24. Jahrgang | Nummer 14 | 5. Juli 2021

Corona und die Virus-Forschung

von Petra Erler

Mehr als 3.200 dienstliche Emails von Dr. Anthony Fauci, die er in der Frühzeit der Corona-Pandemie schrieb, wurden in den USA aufgrund eines öffentlichen Informationsersuchens (FOIA) durch Buzzfeed und etwa 800 durch die Washington Post veröffentlicht. Die bisherige Berichterstattung in Deutschland dazu zeigt, dass die allermeisten Medien sich offenbar nicht die Mühe machten, diese Emails zu lesen und zu bewerten. Anderenfalls hätten sie ein paar Fragen an Prof. Christian Drosten.

Er war einer der Teilnehmer einer Telefonkonferenz, die Fauci am 1. Februar 2020 organisierte. Alle damaligen Teilnehmer erhielten ein Papier zur Gensequenzierung des SARS-CoV-2 Virus. Es wurde Stillschweigen verabredet.

Am Tag zuvor hatte Fauci eine Email eines US-Virologen, Andersen erhalten. Dieser schrieb, ihm und seinem Team seien winzige Veränderungen am Genom des neuen Corona-Virus aufgefallen, die auf eine mögliche Manipulation des Virus hindeuteten. Fauci antwortete Andersen, man werde das am Telefon besprechen. Im Klartext heisst das, dass zu diesem Zeitpunkt befürchtet wurde, das neue Corona-Virus könnte das Ergebnis von sogenannter Gain-of-function-Forschung und aus einem Labor entfleucht sein. Obwohl er mit diesem Verdacht konfrontiert war, lenkte Fauci am 3. Februar 2020 gegenüber PBS die Aufmerksamkeit auf einen natürlichen Ursprung des Virus. Wissenschaftlich betrachtet, war das keine Meisterleistung, was auch die Washington Post kürzlich einräumte. Es muss hinzugefügt werden, dass Andersen im April 2020 eine andere Einschätzung öffentlich vorlegte. Fauci wiederum setzte im Februar 2020 eine Arbeitsgruppe zur Erforschung der Herkunft des Virus ein. Ob sie arbeitete oder etwas herausfand, ist unbekannt.

Die internationale Erforschung des Genoms des neuen Virus hatten chinesische Wissenschaftler am 10. Januar möglich gemacht. Am 23.1. 2020 hatten Wissenschaftler aus Wuhan die Genomsequenzierung veröffentlicht. Danach unterschied sich das aktuelle Virus substantiell vom SARS-I-Virus, aber wies eine 96,2 prozentige Übereinstimmung mit einem 2013 in China entdeckten Virus RATG13 auf. Die größte Abweichung wurde am Spike-Protein gefunden, die etwa sechs Prozent betrug.

Von RATG13 war bekannt, dass es sechs Menschen krank gemacht und drei getötet hatte. Aber RATG13 konnte nicht von Mensch zu Mensch springen, während das dem neuen Virus von Anfang an spielend gelang. Hinzu kam, dass es in Wuhan, wo zuerst das neue Virus gefunden wurde, ein Biolabor gibt. Das alles verlangte nach Erklärungen.

In einem Artikel von Cohen vom 31.01.2020 in Science wurde dazu auch der britisch-stämmige Corona-Virus-Forscher Peter Daszak befragt. Der antwortete damals, die genetische Nähe müsse nichts bedeuten. Es könne bis dato unbekannte Viren geben, die genetisch noch enger mit dem aktuellen Virus verwandt wären und die man bloß noch nicht kenne. Die aktuelle Argumentation von Drosten dagegen lautet, das Virus unterscheide sich genetisch zu sehr vom SARS-I-Virus, um von einem Laborursprung auszugehen. Das wiederum hatte nie jemand behauptet. Was viele Virologen von Anfang an umtrieb, war die sogenannte „furin cleavage site“ am Spike-Protein, die das SARS-CoV-2-Virus von seinem genetisch engsten Verwandten unterschied. Ein solches Feature ist beim SARS-I Virus nicht natürlich vorhanden. Soweit bekannt, wurde es allerdings 2006 im Labor künstlich hergestellt.

Tatsächlich wurde bis heute kein Corona-Virus gefunden, das dem Pandemie-Virus genetisch enger verwandt wäre. Auch der mutmaßliche tierische Zwischenwirt ist weiter völlig unklar.

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Ob nun das aktuelle Corona-Virus das Ergebnis natürlicher Evolution ist oder es in einem Labor perfektioniert wurde, ist zunächst eine wissenschaftliche Frage. Ihre Beantwortung ist wichtig, um das Virus effektiv bekämpfen zu können, beziehungsweise Prognosen für die Zukunft zu erstellen.

Eine WHO-Expertengruppe hat im Frühjahr 2021 einen natürlichen Ursprung des Coronavirus als sehr wahrscheinlich bezeichnet und die Hypothese verworfen, das Virus könnte im Labor manipuliert und entfleucht sein. Da aber die USA (und eine Reihe weiterer Staaten) Druck auf die WHO ausübten und darauf bestanden, dass auch die Entfleuchungshypothese nicht vom Tisch gefegt werden sollte, sicherte der WHO-Generalsekretär daraufhin öffentlich zu, dass beide Hypothesen weiter verfolgt werden sollten. Die G 7 forderten auf ihrem jüngsten Treffen ebenfalls die Klärung des Urspungs des Virus.

Die Haltung der USA in der WHO war äußerst verwirrend, denn in den USA wurde die Entfleuchungshypothese seit 2020 als eine (republikanische) Verschwörungstheorie angesehen. Sie wurde deshalb durch soziale Medien zensiert und Fauci, der einem natürlichen Ursprung das Wort redet, galt als „Mann der Wissenschaft“.

Im Mai 2021 änderte sich allerdings die öffentliche Diskussion zum Ursprung der Pandemie in den USA radikal. Mittlerweile gilt die Hypothese, das Virus könnte in einem Labor kreiert und von dort entfleucht sein, als legitimes Untersuchungsobjekt. Selbst Fauci hält inzwischen ein solches Szenario für zumindest untersuchungswürdig.

Diese Kehrtwende in der amerikanischen Diskussion war nur möglich, weil weder Zensur noch öffentliche Abstrafung als „Verschwörungstheoretiker“ mediale und wissenschaftliche Neugier verhinderten.

Zunächst deckten (konservative) US-Medien auf, dass die USA an der Finanzierung von Corona-Virus-Forschungen in Wuhan beteiligt waren und Fauci davon wusste. Dann erklärte der ehemalige Direktor der CDC (Centers for Disease Control and Prevention) im März 2021, er vermute einen Laborunfall. Den Stein brachte schließlich jedoch der ehemalige Wissenschaftsjournalist der NYT, Nicola Wade, ins Rollen. In einem langen Artikel im Bulletin of Atomic Scientists beleuchtete er das Für und Wider beider Hypothesen und bezeichnete schließlich den natürlichen Ursprung als die unwahrscheinlichere. Er betonte unter anderem, dass der prominente Advokat eines natürlichen Ursprungs, Peter Daszak, nicht nur keine Beweise für seine entsprechenden Versicherungen hatte, die der Lancet veröffentlchte, sondern auch noch in einen Interessenkonflikt verwickelt war. Daszak hatte öffentliche Forschungsgelder, die vom NIH (National Institutes of Health) kamen, nach China (und in weitere asiatische Länder) geschleust. Auch das US-Verteidigungsministerium hat Peter Daszaks Einrichtung massiv gefördert, wobei unklar ist, ob auch Forschungen an Corona-Viren in Wuhan gefördert wurden. Fauci besteht darauf, dass in Wuhan keine Gain-of-function-Forschung an Corona-Viren mittels US-Geldern betrieben wurde. Aber auch das ist umstritten. Der US-Wissenschaftler Richard Ebright erklärte, Gain-of-function-Forschung sei 2019 beauftragt worden.

Natürlich ist es hochpolitisch, wenn US-Forschungsförderung im Ausland, ob in Wuhan oder anderswo, oder wenn Labormanipulationen gefährlicher Viren plötzlich ins öffentliche Scheinwerferlicht geraten.

Das alles fasste ein Artikel der eher linksliberalen Vanity Fair vom 3. Juni 2021 zusammen. Er zeichnete ein vernichtendes Bild eines amerikanischen Schweigekartells zu den Ursprüngen der Pandemie. Laut Vanity Fair sollte über Gain- of-function-Forschung Schweigen bewahrt werden. Niemand sollte diese „Büchse der Pandora“ öffnen. Zudem führte die politische Ablehnung von Trump, der China die Verantwortung für die Pandemie in die Schuhe schieben wollte, dazu, dass seine Gegner sofort auf Oppositionskurs schalteten und das Denken einstellten. Drittens legt der Artikel nahe, dass eine weltweite Öffentlichkeit über ein manipuliertes Virus, dass mittlerweile mehr als 3,5 Millionen Tote verursachte, einen Supergau für die Zukunft der Forschungsarbeiten in Bio-Laboren bedeuten würde. Forschungsgelder könnten gestrichen werden, mit dramatischen Folgen für jene, die sich solchen Forschungen verschrieben hatten.

Glaubt man Vanity Fair, wird Gain-of-function-Forschung in North Carolina, in Texas und in Wuhan betrieben. Ein US-Standort jedoch fehlte: Fort Detrick in Virginia, das namhafte Biowaffenlabor der USA. Wenn schon zivile Forschung meint, potentiell gefährliche Viren verschlimmbessern zu müssen, um sich besser gegen gefährliche Viren rüsten zu können, ist es dann vorstellbar, dass dieses Denken vor dem militärischen Forschungsbereich Halt machte? Ist das das berühmte Wespennest, in das niemand, laut Vanity Fair, stechen sollte?

Die Diskussion zu den Ursprüngen der Pandemie legte bisher vor allem eines offen: Es gibt global keine Transparenz und schon gar keine verbindlichen ethischen Normen und Standards hinsichtlich gefährlicher Forschungen an Viren. Tatsache ist, dass heute niemand weiß, wer wo Gain-of-function-Forschungen betreibt und wer sie finanziert. Das gilt auch für die EU.

Das zeitweise Memorandum der Obama-Administration aus dem Jahr 2014, Gain-of-function-Forschungen auf Eis zu legen, wurde kurz vor der Amtsübergabe an Trump abgeschafft. Fauci ist ein ausgesprochener Befürworter von Gain-of-function-Forschungen. Im Ethik-Kodex der EU fehlt ein Verbot dieser Art von Forschung.

Obwohl vieles auf Wuhan als Ausgangspunkt der Pandemie hindeutet, ist es möglicherweise sehr viel verzwickter. Im Sommer des Jahres 2019 trat in der Umgebung von Fort Detrick, Virginia, eine mysteriöse Lungenkrankheit in zwei Altersheimen auf, die einige Bewohner das Leben kostete. Die Erkrankungsursache wurde nie öffentlich. Fort Detrick wurde damals wegen Sicherheitsmängeln geschlossen. Presseberichten 2020 zufolge hatten zudem italienische, französische und spanische Wissenschaftler die Präsenz des aktuellen Corona-Virus im Blut beziehungsweise im Abwasser festgestellt, noch bevor die Pandemie offiziell Europa erreichte. Drei Mitarbeiter des Laboratoriums von Wuhan erkrankten im Herbst 2019. Zudem haben Experten inzwischen eingeräumt, dass die Vorstellung, aus einem Hochsicherheitslabor könne nichts entfleuchen, nichts mit der Wirklichkeit zu tun hat. Viren, die Atmungsorgane befallen, gelang dies offenbar wiederholt.

Das alles macht die erfolgreiche Suche nach dem Ursprung der heutigen Pandemie noch wichtiger. Damit sie gelingt, muss sie aus der Rivalität der Großmächte herausgehalten werden und strikt wissenschaftlichen Erwägungen folgen. Es muss allein darum gehen, wie verhindert werden kann, dass Pandemien die Zukunft der Menschheit prägen.

Darüber hinaus braucht es eine breite öffentliche Debatte, wieviel Risiken die biologische Forschung grundsätzlich eingehen darf, ob sich die Menschheit bei gefährlichen Erregern Gain-of-function-Forschung „leisten“ möchte. Es braucht zudem starke internationale Kontrollmechanismen auf dem Gebiet der Biowaffenforschung, die immer noch fehlen. Deshalb muss auch in Deutschland die Antwort auf den Tisch, ob irgendwo in unseren Laboren an gefährlichen Viren herumgebastelt wird. Aber wer wird die Frage stellen?