25. Jahrgang | Nummer 25 | 5. Dezember 2022

Theaterberlin

von Reinhard Wengierek

Diesmal: „Undine geht“ – Schaubühne / „Out of Chaos“ – Varieté Chamäleon.

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Schaubühne: Tja, die Liebe …

Sie nahm Tabletten, wie so oft. Sie griff zur Zigarette, wie fast immer. Sie ging zu Bett, rauchte, schlief ein und verbrannte. Das war am 17. Oktober 1973 in Rom. Da war die 47-jährige Schriftstellerin Ingeborg Bachmann längst ein Star. Wurde gefeiert und geehrt. Geliebt von den Frauen, die da ein sarkastisches, aber auch feinfühliges weibliches (feministisches?) Selbstbewusstsein feierten. Von den Männern, vor allem den seinerzeit berühmten, tonangebenden Kollegen, wurde sie geradezu (eifersüchtig) vergöttert.

Die Bachmann, klug und schön, stark und zart, umworben und einsam, war groß im Lieben, im absolut hingebungsvollen Lieben. Und, was daraus folgt, groß im Leiden. Das unheilvolle Zusammenspiel von beidem gab den Grundklang ihres Lebens, den tragischen Grundstoff ihrer bis heute so wirkmächtigen Prosa.

„Ihr Ungeheuer mit Namen Hans!“ Gleich im ersten Satz von Bachmanns wohl berühmtester Erzählung „Undine geht“ von 1961 steckt letztlich, gesetzt mit Ausrufungszeichen am Anfang, die Abrechnung der immer wieder aus dem Meer nach einem Hans an Land greifenden Nixe mit den Kerlen – und womöglich der ganzen schnöden Welt gleich mit. Man findet halt nicht wirklich zueinander. Man weiß nicht, „wie man Platz nimmt in einem anderen Leben“. Und in der profanen Welt der Ungeheuer weiß man schon gar nichts von derartigen Platzeinnahmen.

„Tja, die Liebe …“ Dieser traurig resignierende Seufzer ist was bleibt von der gut einstündigen Inszenierung von Christina Deinsberger. Die bisherige Schaubühnen-Regieassistentin hat den ohnehin knappen Originaltext gekürzt, um ihn zu ergänzen mit Passagen aus Bachmanns letztveröffentlichtem Buch, dem bekenntnishaften Roman einer Leidenschaft „Malina“.

Die Ergänzung ist überflüssig, die missliche Konfliktlage der Geschlechter ist ohnehin klar. Unklar indessen bleibt, ob dieser poetisch starke, reflexive Text wirklich auf die Bühne passt. Bleibt es doch über weite Strecken beim reinen Hörstück mit zwei Personen. Carolin Haupt (Undine) und Renato Schuch (Hans), unisex eingekleidet von Vanessa Sampaio mit rosa Blusen und weißen Hosen, barfüßig und mit blau lackierten Fingernägeln. Ein bisschen leider die Fronten verwischende Genderei. Wenn bei einem oder einer das Wort „Mann“ fällt ergänzt der oder die andere „Frau“. Nun ja …

Trotzdem, das Sprechen beider – teils effektvoll unterlegt vom Soundtrack Bertram Burkerts – geschieht auf subtile Art: fein melodisch, den Silben und Wortgruppen entrückt nachsinnend durch kunstvolle Pausen, Wiederholungen, Zerdehnungen.

So weit so schön. Aber weil es denn doch noch ein bisschen „Theater“ sein soll, irrt man somnambul oder erschreckt auf und ab und hin und her durch und hinter wellige Gazevorhänge (Bühne: Ulla Willis). Greift gelegentlich zum Mikrofon für ein Liedchen und stellt gar noch, kurz in groben Umrissen, schultheaterhaft, Undine-Märchenszenen nach. Überflüssiger Tand.

Passender Buchtipp zum Thema: Ingeborg Bachmann / Max Frisch „Wir haben es nicht gut gemacht. Der Briefwechsel“, 1039 Seiten, 40 Euro, Suhrkamp Berlin. Soeben erschienen.

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Chamäleon: Und droben im Himmel, da jauchzt eine Geige

Fast bis an die Decke ragt der flugs aufgestapelte Menschenturm – doch nur fast. Ein bisschen Luft nach oben ist noch. Und genau dort hinein transportiert das weltweit gefeierte australische Artistenkollektiv „Gravity & Other Myths“ (GOM) die Geigerin Sonja Schebeck. Sozusagen im siebten Himmel – das Publikum hält den Atem an – zaubert sie mit ihrer Violine eine wundersame Wolke aus Musik.

Sonja, die bewundernswerte Vielfachbegabung aus Sydney, schwindelfrei und sehr gelenkig, Gründungsmitglied von Nigel Kennedys Orchestra of Life und als Musikerin, Akrobatin und sogar Feuerkünstlerin international unterwegs in vielerlei Programmen des Cirque Nouveau, sie geigt jetzt im nostalgisch anheimelnden Ambiente des Chamäleon-Varieté-Theaters. Sozusagen als Königin von „Out of Chaos“, dem in großen Teilen geradezu sensationellen Programm der vielfach preisgekrönten Akrobaten aus Australien.

Die Künstler der anno 2009 in Adelaide gegründeten „Zirkus- und Bewegungstheaterkompanie“ (inzwischen Gastspiele in 37 Ländern) arbeiten nahezu ohne Requisiten vornehmlich mit ihren Körpern. Indem sie Menschentürme vielerlei Formen in schwindelerregende Höhen treiben und sie augenblicklich wieder in sich zusammenstürzen lassen, nur um sie gleich wieder neu, aber anders, aufzubauen. Ähnliches geschieht mit anderen Architekturen – mit Brücken, Burgen, Kathedralen. Dann wieder gibt es halsbrecherisches Bodenturnen, wobei die Leiber immerzu wie Bälle durch die Lüfte schießen. Schier schwerelose Körperschönheiten – Ballette in der Luft.

Abgesehen von dieserart Hochleistungsturnen, diesem wagehalsigen Klettern, Heben, Fallenlassen, Auffangen, werden durch den gezielten Einsatz simpler Taschenlampen im stockdunklen Raum frappierende, romantisch-geisterhafte Effekte erzielt: Da bleibt nur das halbe artistische Menschen-Gebäude gereckt, derweil die andere Hälfte sich im Finstern blitzschnell umbaut. Rasende Verwandlungen, gefährliches Schwingen, Schwanken, Schrauben, Werfen, Wirbeln, Kreisen – dazu jede Menge Schrecksekunden im perplexen Parkett.

Zwischendurch flüstern geheimnisvoll Stimmen, grummeln dramatisch Geräusche, raunt kontrapunktisch beruhigend sphärisches Getön. Und immer wieder arrangiert Regisseur Darcy Grant witzige, sympathisch selbstironische Momente. Und zieht letztlich alles ganz spielerisch ins Heiter-Luftige, eben Schwerelose. Harmonie jenseits von Chaos.

PS: Das GOM bleibt auch im Januar 2023 zu Gast im Chamäleon. Dann mit der Show „A Simple Space“.