Weimars Schatzhaus der Moderne

von Wolfgang Brauer

Wer erleben möchte, wie heruntergekommen sich deutsche Baukultur gegenwärtig präsentiert, muss nicht unbedingt den Weg nach Berlin suchen. Eine Stippvisite in Weimar genügt. Immerhin ist die Klassikerstadt zugleich Geburtsort der baulichen und gestalterischen Moderne in Deutschland. Die Namen Henry van de Velde und Walter Gropius stehen für diesen grandiosen Aufbruch. Aber der Ort, an dem das neue Bauhaus-Museum Weimar steht, gehört wohl zu den missratensten Stadtplätzen Europas. Eingekeilt zwischen Weimarhalle – pardon, der gruslige Bau am selben falschen Fleck wie sein Vorgänger nennt sich „congress centrum weimarhalle“ – und den Bauten des „Gauforums Weimar“ hat es das von Heike Hamada in Zusammenarbeit mit Benedict Tonon realisierte und nach zweieinhalbjähriger Bauzeit (inklusive Museumseinrichtung!) am 5. April 2019 eingeweihte Gebäude leidlich schwer sich zu behaupten. Aber wir durchqueren tapfer diesen marktwirtschaftlich pervertierten Triumph nationalsozialistischer Stadtplanung – aus der „Halle der Volksgemeinschaft“ wurde das Shopping-Center „Weimar Atrium“, das passt … – und stehen vor einem gigantisch anmutenden Betonquader. Ein Sarkophag, in den das Bauhaus-Erbe eingesargt wurde, oder eher ein Schatzhaus, das mit seiner engen Pforte signalisiert, dass Unberufene hier nichts zu suchen haben?

Das Entree verblüfft. Anstelle weitschweifiger Erklärungen über Sinn und Absichten und zeitgeschichtlichen Hintergrund des Ausgestellten, mit denen andere Häuser ihre Besucher tyrannisieren, stößt man auf eine Collage aus Fotos, bildkünstlerischen Werken und Filmsequenzen der 1920er und 1930er Jahre unter der Überschrift „Der neue Mensch“. Natürlich sind die kulturpädagogischen Ansätze des Bauhauses – ebenso wie die vorhergehenden Reformbewegungen – ohne diese Visionen undenkbar. Mit großer Verblüffung stellt man dann fest, dass sich die idealtypischen „Textilarbeiterinnen“ (1927) des sowjetischen Malers Alexander A. Deineka durchaus in einen ideengeschichtlichen Zusammenhang mit Wilhelm Pragers Film „Wege zu Kraft und Schönheit“ (1925) stellen lassen und letztlich das Lebensborn-Heim Hurdal Verk (Norwegen) hier absolut nicht als Fremdkörper erscheint. Anstelle auf die futuristischen Sequenzen von Jakow Protasonows „Aelita“-Verfilmung (1924) hätte auch auf Fritz Langs „Metropolis“ (1927) verwiesen werden können. Es ist dieselbe Sauce.

Dann Peter Kelers „Wiege“ (1922). Ein Blickfang – und angewandter Kandinsky –: „Der Kreis ist blau“. Das scheinbar Spielerische der in Weimar praktizierten Gestaltungslehre gehorcht einem strengen Formelkanon. „Drei Tage in Weimar und man kann sein Leben lang kein Quadrat mehr sehen“, lästerte Paul Westheim, der große Förderer der Moderne in Deutschland. Auch wenn die Dominanz technischer Fragen im Vorkurs erst 1923 von László Moholy-Nagy durchgesetzt wurde und dessen Begründer Johannes Itten noch stark auf Subjektivität und individuelles Empfinden setzte, sind die ausgestellten Arbeiten – die der Meister und die der Schüler! – von großer formaler Strenge gekennzeichnet. Aber auch hier sind Entwicklungen zu sehen. Die beeindruckenden Entwürfe Walter Determanns für die geplante Bauhaus-Siedlung Weimar (1920) sind zumindest in einigen architektonischen Details der Fassadengestaltung noch von der Landhausarchitektur der Zeit um 1900 beeinflusst. Das dann 1923 anlässlich der großen Weimarer Bauhausausstellung – die auf beeindruckende Weise in der Ausstellung dokumentiert wird – errichtete „Haus Am Horn“ (Georg Muche) nimmt viele Grundideen auf und ist doch etwas gänzlich Anderes, vollkommen Neues.

Ein Haus sicherlich für einen sehr individuellen und zudem zahlungskräftigen Geschmack. Dagegen sind es die im zweiten Obergeschoss präsentierten Baukasten-Pläne von Walter Gropius für ein ganz den jeweiligen Bedürfnissen angepasstes Wohnen, die sich von der Grundanlage her durchaus für den industriellen Wohnungsbau eignen. Als Beispiel für die bis in das kleinste Detail gehende funktionale „Durchgestaltung“ der Innenräume sind Margarete Schütte-Lihotzkys „Frankfurter Küche“ (circa 1928) und die Kinderzimmermöbel für das „Haus Am Horn“ (dort steht eine moderne Replik) nach den Entwürfen von Alma Buscher und Erich Brendel zu sehen. Letztere wirken im Vergleich zu heutigen Serienmöbeln absolut bescheiden – sind aber erstaunlich wandlungsfähig. So lässt sich ein Schrankelement als Puppentheaterbühne verwenden. Julia Feiningers Handpuppen zu „Märchen aus dem Morgenland“ (1925) sind zauberhaft schön! Allerdings sind die nicht für das Kinderzimmer bestimmt.

Und natürlich erfährt die umfangreiche Kollektion Jenaer Glases (hauptsächlich Entwürfe von Wilhelm Wagenfeld und Gerhard Marcks) eine angemessene Präsentation. Auf leise Art wird damit übrigens der gern gepflegten Legende widersprochen, „die DDR“ habe mit den Gestaltungsideen des Bauhauses nichts am Hut gehabt. Die ausgestellten Glas-Arbeiten der 1960er Jahre stammen aus dem VEB Jenaer Glaswerk und dürften sich noch in so manchem ostdeutschen Haushalt finden lassen. Überhaupt sind die besten Leistungen des DDR-Designs – Ignoranten verbinden das immer noch fast ausschließlich mit Plaste-Eierbechern – ohne die Vorarbeiten der Bauhäusler nicht zuletzt aus dessen Weimarer Periode undenkbar.

Konsequent stellen die Weimarer Museumsleute am Ende des Ausstellungsrundgangs die Frage „Was bleibt?“ Es bleibt natürlich ein beeindruckender Fundus an Gestaltungsideen des Bauhauses, mit deren Fülle die Besucher konfrontiert werden. Darunter Ikonen der Moderne. Für mich überzeugende Antworten liefern aber auch die beiden Porzellangestalterinnen Laura Straßer mit ihrer Arbeit „Milchmomente“ (2006) und Lara Luetke mit der zarten Porzellanschale „Milano“ (2016). Es ist die Methode, mit der um die dem Material und der späteren Nutzung adäquate Form gerungen wird. Die bleibt. Die Berlinerin Straßer lässt die „Milchmomente“ übrigens im thüringischen Reichenbach herstellen und arbeitet auch sonst eng mit anderen Manufakturen des Freistaates zusammen. Lara Luetke hat in Weimar das Label „LL-Design“ gegründet.

Und der „neue Mensch“? Verlässt man das dritte Obergeschoss und betritt das beeindruckende Treppenhaus, befindet man sich vor einem der wenigen Fenster des Gebäudes. Direkt in der Blickachse liegt der Glockenturm der Gedenkstätte Buchenwald. Fast zum Greifen nah. Alles hängt mit allem irgendwie zusammen. In diesem Falle aber nicht zufällig. Nachdenklich verlasse ich das Haus und ärgere mich zum wiederholten Male über das liebevoll sanierte „Gauforum Weimar“.

Bauhaus-Museum Weimar, Stéphane-Hessel-Platz 1, 99423 Weimar, außer dienstags täglich von 9.30 Uhr bis 18.00 Uhr.