Was ist ein Rassist?

von Stephan Wohanka

Metalog nennt George Bateson Geschichten, in denen Vater und Tochter in Dialogform über schwierige Themen sprechen.

Tochter: Was ist ein Rassist?

Vater: Wie kommst du denn auf so eine Frage?

T: Das sage ich gleich. Aber gib mir erst einmal eine Antwort.

V: Ein Rassist ist ein Mensch, der sagt, dass es verschiedene Menschenrassen gibt, und die Menschen danach beurteilt, welcher Rasse sie vermeintlich angehören.

T: Was meinst du mit vermeintlich?

V: Vermeintlich deshalb, weil es keine Menschenrassen gibt. Die Beurteilung nach Rassen ist Quatsch. Und nun sag mir, wie kommst du zu der Frage?

T: Wir haben ein neues Mädchen in der Klasse und die sagt, es gibt viele Rassisten.

V: Wie kommt sie auf diese Idee?

T: Sie sagt, ihr Papa hat das gesagt

V: Aha, jetzt verstehe ich deine Frage. Wie heißt das Mädchen?

T: Haydée; aber warum verstehst du erst jetzt meine Frage?

V: Weil gerade viel über Rassisten oder Rassismus gesprochen wird, auch unter Erwachsenen.

T: Und ist das gut?

V: Ja, schon. Rassismus ist nämlich etwas ganz Böses. Jeder Mensch, egal aus welchem Land er kommt oder welche Hautfarbe er hat, ist gleich viel wert und hat das Recht, so zu leben wie wir. Wer jemanden mit anderer Hautfarbe nur deswegen schlägt, muss hart bestraft werden. Hat Haydée gesagt, wer ihr Papa und ihre Mama sind?

T: Ja, ihr Papa kommt aus Afrika. Dort haben Menschen eine dunkle Hautfarbe, hat Frau Kurz gesagt.

V: Frau Kurz?

T: Ja, unsere neue Lehrerin.

V: Da hat Frau Kurz recht. Ganz, ganz früher hatten alle Menschen eine dunkle Hautfarbe; als alle in Afrika lebten. Aber nicht alle blieben dort, sie wanderten umher und als sie dann hierher kamen, wurde ihre Haut immer heller. Das hat mit der Sonne zu tun.

T: Also – es gibt keine Rassen, nur Menschen mit unterschiedlicher Hautfarbe. Warum weiß der Rassist das nicht?

V: Weil er noch alte Vorstellungen hat, nach denen es unterschiedliche Menschenrassen gibt.

T: Was heißt alte Vorstellungen? Haben sich die Menschen einfach ausgedacht, dass es Rassen gibt?

V: Nein, so einfach ist das nicht. Schon in der Bibel, die du ja kennst, verflucht Noah, der alle Tiere und Menschen mit seiner Arche vor der Sintflut rettete, seinen Sohn Ham und sagt, dass dessen Söhne Sklaven werden sollten …

T: Von Sklaven habe ich schon gehört. Die waren auch alle schwarz.

V: Das stimmt so nicht, aber die allermeisten Sklaven waren tatsächlich schwarz oder dunkelhäutig. Sie wurden aus Afrika verschleppt.

T: In „Fipps der Affe“ steht mal schwarzer Mann, mal Neger.

V: Neger sagt man heute nicht mehr, weil es die Menschen mit dunkler Hautfarbe beleidigt.

T: Das hat Frau Kurz auch gesagt. Sie hat vom N-Wort gesprochen und da haben wir gefragt, was ist das für ein Wort. Und dann hat sie doch einmal Neger gesagt und wir haben es verstanden. Wie kann man über etwas sprechen, ohne es auch zu sagen?

V: Da hattet ihr völlig recht. Wie soll man erklären, warum ein Wort nicht mehr gesagt werden darf, wenn man das Wort zur Erklärung nicht noch einmal wiederholen darf. Das begreift keiner. Habt ihr auch schon darüber gesprochen, wie dunkelhäutigen Menschen genannt werden wollen?

T: Noch nicht. Das will uns Frau Kurz in der nächsten Stunde erklären.

V: Dann kann ich dir das schon sagen – sie möchten Schwarze genannt werden.

T: Haydée sieht aber gar nicht schwarz aus. Ihre Haut ist hellbraun; so wie meine im Sommer.

V: Ich glaub aber, dass du sie schwarz nennen solltest. Das wäre korrekt.

T: Ich bin weiß und sie ist schwarz – das ist doch wie Tag und Nacht; so richtig gegensätzlich.

V: Meinst du?

T: Ja. Mama und du, ihr habt immer gesagt, dass man nicht alles alles schwarz-weiß sehen soll; das ist so wie gut und böse und nichts dazwischen.

V: Wenn die Schwarzen das aber selber so wollen … Das sollte man respektieren.

Pause …

T: Ich hab das verstanden, aber trotzdem: Haydée ist schwarz, aber sie spricht wie ich, die kichert wie ich, wenn der Hussein und der Fabian dumme Witze machen; das ist doch künstlich, dass sie anders sein soll als ich.

V: Ich verstehe, was du meinst … Man sollte die Menschen danach beurteilen, was sie können und tun, danach, ob sie gut zusammenarbeiten können oder ob sie stänkern und nicht danach, ob sie anders aussehen oder ob sie – wie eben die Rassisten sagen – zu einer anderen Rasse gehören. Was aber eben nicht stimmt … darüber hatten wir ja schon gesprochen.

T: Das machen wir doch! Der Hussein ist zwar vorlaut und macht Witze, aber alle wissen, dass er der Beste in der Klasse ist.

V: Hussein?

T: Ach, Papa. Jeden Tag fragst du, wer das ist. Habe ich dir schon x Mal gesagt – der ist auch neu in unserer Klasse. Und sein Opa und seine Oma sind mal aus der Türkei gekommen.

Am nächsten Tag …

T: Du, Papa. Frau Kurz hat uns heute auch erklärt, dass Menschen mit dunkler Hautfarbe Schwarze genannt werden wollen. Und da haben dann einige gelacht und gesagt, dass die Schwarzen doch gar nicht richtig schwarz sind.

V: Und was hat Frau Kurz geantwortet?

T: Sie hat gesagt, dass diese Menschen das persönlich so wollen; ob uns anderen das gefällt oder nicht. Wie du schon gesagt hast …

V: Freut mich, dass ich mit Frau Kurz übereinstimme.

T: Sie hat auch noch gesagt, dass man das Wort Mohr auch nicht mehr sagt und dass es früher Mohrenköpfe gegeben hat, die jetzt Schokoküsse heißen.

V: Als ich so alt war wie du jetzt, nannte man die Schokoküsse noch Mohrenköpfe. Weil sie mit dunkler Schokolade überzogen waren. Und sie schmeckten schön süß, weil viel Zucker drin war.

T: Wusstest ihr denn damals, was Mohren sind?

V: Eigentlich nicht; Mohrenköpfe waren eben Mohrenköpfe, die dein Onkel und ich uns als Belohnung kaufen durften, wenn wir für unsere Oma einkaufen gingen. Wir aßen auch gerne Amerikaner, flache, runde Kuchen mit viel Zuckerguss.

T: Darf man heute noch Amerikaner sagen? Das sind doch eigentlich auch Menschen?

V: Das weiß ich nicht. Ich kaufe heute weder das Eine, noch das Andere; da ist mir zu viel Zucker drin.

T: Das ist also so: Wie ich Luise heiße, so hießen diese Kuchen eben Mohrenkopf oder Amerikaner?

V: Ja. Es gibt einen berühmten Philosophen – weißt Du, was Philosophen sind?

T: Nicht genau. Denken die nicht den ganzen Tag lang nach?

V: Gar nicht so falsch. Philosophen fragen sich tatsächlich, wie wir denken, wie wir zu Erkenntnissen über uns und die Welt kommen und in unserem Falle fragen sie sich, was Sprache sagt.

T: Sprache sagt? Klingt aber komisch.

V: Warte ab. Dieser Philosoph sagt – ich habe es gerade nachgesehen: „Jedes Wort hat eine Bedeutung. […] Sie ist der Gegenstand, für welchen das Wort steht.“ Das heißt, dass jedes Wort die Bedeutung hat, die wir ihm geben, so wie wir es heute verstehen. Es hat nicht mehr die Bedeutung, die es traditionell hatte oder in einer anderen Sprache.

T: Hm. Versteh ich nicht.

V: Ich gebe dir ein Beispiel – obwohl, du weißt, die hinken alle ein bisschen. Ich habe immer mal von Chile erzählt, wo ich ein paar Jahre gelebt habe. Dort spricht man Spanisch mit gewissen Eigenheiten; ich musste die Sprache dort lernen. Für Erwachsene ist das viel schwieriger als für Kinder. Ein Kind hört, wie die Eltern sprechen, es plappert nach und ganz peu a peu wächst es in seine Muttersprache hinein. Ein Erwachsener muss Vokabeln lernen und sucht dabei nach Worten und Begriffen, die er schon weiß. So bei „al tiro“, was chilenisch „sofort“ bedeutet. Ich kannte das Wort „tiro“ und das heißt „Schuss“. Eigentlich bedeutet „al tiro“ „auf den Schuss“. Als ich Chilenen fragte, wieso „auf den Schuss“ „sofort“ bedeutet, verstanden sie mich erst nicht – „al tiro“ heißt eben „sofort“, basta! Dann kam heraus, dass früher auf den großen Ländereien die Arbeiter weit verstreut arbeiteten und wenn man sie zusammenrufen wollte, wurde in die Luft geschossen; und das hieß: Wir müssen uns sofort versammeln. Jetzt habe ich aber weit ausgeholt …

T: Jetzt verstehe ich dich und den Philosophen – ihr sagt, dass Worte das sagen, was wir heute darunter verstehen und nicht, was die Menschen früher einmal darunter verstanden. Kein Kind in Chile denkt mehr nach, wenn es „sofort“ sagt, dass da mal ein Schuss gemeint war.