23. Jahrgang | Nummer 8 | 13. April 2020

Totalitarismus und kulturelle Elite

von Stephan Wohanka

Hannah Arendt sprach 1955 davon, dass totalitäre Bewegungen wie der Nationalsozialismus auf künstlerische und geistige Eliten hohe Anziehungskraft ausübten. Arendt formulierte ihre These in Kenntnis dessen, was der Nationalsozialismus für sie persönlich – als Jüdin emigrierte sie nach kurzzeitiger Inhaftierung durch die Gestapo 1933 aus Deutschland – und auch für die Welt – „Auschwitz“ – bedeutete. Irritierend, verstörend, unbegreiflich: Wird nicht Künstlern und Literaten Gesellschaftskenntnis und humanistische Sensibilität zugeschrieben, die (Natur)Wissenschaftler aufgrund ihrer Spezialisierung und Verwicklung in „profane“ Verwertungsprozesse verloren haben? Gilt Arendts These heute noch? Diese Fragen sind gerade gegenwärtig alles andere als trivial.

Die 1920er Jahre demonstrieren tatsächlich, dass ästhetische Moderne und Nationalsozialismus keine voneinander getrennten Vorstellungswelten waren; bis hin zur Avantgarde in Literatur, Malerei, Musik und Architektur, desgleichen in Philosophie und Recht gab es einen Diskurs, der sich für totalitäre Ideen empfänglich zeigte, ja begeisterte. Es kam dabei zu einem für diese Moderne charakteristischen Rückgriff auf vormoderne, romantische, ja archaische Sichtweisen, Denk- und Sprachmuster. Gilt das immer noch oder ist es wieder gültig?

Was die Bundesrepublik angeht, so kokettierten traditionsbeflissene Intellektuelle wie Armin Mohler (1920–2003) und Gerd-Klaus Kaltenbrunner (1939–2011) schon bald mit der Konservativen Revolution der Weimarer Republik, die ihrerseits von Autoren wie Ernst Jünger und Carl Schmitt geprägt war; Säulenheilige der Nachkriegs-Rechten. Auch Kaltenbrunner befürwortete eine „Kulturrevolution von rechts“, vertrat allerdings im Vergleich zu Mohler einen gemäßigten Konservatismus, der sich auch an das liberal- respektive christlich-konservative Bürgertum richtete. Diese Generation rechter Denker schrieb und publizierte, wobei das, was sie schrieb, von der Öffentlichkeit durchaus lebhaft rezipiert wurde, Ohne Internetmedien war den Debatten jedoch nicht die aggressive Polemik eigen, die heute gang und gäbe ist.

Im Folgenden geht es weniger um chronologische Abfolgen, sondern um Stichworte, ihre Geber, um Bezüge …

Lothar Fritze, Philosoph und Mitarbeiter des Hannah-Arendt-Instituts für Totalitarismusforschung (!) in Dresden, ließ sich über „Die Moral der Nationalsozialisten“ aus. Eine Rezensentin – „promovierte Philosophin und dreifache Mutter“ – fragt in der Sezession: „War der NS Ausdruck von zu viel oder von zu wenig aufklärerischer Rationalität? Der Autor konstatiert, daß Täter mit gutem Gewissen glaubten, daß es geboten war, moralische Grundnormen zu verletzen. Das klingt kopflastig.“ Mit gutem Gewissen, kopflastig? Ziemlich deutlich wird so dem Eindruck Vorschub geleistet, dass man den verdrängten deutschen Irrationalismus durch das Wirken der Zeit – Fritzes Buch erschien 2019 – als entgiftet wieder glaubt genießen zu können. Es ist ein Anknüpfen an diejenigen hausgemacht-deutschen Traditionen, die sich als am wenigsten faschismusresistent erwiesen haben.

2005 noch fand es ein Autor angebracht, mit Gemeinplätzen, gar Stammtischparolen anstelle moralphilosophischer Spekulationen zu argumentieren: Da sind wir Deutschen doch einem „skrupel- und bindungslosen Hochstapler“ aufgesessen, der „kein Deutscher (war)“, vom „Dämon“ ist auch die Rede; sind also unverschuldet und ahnungslos in einen „großen Kladderaddatsch“ geraten. Elaborierter machte er dann doch aus, dass „die Nazis das Ausmaß ihrer Verbrechen bis zum Schluss verschleiern und an Anstand und Kultur bis zuletzt appellieren (mussten)“. Der Autor ist der damalige Bundesverfassungsrichter Udo di Fabio; sein Werk heißt „Die Kultur der Freiheit“. Das Feuilleton erkannte darin ein „kulturelle(s) Manifest für Deutschland.“ Für welches Deutschland? Klar ist eines: Adolf der Verführer war‘s, das deutsche Volk ist exkulpiert und das Nazitum war zuvörderst eine kulturelle Veranstaltung. Björn Höckes Forderung nach einer „erinnerungspolitische(n) Wende um 180 Grad“ ist nur die bündige Zusammenfassung dessen, was di Fabio vordachte; Alexander Gaulands „Vogelschiss“ ist die eingängige Variante desselben Gedankens.

Je weiter in der Zeit, desto deutlich vernehmbarer wurden wieder die Denk- und Sprachmuster „raunenden Geschweife(s) und Geschwefel(s)“ (Manfred Frank). Marc Jongen, heute wahlweise Vordenker oder „Parteiphilosoph der AfD“, meinte schon vor geraumer Zeit: „Der spirituelle Standpunkt ist der einzige, von dem aus ein Ausweg aus der gegenwärtigen Krise der Menschheitsentwicklung sich zeigen kann, der einzige, von dem aus eine grundlegende Erneuerung unseres Wissens, unserer Kultur und Gesellschaft – nämlich im Sinne der Wiederherstellung des Uralten – möglich ist.“ Das Spirituelle, das Uralte – wo danach suchen? Götz Kubitschek hilft weiter. Er verortet das Deutschsein mit einer „Sehnsucht nach dem Totalen, nach dem Risslosen, nach Etzels Saal, nach dieser Treue bis in den Tod, die eben nicht ausweicht, um weiterzuleben, sondern stehenbleibt, bis es nicht mehr geht.“ Aha, Etzels Saal; das Nibelungenlied scheint auf. Kaum war es wieder verbreitet, umkränzten es die Seinerzeitigen mit chauvinistischen Phrasen. Der Germanist Friedrich Heinrich von der Hagen feierte 1807 den „unvertilgbaren Deutschen Karakter“, der aus dem Epos spräche: „Gastlichkeit, Biederkeit, Redlichkeit, Treue und Freundschaft bis in den Tod … übermenschliche Tapferkeit, Kühnheit und willige Opferung für Ehre, Pflicht und Recht.” Wüsste man´s nicht besser, man könnte meinen, Kubitschek und von Hagen hätten voneinander abgeschrieben. Skrupellos missbrauchte Hermann Göring den germanischen Heldenkult: Als im Januar 1943 die 6. Armee vor Stalingrad verblutete und erfror, empfahl er den Eingekesselten das Gemetzel der Nibelungen als Vorbild: „Auch sie standen in einer Halle von Feuer und Brand und löschten den Durst mit eigenem Blut – aber sie kämpften und kämpften bis zum letzten.“ Prosaischer beschrieb Joachim Fest in seiner Hitler-Biografie diese Lust zum Untergang als „unwiderstehlich treibendes“ Lebensmotiv einer in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ausgebildeten „Todesenergie“. Hitlers Weltbild war „erfüllt von germanischen Untergangsstimmungen und dem Rausch der Katastrophe, süchtig gleichsam nach Götterdämmerungen.“

Erinnert dieses Tremolo, dieses Sprechen in „Erhabenheitsformeln einer radikalisierten Spätromantik“ nicht bis in Begrifflichkeiten hinein an die elitär-völkischen, morbiden Wahnwelten eines Botho Strauß, ist das nicht die „Remythisierung unserer Lebenswelt“ (Klaus Dermutz), die Suggestion einer deutschen Wesensart, die es so gar nicht gibt? Und ob es sie überhaupt jemals gab? Strauß jedenfalls hat „manchmal … das Gefühl, nur bei den Ahnen noch unter Deutschen zu sein. Ja, es ist mir, als wäre ich der letzte Deutsche. […] Der letzte Deutsche, dessen Empfinden und Gedenken verwurzelt ist in der geistigen Heroengeschichte von Hamann bis Jünger, von Jakob Böhme bis Nietzsche, von Klopstock bis Celan. […] Ich möchte lieber in einem aussterbenden Volk leben als in einem, das aus vorwiegend ökonomisch-demografischen Spekulationen mit fremden Völkern aufgemischt, verjüngt wird, einem vitalen“, so in einem Essay „Der letzte Deutsche“.

Noch einen Zug scheint die heutige intellektuelle Rechte von der Postmoderne der 20er Jahren zu übernehmen: Die Notwendigkeit des differenzierenden Details, der Nuance wird aufgegeben zugunsten einer Tendenz zur Entdifferenzierung komplexer Gegenstände oder Sachverhalte, einer Neigung zum Gebrauch des Kollektivsingulars wie „das“ Volk, „der“ Deutsche, „der“ Ausländer, „der“ Jude. Diese Gegenstände werden zwar in der öffentlichen Debatte mit im Ungefähren bleibenden Inhalten befrachtet – man denke nur an „das“ Volk –, kaum aber argumentativer Schweiß zu ihrer Erklärung vergossen. Jede und jeder kann dem Inhalt entnehmen, was gerade passt; der geistige Horizont der „Entnehmenden“ spielt dabei eine nicht geringe Rolle.

Alles Glasperlenspiele? Mitnichten! Zumal diese „Spiele“ heute dank der Internetmedien in einer Weise in die Debatte eingespeist werden, die ihre politische Virulenz gegenüber früher x-fach verstärkt. Und soweit die „Spieler“ nicht selbst politische Aktivisten sind, bricht eine Partei diese für das breite Publikum unverdaulichen „Etzelsäle“ und „Heroengeschichten“ ins Populistisch-Völkische herunter und macht sie so politiktauglich. Um auch einmal den Bildungsbürger mit kleinem Latinum zu geben: Principiis obsta, sero medicina paratur. (Tritt den Anfängen entgegen, das Heilmittel kommt sonst zu spät.)