28. Jahrgang | Nummer 18 | 20. Oktober 2025

Briefe an Eckermann?

von F.-B. Habel

Im Robert Havemann-Saal des Berliner Hauses der Demokratie fand im Oktober die Jahrestagung der Kurt Tucholsky-Gesellschaft statt. Sie war Tucholsky als Briefautor und der Bedeutung brieflicher Korrespondenz im Allgemeinen gewidmet. Namhafte Mitglieder referierten, darunter der Germanist Prof. Dr. Hans Werner am Zehnhoff (Antwerpen) und der Friedensforscher Dr. Reinhold Lütgemeier-Davin (Kassel), der von der sich anschließenden Mitgliederversammlung zum neuen Zweiten Vorsitzenden der KTG gewählt wurde. Er löst damit Robert Färber (Herne) ab, der zum neuen Ersten Vorsitzenden aufrückte. Der bisherige Erste Vorsitzende Frank-Burkhard Habel (Berlin) wurde mit der Bildung eines Beirats der KTG beauftragt.

Wir dokumentieren einen leicht bearbeiteten Auszug aus dem Vortrag unseres Autors auf der Jahrestagung.

 

Vorstandsmitglieder der KTG haben mich ermutigt, hier über meine eigenen Erfahrungen als Briefschreiber zu berichten. Zwar korrespondierte ich in den Jahren von 1972 bis 1994 sehr eifrig mit zwischen 50 und 100 mehrseitigen Briefen pro Jahr (ich habe sie nummeriert), habe aber auch fast immer ausführliche Antworten erhalten, so dass ich nur ein Beispiel für viele Angehörige meiner Generation bin. 

Der Zeitraum meiner regen Korrespondenz ist leicht zu erklären. Nachdem wir 1972 als Abiturienten in meist andere Städte zum Studium gingen, war es mir ein Bedürfnis, Kontakte nicht einschlafen zu lassen. Das setzte sich fort, bis ich 1994 an meinem ersten Buch arbeitete, dem viele weitere (anfangs im Halbjahresabstand) folgten, so dass mein Bedürfnis, mich schriftlich auszudrücken, gestillt war.

Doch ich korrespondierte nicht nur mit ehemaligen Mitschülerinnen (in unserer Abi-Klasse waren wir 27 Mädchen und fünf Jungen) und neuerworbenen Freunden. Es war mir ein besonderes Bedürfnis, Freunden, die im Gegensatz zu mir „zur Fahne“ einrücken mussten, ihr schweres Los durch regelmäßige Briefe zu erleichtern. (Zur Erklärung: Bei der Einberufungsüberprüfung heuchelte ich nach der Felix-Krull-Methode großes Interesse für eine Armeelaufbahn und abonnierte z.B. die Wochenzeitung „Volksarmee“. Meine Einberufung wurde ein paar Mal aus Ausbildungsgründen – ich erwarb einen Facharbeiterbrief – aufgeschoben, bis bei einer Routineuntersuchung eine anatomische Merkwürdigkeit entdeckt wurde, die zur Ausmusterung führte.)

Meine Briefe leitete ich meist mit einem literarischen Zitat aus meiner Aphorismensammlung ein oder beklebte sie mit Fotos und Grafiken, die dem Geschmack der Briefpartner entsprechen sollten. Es gibt Freundinnen und Freunde, die diese Briefe bis heute aufbewahrt haben. Auch ich habe sie noch, denn ich habe sie von Beginn an mit Maschine und Durchschlag geschrieben.

Was macht man damit? Sicherlich werde ich es – sollte mir das vergönnt sein – noch aufarbeiten. Einmal habe ich damit schon begonnen. Zum 50. Jubiläum meiner Alma mater wurde ich neben anderen vom Herausgeber Torsten Schulz um einen Beitrag für einen Erinnerungsband* gebeten. Ich entschloss mich, aus dem betreffenden Zeitraum alle Notizen aus Briefen zu zitieren, die sich auf die Babelsberger Filmhochschule bezogen. Doch da stieß ich auf eine Lücke. Ein Durchschlag fehlte. Im nächsten Durchschlag antwortete ich meinem damaligen Freund Frank, einem Soldaten, dass es mir leid täte, dass er meinen Brief nicht erhalten hätte und ich ihm nunmehr meinen Durchschlag senden würde. Jetzt fehlte er bei mir, und der Kontakt zu Frank war schon lange abgebrochen. Doch dann kam mir ein Gedankenblitz. Ich durchsuchte meine Stasi-Akte, die ich schon in den neunziger Jahren bekommen hatte. Tatsächlich fand sich der abgefangene Brief an Frank darin. Nach der Analyse, warum der Brief nicht weitergeleitet worden war, kann es nur einen Grund gegeben haben. Ich berichtete von einer gemeinsamen Freundin, dass sie in Warschau ihre dortige Freundin besucht hätte, die mit einem Mann verheiratet war, der sich in der verbotenen Gewerkschaft Solidarność engagierte. Das war offenbar zu viel Information für einen braven NVA-Soldaten! Robert Havemanns Freund Wolf Biermann hat mal ein Lied geschrieben, in dem es heißt „Die Stasi ist mein Eckermann!“ Das gilt zumindest im Kleinen auch für mich.

Heute ist es für viele Dienste einfacher, sich Informationen aus dem Netz zu fischen. Meine Freundin Sabine telefonierte kürzlich über WhatsApp mit ihrer New Yorker Bekannten und äußerte sich unvorsichtigerweise kritisch über den dortigen Präsidenten. Seitdem ist Sabine bei WhatsApp gesperrt.

(*Torsten Schulz (Hrsg.): Orangemond im Niemandsland. 50 Jahre HFF „Konrad Wolf“ in Potsdam-Babelsberg, Vistas Verlag, Berlin 2004.)