23. Jahrgang | Nummer 1 | 6. Januar 2020

Liebermanns letzte Briefe

von Hartmut Pätzke

Zu den Besonderheiten der Briefe Max Liebermanns gehört, dass allein die von ihm mit der Hand geschriebenen Briefe authentisch sind. Die Briefe, die zu Alexander Amersdorffer, seit 1910 Erster ständiger Sekretär der Akademie der Künste, gelangten, hat dieser oft versucht zu glätten, zu entschärfen. Liebermann hat das nicht in jedem Fall akzeptiert. Briefe, die Liebermann erreichten, hat der Adressat überwiegend wohlwollend aufgenommen und mit Dankesworten bedacht.
Zu den angenehmen Pflichten des Akademiepräsidenten MaxLiebermann gehört im Februar 1927 die Bekanntgabe der in die Akademie gewählten Mitglieder: Peter Behrens, Paul Schmitthenner, Bernhard Pankok, Arnold Schönberg, Paul Hindemith und Léos Janacek. „Unserem verehrten Mitgliede, Thomas Theodor Heine, gratuliert er im Namen der Preußischen Akademie der Künste“ und „persönlich“ zu dessen 60. Geburtstag. Am 28. Mai 1927 bestätigt Liebermann Edvard Munch dessen Mitgliedschaft in der Akademie der Künste.
Am 20. Juli 1927 wird Liebermann 80 Jahre alt. Die Ausstellung der Preußischen Akademie der Künste mit 100 Werken eröffnete sein Kollege Philipp Franck. Außerdem eröffnet die Kunsthandlung Paul Cassirer Mitte Juli 1927 eine Ausstellung mit 275 Handzeichnungen, die bis August zu sehen waren. Deshalb korrespondierte Liebermann mehrmals mit dem Sammler Hermann Müller in Dresden, der die größte private Sammlung seiner Zeichnungen besaß. Unter den Gratulanten nimmt Julius Elias einen besonderen Platz ein mit einem Artikel im Uhu, den Liebermann als „vorzüglich“ bewertet. In Die Neue Rundschau erschien im Juli 1927 noch eine Würdigung Liebermanns von Elias, die er selbst wohl nicht mehr gelesen haben wird, da er bereits am 6. Juli 1927 überraschend gestorben ist. Liebermann schreibt der Witwe Julie Elias, dass er „durch 40 Jahre in enger Freundschaft“ mit ihm verbunden war.“ An den Dresdner Sammler Oscar Schmitz richtet er am 9. Juli 1927 Dankesworte für „die ebenso köstliche wie kostbare Sendung aus Ihrem Keller“ und weiter fährt er fort: „Auch Sterl war da, überhaupt eine ganze Reihe von Museumsleuten, ja sogar Dr. Warthmann aus Zürich. Überhaupt werde ich seit 5, 6 Wochen geradezu überschüttet mit Zeichen der Verehrung: und nicht nur der französische Botschafter, der von der Sowjet-Republik u der türkische, schwedische …“ Reichspräsident Paul von Hindenburg, Liebermann hatte ihn portraitiert, sandte ihm ein Schreiben und verlieh ihm den „Adlerschild des Deutschen Reiches“.
Mit Gerhart Hauptmann, zu dessen 65. Geburtstag Liebermann „in alter Freundschaft und Verehrung“ gratulierte, stand er, auch nachdem dieser sich entschlossen hatte, 1928 Mitglied der Sektion Dichtkunst zu werden, zu dessen 70. Geburtstag, „unzertrennlich“. Besonders herzlich war das Verhältnis zwischen Liebermann und Olaf Gulbransson, den allein er mit Olaf ansprach, wenn es auch beim Sie blieb. Zu Auseinandersetzungen zwischen Liebermann und Ludwig Justi führten die Vorbereitungen für eine Slevogt-Ausstellung der Nationalgalerie anlässlich dessen 70. Geburtstages. Als Liebermann 1928 in Düsseldorf einen Staatspreis von 1000 Mark erhält, schlägt er vor, diesen an junge Künstler aufzuteilen. Zum „Ehrenmitglied der Genossenschaft bildender Künstler Wiens“ wird Max Liebermann im März 1929 ernannt. An Georg Kolbe schreibt er am 25. März 1929: „Ich glaube mich nicht zu irren, wenn ich den Kopf nach mir für den lebenssprühendsten halte unter den vielen, die Sie geschaffen haben u ich werde mich freun, wenn sie ihn in der Akademie ausstellen.“
Ein Anliegen ist es ihm, eine Gemeinschaft der Kunstfreunde zu bilden, um notleidenden Künstlern zu helfen. Zur konstituierenden Sitzung wurde am 10. Juni 1929 auch Reichskanzler Herrmann Müller eingeladen. Zur Verleihung des Nobelpreises an Thomas Mann gratuliert Max Liebermann am 13. November 1929 „,herzlichst“, wofür Thomas Mann am Tag darauf „ihnen und der akademie von herzen dank fuer guetige glueckwuensche“ sagt. Erich Büttner schlug 1930 eine Orlik-Ausstellung anläßlich dessen 60. Geburtstags vor, zu der Liebermann einschränkend bemerkt, dass darüber eine „bestellte Ausstellungskommission“ verfüge. Am 25. März wird er Bütter antworten, „daß die geplante Ausstellung in den Räumen der Vereinigten Staatsschulen für freie und angewandte Kunst richtiger am Platz erscheinen würde …“ Die Akademie zu reformieren, war notwendig. Dazu legt Max Liebermann einen Bericht an die Mitglieder der Reformkommission am 10. März 1930 vor.
Am 9. Januar 1931 schreibt Liebermann an Gustav Friedrich Hartlaub, dass „Unter den Künstlern, die jetzt in der Mitte ihres Lebens stehen, … Kokoschka fraglos einer der begabtesten“ ist. Im Mai 1931 wendet sich Liebermann an Alexander Amersdorffer, „daß die Arbeiten in der Sektion für die bildenden Künste durch die Abstinenz gerade der jüngeren Mitglieder, auf die die Zukunft der Kunst beruht, lahm gelegt werden. Deren Mitwirkung besonders bei den Ausstellungen ist unentbehrlich …“ Vom Brand in der Münchner Kunstausstellung 1931, waren auch drei Bilder von Max Liebermann betroffen, darunter eine Leihgabe. Emil Nolde dankt am 7. September 1931 für die Mitgliedschaft in der Akademie der Künste, am 15.September 1931 dankt Otto Dix für die Mitgliedschaft. 1932 teilt Liebermann sowohl Gottfried Benn als auch Rudolf G. Binding mit, dass sie Mitglieder der Abteilung für Dichtkunst geworden sind, Ina Seidel dankt für dieselbe „hohe Ehre“. Im Rahmen der Frühjahrsausstellung 1933 will Liebermann sich aus Anlaß von dessen 60. Geburtstages für eine Ausstellung der Werke Olaf Gulbranssons einsetzen. Als Max Liebermann 1932 angekündigt hatte, dass er das Amt des Präsidenten der Akademie der Künste mit Ablauf des Jahres niederlegen wolle, dankt ihm der preußische Kultusminister Adolf Grimme dafür herzlich. Karl Scheffler gegenüber betont Liebermann, nachdem er dessen Buch „Der neue Mensch“ erhalten hatte, dass er der „geborene Schriftsteller“ sei. An den durch Franz von Papen gestürzten Ministerpräsidenten Otto Braun schreibt Liebermann am 2. November 1932: „Eben lese ich im berl. Tageblatt, daß Hitler 35 Sitze verloren hat: was hoffentlich den Anfang vom Ende bedeutet.“ Im Oktober 1932 tritt Max Liebermann, wie angekündigt, vom seinem Posten als Präsident der Preußischen Akademie der Künste aus gesundheitlichen Gründen zurück – wird aber zugleich zum Ehrenpräsidenten gewählt.
1933 wird er noch Mitglied des Ordens „Pour le mérite“. Nachdem Käthe Kollwitz und Heinrich Mann im Februar 1933 aus der Akademie ausgeschieden sind, wendet sich Thomas Theodor Heine an Liebermann, der als Jude jedoch nicht austreten will, „wie mir schon mein Rücktritt von der Präsidentschaft als Feigheit ausgelegt worden ist.“ Alexander Amersdorffer gegenüber erklärt Liebermann aber am 7. Mai 1933: „Hiermit lege ich das Ehrenpräsidium der preuß. Akademie der Künste nieder und erkläre meinen Austritt als Senator sowie ordentl. Mitglied der Genossenschaft der Akademie“.
Seinen 86. Geburtstag am 20. Juli 1933 verlebt Liebermann „in stiller Abgeschiedenheit“. Hans Poelzig, Philipp Franck, Oskar Loerke und wenige andere gratulieren ihm. Zu einem Lichtblick wird die Bekanntschaft mit Gotthard Jedlicka, dessen Lautrec-Buch ihm ausnehmend gefällt und der einen Artikel über die Züricher Ausstellung der Werke Liebermanns geschrieben hat. Max Liebermann stirbt am 8. Februar 1935, von den Nazis verfemt und verschwiegen, in seinem Haus am Berliner Potsdamer Platz. Beigesetzt wird er auf dem Jüdischen Friedhof an der Schönhauser Allee – das Grab ist heute Ehrengrab des Landes Berlin. Karl Scheffler, den Liebermann wie erwähnt als Schriftsteller schätzte, hält die Trauerrede. Scheffler erklärt, dass mit Max Liebermann eine Epoche zu Grabe getragen werde.

Max Liebermann: Briefe. 1927-1935 . Herausgegeben von Ernst Braun, Deutscher Wissenschafts-Verlag (Schriftenreihe der Max-Liebermann-Gesellschaft Berlin e.V.) , Baden-Baden 2019, 697 Seiten, 64,90 Euro.