Auch wenn man meint, über die Vorgeschichte des Dritten Reiches, dessen Verlauf und Ende sowie die Nachwirkungen hinreichend Bescheid zu wissen, kann es nicht schaden, die eigenen Kenntnisse hin und wieder aufzufrischen. Und wenn man diesbezüglich Defizite hat, deren man sich unter Umständen gar nicht bewusst ist, wäre dies umso notwendiger. Zumal in Zeiten, in denen rechtsextreme politische Strömungen im Aufwind sind und AfD-Galionsgreis Alexander Gauland die Jahre von 1933 bis 1945 als „Vogelschiss in unserer über 1000-jährigen Geschichte“ marginalisiert.
Als „Schutzimpfung“ ausdrücklich empfohlen werden kann in diesem Zusammenhang die Berliner Dauerausstellung „Hitler – wie konnte es geschehen“, die inzwischen von bis zu einer halben Million Besucher pro Jahr frequentiert wird. In einem 1943 errichteten Luftschutz-Hochbunker (Berlin Story Bunker) nahe dem ehemaligen Anhalter Bahnhof und geschaffen in privater Initiative ohne einen einzigen Euro öffentlicher Fördermittel von Kurator Wieland Giebel und Direktor Enno Lenze wird folgenden Aspekten auf sehr umfassende Art und Weise nachgegangen:
- dem Aufstieg der Hitler-Partei NSDAP in der Weimarer Republik bis zur Machtübernahme 1933;
- der anschließenden Konsolidierung des Regimes durch „Brot und Spiele“ fürs Volk (für Aktivisten der Bewegung und mehr noch für Millionen von Mitläufern) sowie durch tödlichen Terror gegen innenpolitische Gegner und mit zunehmender Intensität gegen die jüdische Bevölkerung;
- der Vorgeschichte und dem Verlauf des Zweiten Weltkrieges mit seinen monströsen Verbrechen, von denen die systematische Ausrottung der europäischen Juden und die Ermordung von über drei Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen nur die mit Abstand größten, bei weitem jedoch nicht die einzigen waren.
In der Ausstellung lässt sich erfahren, was normale Menschen zu skrupellosen Mördern werden ließ und warum die „Führertreue“ einer Mehrheit der Deutschen bis in den Untergang hielt. Der Historiker Götz Aly, ein namhafter Experte in Sachen NS-Forschung, sagte zu dieser Ausstellung im Bunker, sie sei die „beste zum Thema in Berlin. Hier wird erklärt, wie das Nazi-System funktionieren konnte. Ich schicke alle hin – Enkel, Freunde, Besucher.“
Nur etwa zehn Fußminuten von der Bunker-Ausstellung entfernt befindet sich am Ort des früheren Reichssicherheitshauptamtes (RSHA), der Terrorzentrale des Nazi-Regimes schlechthin, mit der „Topographie des Terrors“ eine weitere Dauerausstellung. Dort läuft zurzeit eine Sonderexposition über Reinhard Heydrich, den operativen Haupttäter des exekutiven Terrorapparates des Dritten Reiches, Chef des RSHA, zu dem auch die besonders berüchtigte Gestapo zählte.
Heydrich war bis zu seinem Tode durch ein Attentat tschechischer Freiheitskämpfer im Juni 1942 der Organisator der Vernichtung der europäischen Juden. „Erfinder“ der sogenannten SS-Einsatzgruppen, die der vorrückenden Wehrmacht nach dem Angriff auf Polen 1939 und auf die Sowjetunion 1941 unmittelbar auf dem Fuße folgten und Massenmorde, vor allem durch Erschießung, an nationalen slawischen Eliten, insbesondere jedoch an Juden organisierten und mit Hilfe deutscher Polizeibataillone, lettischer, litauischer, ukrainischer und anderer einheimischer Hiwis (Hilfswilliger) und nicht zuletzt der Wehrmacht durchführten.
Es wurde, typisch deutsch, akribisch Buch geführt: Allein bis Mitte April 1942 meldeten die Einsatzgruppen die Zahl von über 500.000 ermordeten Menschen, davon 90 bis 95 Prozent Juden.
Mit der von Heydrich für den 20. Januar 1942 einberufenen sogenannten Wannseekonferenz wurden die Weichen für die industrielle Auslöschung von Juden, Sinti und Roma sowie sowjetischen Kriegsgefangenen in eigens dafür errichteten Vernichtungslagern wie Auschwitz-Birkenau, Treblinka, Sobibor und Belzec gestellt.
„Hitler – wie konnte es geschehen“, Schöneberger Str. 23A, 10963 Berlin; Öffnungszeiten: 10:00 – 19:00, ganzjährig; Tickets (12,00 Euro, ermäßigt 9;00) nur online. Der Bunker ist nicht für Rollstühle geeignet. Drei bis vier Stunden sollten für den Besuch der Ausstellung eingeplant werden.
„Reinhard Heydrich – Karriere und Gewalt“ – noch bis 10.06.2025; Dokumentationszentrum Topographie des Terrors, Niederkirchnerstraße 8, 10963 Berlin; Öffnungszeiten: täglich 10:00 – 20:00 Uhr; Eintritt frei.
Schlagwörter: Berlin Story Bunker, Hans-Peter Goetz, Heydrich, Hitler