen noch einige Stühle zugesellt. So kam die große Schar der Interessenten unter. Das waren, dem Augenscheine nach, vermutlich mehrheitlich Cineasten und beruflich mit dem Filmwesen Verbandelte. Und Neugierige, die dem Lockruf „In der DDR verboten“ gefolgt waren.
An jedem ersten Freitag im Monat zeigt das Zeughauskino „Schätze der deutschsprachigen Filmgeschichte“, im Januar also die rekonstruierte Fassung von „Experimente“ aus dem Jahr 1980. Der Schwarz-Weiß-Film sollte die Abschlussarbeit des künftigen Kameramanns Lars-Peter Barthel an der Hochschule für Film und Fernsehen der DDR in Potsdam-Babelsberg werden. Regie führte der Theaterregisseur Jürgen Gosch, und auch Christoph Hein war mit von der Partie, obgleich ohne Drehbuch gearbeitet wurde. Das reichlich halbe Dutzend Schauspieler improvisierte und folgte allenfalls den eingeworfenen Anweisungen des Regisseurs.
Im Archiv der heutigen Filmuniversität Babelsberg, benannt nach Konrad Wolf, fand man einen 35-mm-Streifen, der aus aneinandergefügten Einstellungen von 14 Szenen bestand. Es handelte sich um einen „groben Rohschnitt“, den die Hochschule während der Arbeit an diesem Film von seinem Meisterschüler verlangt hatte. 2024/25 wurde das aufgefundene Material im Rahmen des Förderprogramms „Filmerbe“ digitalisiert und, wie die anwesende Filmrestauratorin und Projektkoordinatorin Anke Wilkening in einem einführenden Vortrag kundig berichtete, sehr aufwendig und einfühlsam zusammengefügt.
Vielleicht war es der Förderung dienlich, dass man die Entscheidung der Hochschulleitung nach Ansicht des vorhandenen Materials, das Filmprojekt nicht weiter zu verfolgen, als „Verbot“ deklarierte. Verdikte dieser Art adeln bekanntlich alles, was in der DDR nicht gedruckt, nicht gesendet oder eben nicht fertiggestellt werden konnte. So wurde, wir kennen die Beispiele, aus Unausgereiftem oft ganz große Kunst, wenn es den Weg über die Mauer nahm. Dass die Hochschule 1980 weniger aus ideologischen, sondern vielleicht aus Kostengründen das Experiment beendet haben könnte, wurde anscheinend nicht in Erwägung gezogen. Barthel verließ 1982 frustriert die DDR, Gosch arbeitete zu jener Zeit bereits im Westen und blieb dort, wie auch der Schauspieler Jürgen Holtz. Der starb 2020, im gleichen Jahr wie Michael Gwisdek, Gosch ging 2009 von uns, Heidemarie Schneider 2024 … Unter diesem Aspekt war das Wiedersehen mit den Akteuren nach mehreren Jahrzehnten die Mühe der Restauratoren allemal wert. Von den mitwirkenden Akteuren lebt nur noch Hermann Beyer, der im Mai 83 wird. Und der zehn Jahre jüngere gebürtige Thüringer Lars Barthel.
Wir wollen die Kirche im Dorf lassen. Experimente können auch scheitern. Und dieses ging zweifellos in die Hose, auch wenn mancher in den Szenen einen „Seismographen des sozialen und politischen Zustands der Gegenwart in der DDR“ erkannt haben will, „Happenings, die ein authentisches Lebensgefühl vermitteln“. Und natürlich die Zensurlust stumpfsinniger Kulturbonzen, die der Freiheit der Kunst Fesseln anlegten. Selbstverständlich war auch die Stasi beteiligt, wie Anke Wilkening mit einem Zitat aus einem IM-Bericht bezeugte. Der namenlose Informant schätzte ein, dass „Experimente“ – filmischen Experimenten im Westen nicht unähnlich – in gewisser Weise als Empfehlung dienen könnten. Auch hier sollte man den Ball flach halten: Das war vermutlich nur wichtigtuerisches Geraune. Dass es allerdings so einen Bericht gab, hob den Film nach unverändert geltender Lesart in den Rang eines widerständischen Kunstwerks, macht den oder die Schöpfer zu Opfern. Bei aller Zugewandtheit: Ein Meisterwerk war es nicht und wäre es vermutlich auch nie geworden.
Eine verheiratete Frau schläft mit einem Alleinunterhalter, der zur Erbauung der Kurgäste angeheuert worden war. Er reist in ihrem Auto mit nach Berlin, wo ihr Mann und der Schwager gerade die Wohnung renovieren. Die merkwürdige Begegnung führt dazu, dass die drei Kerle und die Frau später gemeinsam auftreten wollen. Sie fahren in einem Skoda S 100 zu einem vereinbarten Auftritt in ein Kulturhaus in der Provinz – in diesem Falle das von Rüdersdorf –, wo der Unterhaltungskünstler Gwisdek erfährt, dass sein Auftritt gestrichen ist. Stattdessen haut ein Pianist in die Tasten und erbaut das abwesende Publikum, keine zehn Besucher im weiten Rund, mit experimenteller Musik. Das angetrunkene Berlin-Quartett macht seinem Unmut über die Zurückweisung Luft, die Polizei kommt und arretiert die Bande im Keller des Hauses, wo sie – Tischtennis spielend und Arbeiterlieder singend – der moralischen Hinrichtung harrt. Aus.
Die meisten Szenen sind düster, spielen vor nackten Mauern, blätterndem Putz, ausgedünnten Auslagen in der Kur-Kantine und in riesigen leeren Räumen. Zwei Frauen teilen sich ein winziges Zimmer, nichts Privates, kein Platz für individuelle Freiheit, und an den Küchenwänden klebt das Neue Deutschland. Die Figuren: Was wollen sie, was verbindet sie, wohin soll die Reise gehen? Alles unklar. Wie eben auch die Botschaft des (unvollendeten) Films. Die Fehlstellen werden mit eingeblendeten Texten gefüllt, die die Restauratoren in Typoskripten fanden. Doch das alles gibt keine Antwort auf die zentrale Frage, die man an jedes Kunstwerk als Rezipient zu richten pflegt: Was soll das Ganze? Was will uns der Künstler damit sagen?
Ich kann die Ratlosigkeit der Hochschuloberen verstehen. Kaum vorstellbar, wie daraus ein stimmiges, schlüssiges Werk hätte werden sollen. Es wäre vermutlich auch nach Fertigstellung ein intellektueller, künstlerischer Torso geblieben. Da verhielten sich die sozialistischen Kulturbürokraten von damals wie die kapitalistischen Unternehmer von heute: Sie entschieden nach ökonomischen Erwägungen. Für diese Annahme spricht, dass es keine Begründung für den Drehstopp gab. Wenn der Abbruch politisch-ideologisch konnotiert gewesen wäre, hätte man es wortgewaltig den Urheber und Meisterschüler wissen lassen. Für solche Fälle gab es den staatlichen Pranger und den der Partei, der FDJ und der Gewerkschaft. Nichts dergleichen ist überliefert.
War’s vergeudete Zeit? Fand ich nicht. Den „atemberaubenden und beißenden Humor“, den ein Zuschauer gesehen haben wollte, habe ich nicht bemerkt. Wohl aber waren Gwisdek und Holtz komisch-kauzig, wie wir sie in Erinnerung haben, Beyer und Schneider dienstbeflissen und auffällig in der zweiten Reihe. Schönschön.
In der Reihe Wiederentdeckt im Zeughauskino folgen im Februar „Nebelland“ (BRD, 1981) und im März „Wie ich ein Neger wurde“ (BRD, 1970).
Schlagwörter: DDR, Film, Geschichte, Jutta Grieser, Lars-Peter Barthel, Zeughauskino

