I have a dream
Martin Luther King Jr., Washingtoner Rede (1963)
… der gefährlichste und effektivste
Negro-Führer im Land
William C. Sullivan, stellv. FBI-Direktor
Es dauerte über dreißig Jahre seit der letzten umfassenden Biographie zu Martin Luther King bis zu dem 2023 vorgelegten Buch von Jonathan Eig. Eine wahrlich umfassende Lebensbeschreibung der einflussreichsten und bekanntesten Persönlichkeit der Bürgerrechtsbewegung in den USA ist nun zu entdecken. Das Buch erhielt 2024 den Pulitzer-Preis für Biographie.
Eig konnte bislang unveröffentlichte Quellen nutzen, darunter Tausende nach Ablauf von Sperrfristen freigegebene Akten des FBI. Der Inlandsgeheimdienst der US-Bundesregierung bespitzelte King über Jahre intensiv, hörte dessen Telefongespräche und die seiner Mitarbeiter ab, setzte Spitzel auf die Bürgerrechtsbewegung an und versuchte, diese wie auch King zu diskreditieren – über die Presse, über Polizeieinsätze als Strafverfolgungsbehörde. Es gab gezielte Desinformation, auch der Präsidenten John F. Kennedy und Lyndon B. Johnson. Darüber hinaus führte Eig mehr als 110 Interviews zu King mit Familienmitgliedern, Mitarbeitern, Vertrauten und Freunden. Viele private Quellen konnten erstmals genutzt werden. Entstanden ist ein Buch mit über 750 Seiten. Das ist sehr viel zu einem Menschen, der nur 39 Jahre alt wurde.
Seine Großeltern waren Kinder von ehemaligen Sklaven und wurden unmittelbar nach dem amerikanischen Bürgerkrieg geboren. Sein Vater Michael King wurde Prediger der Baptisten in Georgia. „Schwarze Kultur und Schwarzer politischer Aktivismus entstanden in den Kirchenbänken und von den Kanzeln der Schwarzen Kirche. Vielen bot die Religion Erleichterung von den Qualen des Alltags.“
Als King am 15. Januar 1929 in Atlanta, der Hauptstadt des Bundesstaates Georgia, im Süden der USA geboren wurde, hieß er noch Michael King Jr. Sein Vater reiste 1934 nach Deutschland und entschied anschließend, sich aus Verbundenheit mit dem protestantischen Reformator in Martin Luther King umzubenennen. Der Sohn wurde folglich Martin Luther King Junior.
Eig widmet einen beträchtlichen Teil seines Buches Kings Kindheit und familiären Wurzeln, gestützt durch bisher wenig beachtete Quellen wie afroamerikanische Zeitungen und Volkszählungsdaten. Dieser Abschnitt stellt King nicht als Mythos, sondern als Produkt eines komplexen, segregierten, aber auch privilegierten Umfeldes dar. Letzteres wegen der erfolgreichen Stellung des Vaters als Prediger.
Die letzten drei Lebensjahre Kings – eine Phase enormer Radikalität – schildert Eig dagegen sehr fokussiert auf etwa 50 Seiten. Dazwischen spannt sich eine detaillierte Darstellung der zentralen Meilensteine: Busboykott in Montgomery (Rosa Parks), Birmingham-Proteste, „I have a dream“-Rede, Selma, Chicago-Kampagne, Opposition gegen den Vietnamkrieg sowie die Poor People’s Campaign – hier nur stichwortartig erwähnt.
In der Biographie wird auch die tiefe Zerrissenheit innerhalb der amerikanischen Gesellschaft deutlich. Einerseits ist King – als persönlicher Feind des Gouverneurs von Alabama, George C. Wallace, – in Birmingham wegen einer Protestdemonstration im Gefängnis. Andererseits koordinierte Robert Kennedy, der Bruder des Präsidenten und Justizminister, beträchtliche Spenden für die Verhafteten und gleichzeitig rief selbst der Präsident John F. Kennedy Coretta King an, „um seine Sorge um ihren Mann auszudrücken“. Wieder andererseits intensivierte der „ewige“ FBI-Chef Edgar Hoover obsessiv die Überwachung von King.
Nach der Ermordung von Präsident Kennedy unterzeichnete der Nachfolger Lyndon B. Johnson, der übrigens der erste Südstaatler im Präsidentenamt seit Woodrow Wilson war, den Civil Rights Act von 1964. Johnson setzte sich gegen den erbitterten Widerstand von konservativen Segregationisten durch, die in beiden Parteien in den Südstaaten zu finden waren. Das bedeutendste Bürgerrechtsgesetz verbot die Diskriminierung Einzelner aufgrund ihrer Rasse, Hautfarbe, Religion, Geschlecht und nationaler Herkunft. Es war ein riesiger Erfolg auch für Kings Kampf gegen Segregation der Schwarzen und für Bürgerrechte. Es bedeutete aber nicht das Ende seines Einsatzes.
Er intensivierte den Kampf um gleiche Wahlrechte. Ein Beispiel für die Diskriminierungen: In Selma, einer Kleinstadt in Alabama, waren mehr als 50 Prozent der 28.000 Einwohner Schwarze Menschen, sie machten jedoch nur ein Prozent der Wähler aus.
Noch bevor King im Oktober 1964 erfuhr, dass er den Friedensnobelpreis erhalten solle, reiste er nach Europa. Am Rande bemerkt, er predigte auch in einer übervollen Ost-Berliner Kirche. Obwohl er seinen Pass vergessen hatte, konnte er wegen seiner Bekanntheit den Grenzübergang Checkpoint Charlie passieren.
Der von Präsident Johnson wider besseres Wissen weitergeführte Vietnamkrieg lässt King nicht unbeeindruckt. Er wird zu einem bekannten Gegner des Krieges, der damals die Zustimmung der überwältigenden Mehrheit der US-Amerikaner hatte. Die öffentliche Meinung in den USA stellte daraufhin nicht nur seinen Patriotismus in Frage, sondern sogar sein Engagement für Bürgerrechte.
Anfang 1968 versuchte King, die Stadt Memphis in Tennessee zum Ausgangspunkt seiner Poor People’s Campaign zu machen und organisierte einen Marsch afroamerikanischer Müllarbeiter. Am 4. April 1968 wurde er auf dem balkonartigen Gang vor seinem Zimmer im dortigen Lorraine Motel durch einem Schuss ins Gesicht ermordet.
Heute ist dort eine Gedenkstätte, die den Besucher emotional stark berührt, wie es der Verfasser dieser Zeilen selbst spürte. Eig stellt fest: „Sein Tod steckte die Nation in Brand – in jener Nacht und in den kommenden Jahren.“
Er präsentiert King als tief religiös motivierten Aktivisten, dessen radikales Engagement aus seinem christlichen Glauben heraus entstand – nicht als Opium, sondern als Waffe für Gerechtigkeit. Er betont, dass King seine Wirkung nicht einer Verharmlosung verdankt, sondern einer beispiellosen Radikalität, die bis hin zu Forderungen nach ökonomischer Gerechtigkeit, Umstrukturierung des Kapitalismus und Solidarität mit Armen reichte.
Im Gegensatz zu heroischen Darstellungen zeigt Eig King auch als verletzlichen, konfliktvermeidenden Menschen. King kämpfte mit Depressionen und psychischer Erschöpfung, litt massiv unter der Überwachung und dem psychologischen Terror durch das FBI.
Nicht zuletzt entmystifiziert Eig King durch seine zahlreichen außerehelichen Affären, die teils öffentlich bekannt waren und vom FBI mit penibler Hartnäckigkeit dokumentiert wurden. Die Ehefrau Kings, Coretta Scott, weiß früh um diese Seite ihres Mannes und toleriert sie notgedrungen. Erwähnt werden auch Kings akademische Schwächen, insbesondere Plagiate in seiner Promotion. Eig zeigt nicht nur hier Verständnis für Kontext und Zeit.
King war inszenierungserprobt: Strategische Platzierung von Kindern bei Demonstrationen in Birmingham, bewusste Medienwirkung, theatralische Form – all das hatte Methode. Er verstand, wie man eindringliche Bilder erzeugt, die die öffentliche Meinung erreichen und moralisch mobilisieren – ein politischer Taktiker mit prophetischem Instinkt.
Eig belegt, dass King nicht nur ein historischer Held war, sondern eine Stimme, die uns heute herausfordern kann. Seine frühes Verlangen nach ökonomischer Gleichheit und Reparationen trifft auf aktuelle Debatten über Entschädigung, soziale Ungleichheit und staatliche Gewalt. Die spätere Verharmlosung der „I have a dream“-Rede vor Hunderttausenden kaschiert diesen radikalen Kern. Dies wird als zentral für das Verständnis von King und seine Nachwirkung betrachtet.
Obwohl Eig viel neues Material präsentiert, wird die letzte Lebensphase relativ kurz behandelt. Auch die Rivalität und komplexe Beziehung zu Malcolm X sowie die Kritik der Black-Power-Bewegung sind lediglich im Ansatz enthalten. Prominente Unterstützer Kings, wie insbesondere Harry Belafonte und James Baldwin, werden gewürdigt.
Jonathan Eig versuchte, Kings Leben „authentisch zu schildern“, dabei schießt er mitunter über das Sinnvolle hinaus, wenn zeitweise ein Detail (Essen, Kleidung etc.) ans andere gereiht wird und so wesentliche Wertungen ins Hintertreffen geraten.
In „King: A Life“, so der Originaltitel, gelingt dem Autor eine kraftvolle, ehrliche und facettenreiche Biographie. Sie erweitert unser Bild von Martin Luther King Jr. um dessen emotionales Innenleben, strategische Intelligenz, moralischen Radikalismus und private Schwächen. Die Stärke des Buches liegt in seiner Quellenvielfalt, seiner Gegenschatten zeichnenden Perspektive (FBI und Präsidenten) und seiner Relevanz für aktuelle Debatten über soziale Gerechtigkeit.
Ein ernüchterndes Fazit des Autors betont: „Laut jüngster Studien sind von Montgomery bis Chicago Armut und Rassentrennung entlang der Straßen, die Martin Luther King Jr. Drive, Martin Luther King Jr. Avenue, Martin Luther King Jr. Highway und Martin Luther King Jr. Boulevard heißen, nach wie vor viel höher als im lokalen und nationalen Durchschnitt.“
Wenn das Ziel darin besteht, King nicht nur als Heiligen, sondern als Menschen und revolutionären Denker zu verstehen, liefert Eig dafür den überzeugenden Sound: menschlich, verletzlich, radikal und inspirierend – „We Shall Overcome“.
Jonathan Eig: Martin Luther King. Ein Leben. Aus dem Englischen von Sylvia Bieker und Henriette Zeltner-Shane, Deutsche Verlags-Anstalt, München 2024, 750 Seiten, 34,00 Euro.
Schlagwörter: Bürgerrechtsbewegung, Jonathan Eig, Jürgen Hauschke, Martin Luther King Jr., Segregation, USA

