Die Protagonisten der Parteien des rechten Blocks, der christlich-konservativen, der national-konservativen und der ultraliberal-konservativen Partei, überboten sich gegenseitig im Wahlkampf mit Negativurteilen und Falschmeldungen über den maroden Zustand der deutschen Wirtschaft. Sie stützten sich dabei auf politisch motivierte Vorurteile, subjektive Eindrücke und gefühlte Wahrheiten, kaum aber auf gesicherte Fakten und volkswirtschaftliche Statistiken. Als die Konjunkturforscher der Wirtschaftsforschungsinstitute jetzt erste Schätzungen und vorläufige Berechnungen zur Wirtschaftsentwicklung Deutschlands im vergangenen Jahr vorlegten, waren sie überrascht, denn die Daten passten nicht in ihr Argumentationsschema. Aus den veröffentlichten Statistiken geht hervor, dass die deutsche Volkswirtschaft im vergangenen Jahr real zwar nicht gewachsen, sondern um 0,2 Prozent geschrumpft ist. Gleichwohl konnte sie ihre Stellung als drittgrößte Volkswirtschaft in der Welt behaupten. Das bedeutet, dass es auf wirtschaftlichem Gebiet zwar Handlungsbedarf zur Lösung dringender Probleme gibt, von einem Niedergangs- oder Katastrophenszenario kann jedoch keine Rede sein.
Ich hatte in den letzten Monaten Gelegenheit, mit interessierten Bürgerinnen und Bürgern über die wirtschaftliche Lage in Deutschland zu diskutieren. Dabei ging es auch um die Stellung der deutschen Wirtschaft in der Welt. Auf meine Frage, welchen Rang Deutschland hier gegenwärtig einnehme, wurden teilweise zweistellige Zahlen genannt. Eine Diskutantin warf sogar die Zahl 27 (!) in den Raum und beharrte trotz meiner Einwände apodiktisch darauf: Drei Jahre wirtschaftspolitischen Versagens der Ampel hätten, wie jeder sehen könne, zu diesem Ergebnis geführt. Dies sei Fakt, ob es mir nun gefalle oder nicht! – Eine Quelle für ihre abstruse Behauptung nannte sie nicht.
Im weiteren Verlauf der Diskussion wurde aber deutlich, dass sie ihre Informationen hauptsächlich aus den „Sozialen Medien“ bezog. Und, wie die Wahlergebnisse zeigen, war sie leider nicht die einzige, die sich durch Falschmeldungen hat irreführen lassen.
Tatsache ist, dass Deutschland vor zwei Jahren, nachdem es in der Weltwirtschaft lange Zeit den vierten Platz belegt hatte, Japan überholt hat und auf Platz drei vorgerückt ist. Dieser Rang konnte im Jahr 2024 – trotz anhaltender Rezession und Ampel-Streit – behauptet werden. Berechnungen des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW) zufolge summierte sich das deutsche Bruttoinlandsprodukt im vergangenen Jahr auf umgerechnet 4,66 Billionen US-Dollar. Damit liegt Deutschland nach den USA und China und vor Japan und Indien auf dem dritten Platz in der Welt, deutlich vor Großbritannien, Frankreich, Italien, Kanada, Brasilien und Russland.
„Sofern keine großen Wechselkursverwerfungen auftreten, dürfte Deutschland diese Position halten – jedoch (…) mit wachsendem Abstand zu China und den USA“, so die Einschätzung des IW-Konjunkturexperten Michael Grömling. 2024 betrug die Wirtschaftsleistung der USA 29,7 Billionen, die von China 18,9 Billionen US-Dollar. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass Japan und Deutschland in den letzten Jahren gegenüber den beiden größten Volkswirtschaften der Welt, den USA und China, leicht zurückgefallen sind und, sofern es hier keine Investitionsoffensiven gibt, technologisch den Anschluss zu verlieren drohen. Bei derartigen Vergleichen sind jedoch die Größe der Staaten und ihre Bevölkerungsstärke zu berücksichtigen: In den USA leben derzeit 345,3 Millionen Menschen, in China 1.419,3 Millionen. Das verschafft diesen Volkswirtschaften einen quantitativen Vorsprung, den Deutschland mit seinen 83,6 Millionen Einwohnern niemals aufholen kann.
Ein anderer Aspekt, der für eine Relativierung der Ergebnisse dieser Rangliste sorgt, stellt die unterschiedliche Kaufkraft der Währungen im Inland dar. Berücksichtigt man diese und legt dem Vergleich ein kaufkraftbereinigtes Bruttoinlandsprodukt zugrunde, das unter Beachtung unterschiedlicher Preisniveaus in eine künstliche Währung umgerechnet wurde, so rückt China auf den ersten Platz Liste vor, die USA auf den zweiten und Indien (als bevölkerungsreichstes Land mit einer Einwohnerzahl von 1.450,9 Millionen) auf den dritten Platz. Deutschland rutscht in einer derartigen Rechnung auf Platz sechs, nach Russland und Japan auf den Plätzen vier und fünf. Auch das ist noch ein beachtliches Resultat, zumal insbesondere China und Indien in einer solchen Rechnung davon profitieren, dass ihre Währungen auf dem Weltmarkt unterbewertet sind.
Im internationalen Ranking ist es ferner üblich, das Bruttoinlandsprodukt je Einwohner zu berechnen und die Staaten auf dieser Grundlage miteinander zu vergleichen. Hier liegen vor allem kleine Staaten vorn, im Jahr 2023 Luxemburg (auf dem ersten Platz), gefolgt von Irland, der Schweiz, Norwegen, Singapur und Island. Bemerkenswert ist, dass dies durchweg keine klassischen Industriestaaten sind. Die USA belegen erst Rang sieben. Deutschland liegt an 18. Stelle, nach Belgien und Kanada, aber noch vor Finnland und Israel. Bei der Interpretation dieser Daten gilt es zu berücksichtigen, dass sie als ökonomischer Indikator etwas über das jeweilige Wohlstandsniveau aussagen, jedoch wenig über die wirtschaftliche Größe und Macht einer Volkswirtschaft. Dafür sind die oben genannten Angaben zur Höhe des Bruttoinlandsprodukts aussagekräftiger. Das wird insbesondere an China und Indien deutlich, zwei großen und wirtschaftsstarken Volkswirtschaften, die sich beim Bruttoinlandsprodukt pro Kopf in der Rangliste aber nicht unter den ersten 20 befinden, was sich auch so rasch nicht ändern wird, während das wirtschaftliche Gewicht dieser Staaten in der Welt weiter zunimmt. Insbesondere ist damit zu rechnen, dass Indien diesbezüglich Deutschland und Japan schon bald überholen wird. – Ein Drama wäre dies freilich nicht. Eher Ausdruck weltwirtschaftlicher Dynamik und internationalen Wettbewerbs.
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