28. Jahrgang | Sonderausgabe | 22. Dezember 2025

Mehr über „Asiaticus“

von Wolfram Adolphi

Der Mann hieß Grczyb“, hatte Ursula Madrasch-Groschopp für ihr 1983 herausgebrachtes Weltbühnen-Porträt von Hermann Budzislawski erfahren. Und H. B. weiter: „Ich habe ihn“ – den Weltbühnenautor Grczyb – „nie gesehen, man konnte ihm auch nicht schreiben, die Absendernamen waren fingiert, aber wenn er etwas hatte, schickte er es … Ich glaube, er wohnte irgendwo bei Shanghai.“

Shanghai. Die mit ihm dort waren, mit Grczyb-Asiaticus, die seine Genossen waren und Mitkämpfer, haben darüber leider nur kurz berichtet. So Alfred Dreifuß, der in seinem 1979 in Reclams Exil-Reihe veröffentlichten Report „Shanghai – Eine Emigration am Rande“ Notizen von Walter Czollek weitergibt. Czollek war im Juni 1939 nach Shanghai gekommen und vermerkte rückblickend: „Dort Bekanntschaft mit dem bereits eingesessenen Shanghaier Heinz Grczyb, alias Erich Möller, alias Asiaticus. Alter deutscher Genosse, der Bremer Linken entstammend … publizistisch für chinesische Partei tätig, in fortschrittlichen amerikanischen Zeitungen Interpret der fernöstlichen Sowjetpolitik … kam hinter den japanischen Linien während einer Reise für sein Buch über die von der KPCh befreiten Gebiete um.“ Und so auch Genia und Günter Nobel, deren Erinnerungen fast zeitgleich rnit denen von Dreifuß 1979 in den „Beiträgen zur Geschichte der Arbeiterbewegung“ abgedruckt wurden. Für sie war Heinz Grzyb – in dieser leicht veränderten Schreibweise – unter anderem derjenige, der „maßgeblich darauf ein(wirkte), daß die in Shanghai angekommenen Genossen in Gruppen zusammengefaßt wurden“, und der selbst „den Kern von etwa 8 bis 10 Kommunisten“ – mehr gab es kaum unter den insgesamt über 18 000 in Shanghai aus Deutschland eingetroffenen Emigranten! – zusammenführte und mit ihnen „systematisch Schulungen auf hohem politischem Niveau“ organisierte.

Der Publizist, der China- und Fernostkenner Asiaticus; der Kominternbeauftragte in China und Lehrer und Organisator für deutsche Kommunisten Heinz Grzyb. Aber – so muß Ursula Madrasch-Groschopp resümieren –: „Persönliche Daten fehlen.“

Ein paar Dinge mehr freilich sind noch bekannt: das Asiaticus-Buch „Von Kanton nach Shanghai 1926-27“ zum Beispiel, 1928 herausgegeben; und, daß Asiaticus von 1929 bis 1939 aus China berichtete. Und Helga Scherner, Chinawissenschaftlerin in Berlin, ergänzte 1986 in einem Aufsatz für die Zeitschrift „Asien–Afrika–Lateinamerika“ das Vorhandene um einige Informationen aus der VR China. Dort hatte 1979 in der Zeitschrift „Geming wenwu“ ein Autor namens Wang Huo das Wirken Grzybs in China gewürdigt und darauf aufmerksam gemacht, daß Grzyb wahrscheinlich „der einzige Europäer unter den vielen Ausländern war, die uns im Kampf gegen Japan unterstützten, der mit der Waffe gegen die Aggressoren kämpfte und fiel.“ Als Todestag gibt Wang Huo den 30.11.1941 an. Als Ort das Daqing-Gebirge in der Provinz Shandong.

Nun haben chinesische Historiker einen ganzen Band zu Heinz Grzyb vorgelegt: „Xibo wenji“ – Gesammelte Werke von Grzyb, Shandong-Volksverlag, Jinan 1986, 470 Seiten. Xibo – gesprochen etwa „Hsibo“ –: das ist die Umschrift für die beiden Schriftzeichen, mit denen man Grzybs Namen im Chinesischen wiedergibt. Die Rückübersetzung dieses „Xibo“ ins Deutsche durch die chinesischen Autoren schafft etwas Verwirrung: immer ist da von „Shippe“ die Rede – dazu noch von einem Vornamen „Hans“. Hans Shippe also.

Aber kein Zweifel: Es ist Grzyb, um den es hier geht, und es ist Asiaticus. Als „Yaxiyaren“ – „Asienmensch“ – taucht das Pseudonym im Chinesischen auf und wird es dem „Xibo“ zugeordnet. Und die Herausgeber der „Xibo wenji“ haben Daten parat, von denen die wichtigsten hier genannt sein sollen:

Geboren wurde Grzyb demzufolge am 13 6.1897 im polnischen Krakow. (Das freilich legt die Grzyb-Schreibung nahe!). 1918 soll er nach Deutschland gekommen und dann – auch unter dem Namen Heinz Moller oder Möller – in der revolutionären Arbeiterbewegung in Leipzig und Dresden tätig gewesen sein. 1925 sei er nach Shanghai, dann nach Guangzhou (Kanton) gegangen. Vom Dezember 1926 bis Mai 1927 habe er im Übersetzungsbüro der politischen Hauptabteilung der revolutionären chinesischen Armee gearbeitet, unter anderem an der Herausgabe der „Zhongguo tongxun“, der „China-Information“. Nach der Zerschlagung der Revolution durch Jiang Jieshi (Tschiang Kai-schek) im Jahre 1927 sei er zeitweilig wieder nach Berlin zurückgekehrt, aber 1932 wieder in Shanghai gewesen. Nach dem 7.7.1937, dem Beginn der umfassenden Aggression Japans gegen China, habe er bis zu seinem Tode in Shanghai und in den von der KPCh geführten Sondergebieten des antijapanischen Widerstandskampfes gearbeitet.

„Xibo wenji“ ist in drei Teile gegliedert: erstens die Übersetzung ins Chinesische des Buches „Von Kanton nach Shanghai“; zweitens eine Sammlung von 23 – gleichfalls ins Chinesische übersetzten – China betreffenden Aufsätzen Grzybs aus der Zeit von 1928 bis 1941; sieben dieser Aufsätze erschienen in der „Shijie wutai“ -was nichts anderes ist als die Weltbühne; und drittens Angaben zum Leben Grzybs einschließlich einiger Zeitungsartikel über ihn aus den Jahren 1941 und 1943. Dies alles bleibt noch gründlich auszuwerten.

Wie auch eine weitere chinesische Arbeit über Grzyb-Asiaticus: ein 1987 in einem Band „Aufsätze zur Geschichte der chinesisch-deutschen Beziehungen“ enthaltener Aufsatz von Dong Boxian unter dem Titel „Die Aktivitäten des internationalistischen Kämpfers Hans Shippe in Shandong“.

Aber auch in unserem Land sind noch Asiaticus-Entdeckungen zu machen. Bei Archivstudien zur Chinapolitik des faschistischen Deutschlands stieß ich auf einen von deutschen Diplomaten in China zu den Akten genommenen Artikel der in Shanghai herausgegebenen englischsprachigen „China Weekly Review“ vom 10.4.1937. Herausgeber dieser Zeitschrift war der fortschrittliche amerikanische Publizist John Benjamin Powell. Alfred Dreifuß bestätigt in seinem genannten Shanghai-Report die Existenz von Verbindungen Powell-Grzyb – und tatsächlich stammt der von den Diplomaten mit äußerstem Argwohn betrachtete Aufsatz aus der Feder eines „M. G. Shippe“. Der Titel des Aufsatzes: „Die Nazi-Nippon-Allianz ist die gefährlichste Bedrohung für Chinas Souveränität“.

Dieser Artikel sorgte für hektische Betriebsamkeit in der deutschen Chinadiplomatie. Wurde von seinem Autor doch mit größter Klarheit ausgesprochen, was das faschistische Deutschland unter dem Deckmantel einer „Neutralitätspolitik“ im fernen Osten und mit dem Ziel einer gegen die Sowjetunion gerichteten „Versöhnung“ zwischen Japan und China angestrengt zu verschleiern bemüht war: daß der im November 1936 zwischen Deutschland und Japan abgeschlossene Antikominternpakt die „direkte Allianz der beiden gefährlichsten und aggressivsten Mächte, die die Neuaufteilung der Welt anstreben“, darstellte; daß dieser Pakt gleichbedeutend war mit „deutscher Unterstützung für die japanische Vorherrschaft im gesamten Fernen Osten“, wofür Deutschland „Vorzugsbedingungen in Manchukuo und dem kolonialisierten China eingeräumt werden sollen“ und Deutschland später „auf Kosten Englands und Frankreichs sowie der Niederlande Kolonien in Südostasien erhalten soll“. Deutschland und Japan – das weist Shippe am 10.4.1937 überzeugend und eindringlich nach – „bereiten einen internationalen Krieg vor“.

Von April bis Juli 1937 – so geht aus den Botschaftsakten hervor – erstreckten sich die Ermittlungen der deutschen Diplomaten, Militärberater und Journalisten dahingehend, wer dieser „M. G. Shippe“ sei. Klarheit erlangte man nicht, Asiaticus blieb unerkannt. Immerhin vermutete man im Generalkonsulat in Shanghai, es müsse sich bei Shippe um „den Schriftstellernamen eines aus Deutschland emigrierten Journalisten“ handeln.

Man wolle – so heißt es im Vorwort der „Xibo wenji“ – in der Person des Hans Shippe eines großen internationalistischen Kämpfers gedenken. Zugleich – so heißt es weiter – seien Shippes Arbeiten sowohl für diejenigen Genossen, die sich mit der Geschichte der chinesischen Revolution beschäftigen, als auch für die breite Masse der jungen Genossen überhaupt ein wertvolles Studienmaterial. – Auch wir sollten genau studieren, was der Weltbühnenautor Grzyb-Asiaticus mitzuteilen hat.

 

Weltbühne 14/1989

Übernahme mit freundlicher Genehmigung des Autors.

 

 

Einige Weltbühne-Ausgaben später erschien zu diesem Beitrag folgende Bemerkung von Ursula Madrasch-Groschopp, zu DDR-Zeiten langjährige Stellvertreterin des Chefredakteurs der Weltbühne und in unserer vorangegangenen Sonderausgabe mehrfach vertreten:

 

Liebe Weltbühne!

Mit großem Interesse und auch mit Vergnügen habe ich „Mehr über ,Asiaticus‘“ gelesen. Jetzt weiß ich endlich, wie man die Weltbühne auf Chinesisch nennt: „Shijie wutai“.

Die Variationen der Schreibweise des polnischen Namens Grzyb, wie Asiaticus hieß, sind ziemlich verwirrend für einen Leser, der von Heinz Möller, auch das ist ein Pseudonym von Grzyb, nicht allzuviel weiß. Und ich werde nun noch etwas mehr Verwirrung in die Sache bringen. Er nannte sich auch noch „John“, und er hieß auch nicht Heinz Grzyb, sondern Mojzesz Grzyb und wurde in Tarnow, Bezirk Krakau, geboren. Das habe ich bei Professor Dr. Ryszard Nazarewicz gelesen. Er berichtet in einem Beitrag in „Der antifaschistisehe Widerstandskämpfer“, Heft 7/1986, über Asiaticus, und was man in Warschau bis dahin herausbekommen hat. Der Bruder von Asiaticus, Jan Grzyb, hat sich bereits 1946 um Informationen bemüht. Die erste erhielt er am 13. August 1946 von der SED, Abteilung Personalpolitik; man schickte ihm auch das Buch seines Bruders „Von Kanton nach Schanghai“. Die Botschaft der VR China in Warschau ergänzt 1953 und teilt noch folgendes mit: „In der ostchinesischen Ortschaft Ma An Shan, Provinz Djangsu (früher Kiangsu/Jiangsu/Djiangsu) hat die KP Chinas ein Denkmal zu Ehren des Genossen Grzyb errichtet, um ihn als ‚hervorragenden Kämpfer für die chinesische Revolution und in der Widerstandsbewegung gegen die japanischen Aggressoren‘ zu ehren.“ Auch das berichtet Professor Nazarewicz von Asjaticus, der von keinem Geheimdienst, weder vom japanischen noch vom amerikanischen oder nazideutschen, enttarnt wurde.

 

Ursula Madrasch-Groschopp

 

Weltbühne 21/1989

Es folgte noch eine weitere Bemerkung:

 

Liebe Weltbühne!

Leider ein wenig verspätet kam die Zuschrift von Frau Ursula Madrasch-Groschopp zu „Asiaticus“ (Wb 21/1989) in meine Hände. Mich freut, daß der Weltbühnenautor ein wachsendes Interesse findet. Die von Frau Madrasch-Groschopp aus „Der antifaschistische Widerstandskämpfer“ 7/1986 zitierte Vermutung, Asiaticus sei mit „John“ identisch, der in Shanghai mit Richard Sorge zusammenarbeitete, hat sich allerdings als falsch erwiesen. Die Redaktion des „Widerstandskämpfer“ wurde kurz nach Erscheinen des Artikels von Ruth Werner und von mir darüber informiert, unterließ aber eine Richtigstellung. Nun wird der Fehler tradiert …

Aus meiner Kenntnis der Materialien ergibt sich: Der Geburtsname von Asiaticus war tatsächlich Mojzesc Grzyb, deshalb in Shanghai unter antifaschistischen Emigranten auch als Gip bzw. Grczyb bekannt. In Deutschland, zumindest bei seiner politischen Arbeit, nannte er sich Heinz Möller, wahrscheinlich auch Erich Möller. Nahe liegt die Verbindung Heinz und Grzyb. Zwei „echte“ Pseudonyme sind weiterhin Heinz Shippe (so bei Edgar Snow) und das von Wolfram Adolphi nachgewiesene M. G. Shippe.

Helga Scherner

Weltbühne 34/1989

PS: Auf der Website von Wolfram Adolphi finden sich nicht nur umfängliche biographische Angaben zu Asiaticus, sondern auch sämtliche seiner zugänglichen Beiträge für die Weltbühne und andere Medien.

Adolphi wies den Redakteur dieser Sonderausgabe speziell auf den Asiaticus-Beitrag „Die Roten in Szechuan“ hin. Der war in Die neue Weltbühne 24/1935 erschienen – in einer Zeit, als die Perspektiven des legendären Langen Marsches der Kommunisten im chinesischen Bürgerkrieg noch ungewiss waren (nur zehn Prozent der aufgebrochenen 90.000 Kämpfer überlebten den 370 Tage dauernden strategischen Rückzug über 12.500 Kilometer) und als westliche Beobachter mehrheitlich mit einer Niederlage der kommunistischen Bewegung rechneten. Trotzdem prognostizierte Asiaticus:

 

„Es stehen noch schwere Kämpfe bevor. In Sowjetchina haben Arbeiter und Bauern ihre revolutionäre Diktatur errichtet, um das Feudalsystem abzuschaffen, die demokratische Agrarrevolution durchzuführen, ganz China gegen die imperialistischen Eindringlinge zu vereinigen und dies alles allmählich mit dem Kampf um den Sozialismus zu verbinden. In diesem Augenblick werden die Fundamente für den grossen, epochemachenden Neubau Chinas gelegt. Die rote Armee marschiert …“

 

Die Geschichte hat ihm recht gegeben.