18. Jahrgang | Nummer 8 | 13. April 2015

Querbeet (LIV) 

von Reinhard Wengierek

Meine Fundstücke im Kunstgestrüpp: Diesmal Memorabilien der Castorf-Volksbühne in Berlin, etikettiert mit „Ibsen“, „Hospitantin“, „arbeitsscheuer Ostler“ … (Meldung aus der Berliner Kulturverwaltung: Intendant Castorf soll gehen, sein Theater müsse weiterentwickelt werden. Bleibt die Frage: von wem. Castorf hingegen will bleiben – soeben hat man ihm gnädig noch ein Jahr drauf gegeben bis 2017 – und kritisiert die Berliner Kulturpolitik als dilettantisch.)

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Rechts auf der Bühne das Büro des Intendanten mit der feinen Holztäfelung. Doch da, wo sonst das schöne, freilich längst nicht mehr provokante Stalin-Porträt hängt, klebt jetzt ein Poster, auf dem zwei nackte Mädels sich lüstern räkeln. Daneben die Duschkabine. Und links auf der Bühne die Teeküche des Chefs nebst Besenkammer, einem beliebten Ort für schnelle Abgänge, wohl auch im echten Intendanten-Dasein. Denn Volksbühnendirektor und Regisseur Frank Castorf inszenierte jetzt im Bühnenbild Bert Neumanns, das nahezu authentisch die Intendantenräume nachstellt, Henrik Ibsens selbstquälerisches Altmännerdrama „Baumeister Solness“ als grandios frivole Selbstbeschau. Als krachend sarkastischen, rührend anspielungsreichen Rückblick auf reichlich zwei Jahrzehnte Privatleben sowie die ganze Welt bewegende, hemmungslose Volksbühnenumtriebigkeit. „Viel zu privat!“, schimpft da Hilde Wangel, in die der alte Baumeister rettungslos verknallt ist. Kathrin Angerer mimt sie als nach wie vor zuckersüße Lolita. Und wenn man weiß, dass Kathi einst die große Königin von Franks Herz und Bett war, da bekommen Ibsens Redeschlachten zwischen Altmänner-Abstiegsängsten und jugendlichem Aufstiegsfuror besonders delikate Brisanz. Ja wirklich, ziemlich privat! Und auch wieder nicht! Denn Castorfs mutige Draufsicht aufs Ich (O-Ton Ibsen: Gerichtstag halten mit sich selbst) folgt nur stichwortartig Ibsen, lässt also dessen protestantisch gefärbte Selbstquälerei lax beiseite. Vielmehr zieht der nunmehr alte Knacker (63) trotz diverser Zipperleins mit praller Lebenslust und souveräner Geistesstärke über tolle alte Zeiten her. Klar, dass da zwischendurch auch mal Wehmut aufkommt. Ansonsten aber tobt vier Stunden lang (Wangel-Angerer: „Viel zu lang!“) die total überdrehte, zuweilen nervende, über weite Strecken hinreißend blödelnde Volksbühnen-Klamotte mit fleißig eingestreuten Geistreicheleien, ätzenden Sarkasmen oder überrumpelnd aufblitzenden Tiefsinnigkeiten und lakonisch eingestreuten Liebeserklärungen an all die Großen und Kleinen der Castorf-Ära – und natürlich an Franks viele tolle schöne Frauen.
Den schönen Henry Hübchen Superstar gibt’s leider nur als lebensgroße Puppe, dafür aber gleich zwei Dutzend Mal. Die prima ausgestopften Henrys hocken in der ersten Reihe und werden in alter Slapstick-Manier fleißig malträtiert von der anbetungswürdigen Sexy-Kathi und dem akrobatischen Marc Hosemann, der als toller Castorf-Solness-Hecht horizontal und vertikal (beides kriegt er hin) über die Bretter jagt bis hinauf in den Bühnenhimmel. Und auch – wie weiland Ikarus – wieder herunter. Tja, wer traut sich schon ein solch unverblümtes Selbstporträt, einen solchen mit Ironie vollgestopften Gerichtstag, eine solche Lebensbilanz voll schallendem Gelächter nebst ein paar Tränen im Adlerauge – oder in der Feinrippunterhose. Immerhin sagte schon Ibsen, Leben heiße, das Schlimme und Düstere gelassen wegstecken zu können. Castorf als eitel-freches Genie und unkaputtbare Ulknudel, die Weisheitszähne scheinen noch immer alle drin zu stecken im Großmaul. Hat er Glück gehabt! Und wir alle unsern Spaß.

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Die Volksbühnen-Regiehospitantin Annika Krump protokolliert Intendant Frank Castorf.

17. August 1992, Mitarbeiter-Vollversammlung. Castorf: „Ick weeß ja och nich, wie’s hier weiterjeht. Ick kann ja nur hoffen, det sich allet zum Juten wendet. In der DDR haben wir ja Improvisieren jelernt. Wichtig ist unsere innere Verfassung, det uns dit hier Spaß macht. Ich bitt euch, einfach mal een Jahr durchzuhalten. Ist halt ‘n Versuch. Man hat mir extra gesagt, ick soll hier Optimismus machen. Ick hoffe, det is mir jelungen.“ – Castorf danach in der Kantine: „Ick wunder mich ja, dass sie gerade mir den Posten jejeben haben. Ick weeß ja jar nich, ob Theater überhaupt Sinn macht. Etabliertes Theater is sowieso langweilig. Also ick seh keenen Sinn und rate, besonders den Jungen hier am Tisch, rate ick ab, am Theater zu arbeiten.“

Probe „Rheinische Rebellen“ 9. Juni 1992. Castorf als Regisseur: „Es muss sich aus dem freien Spiel, aus der freien Improvisation entwickeln. Wenn ihr’n Vorschlag habt, können wir och wat janz andres machen. Je mehr man denkt, desto langweilijer wird det. Ausprobieren! Wir müssen den Punkt der eigenen Schwerfälligkeit überwinden. Man darf det nich so jenau auskalkulieren, wir müssen det ausm Zufall entwickeln. Kraft aus Unordnung. Mir fällt im Moment nüscht andret ein. Tut mir leid.“

Probe „Rheinische Rebellen“ 28. August 1992. Castorf wütend: „Da seh ick eine hilflose Schauspielerin auf der Bühne rumgehen!“
Castorf hinterher zur Hospitantin: „Weeste, warum ick so arbeite? Theater is eben Arbeit. Ick will keen Studententheater machen, wo alle lieb und nett sind zueinander, aber letztlich kommt dann nüscht bei raus. Du, ick war echt jereizt durch die Dickarschigkeit der jungen Schauspielerinnen. Da muss ick uff Härte machen. Det is aber völlig normal zu dem Zeitpunkt. Und der Schmerz ist eben nötig, um jute Arbeit zu machen. Um eine Intensität, was Besonderet zu erreichen. Ick will aus den Leuten was Besonderet rausholen, um mich von anderen Theatern abzuheben. Und auf die Arbeitsweise reagiert eben jeder anders. Manche reagieren darauf auch aggressiv, messerscharf. Aber det weinerliche Getue jeht mir total uffn Geist. Und bei den jungen Schauspielerinnen nervt mich de Selbstgenügsamkeit, die Konzentrationslosigkeit. An der Volksbühne erwarten alle, dass ick der große Retter bin – aber selber verhalten sie sich wie Opfer und kriejn den Arsch nich hoch. Ick will mit wachen Leuten arbeiten. Diese psychologische Irritation ist nötig, damit die Schauspieler sich konzentrieren, sich nachher an den Schmerz erinnern und nich nachlässig werden in den späteren Aufführungen. – Und irjendwo is det och Selbsthass. Wer det nich ertragen kann, ist eben falsch am Theater.“

Annika Krump, Studentin der Literaturwissenschaft (FU) und Gasthörerin im Studiengang Kulturmanagement an der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“, kam im Juni 1992 an die Volksbühne als Regiehospitantin. Zuvor hatte sie mit Kommilitonen eine Studienarbeit über „Image und Marketing“ für die nach 1990 Neugründung der Volksbühne vorgestellt, die beim obersten Dramaturgen Matthias Lilienthal und auch bei Castorf, zu dessen Vertrauten sie alsbald gehörte, großen Eindruck machte. Krump, sie war Anfang 20, man bescheinigte ihr eine „große Schnauze“ aber auch Verantwortungsbewusstsein, Durchblick und Chaosresistenz, Krump führte damals handschriftlich Tagebuch, protokollierte Proben und schwang große Reden nicht nur in der Kantine. Neben ihrer Volksbühnenarbeit verfolgte sie eigene Pläne als Sängerin und Performerin; die Kunstfigur „Palma Kunkel, die singende Tellermine“ war ihre Erfindung, die sie alsbald eifrig im Berliner Nachtleben hoch gehen ließ. Ihr dokumentarisches Büchlein „Tagebuch einer Hospitantin. Berlin, Volksbühne 1992/93“, Alexander Verlag Berlin, gibt aufschlussreiche Einblicke ins Innenleben des frühen Castorf-Betriebs.

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Und noch mal Wühlen im Brunnen der Castorf-Volkbühnen-Vergangenheit. Anno 1996 führte mein Kollege Hans-Dieter Schütt vier Gespräche mit dem „alten arbeitsscheuen Ostler“ (O-Ton C). Das war – kleine Abschweifung – die Zeit des sensationellen Aufstiegs aus dem Fast-Nichts, die jetzt in „Solness“ wieder aufscheint, und die von der fleißigen Hospitantin und quirligen Akkordeonspielerin Annika Krump in ihrer Drucksache belichtelt und beleuchtet wird. Übrigens, Castorfs damaliger Kumpel, der später von ihm als „verkopft und verstiegen“ abgetane Dramaturg Carl Hegemann, bewunderte Annika „fast so sehr wie ich Castorf bewunderte“. Auch faszinierte ihn, „wie sie schon vom künftigen neoliberalen Lebensstil angefixt war, weshalb sie viel schneller mit der neuen Realität nach der Wende klar kam als wir schon ziemlich alten, von den Siebzigern geprägten Tagträumer“.
Zurück zu Hans-Dieter Schütt und seinem Buch mit den vier Castorf-Interviews aus der ersten Hälfte der 90er Jahre, als es lustvoll um Widerspruch (auch gegen F.C. selbst), um Dialektik, Provokation, Arroganz und (Selbst-)Ironie ging, um das „Verraten“ der Konventionen und Ordnungen. Was den Fantasieausstoß wie den Kunstbetrieb enorm anfeuerte war eine zwiefache Reibung: Einerseits verstand man sich als antikapitalistisch und war skeptisch gegenüber der Wiedervereinigung, die man als „sublime Kolonialisierung“ empfand, anderseits lehnte man die kleinbürgerlich-spießige DDR ab. Jetzt hat der Berliner Alexander Verlag die Rederei und Reiberei von damals nochmal herausgebracht und ergänzt mit einem fünften Schütt-Gespräch von heute mit dem dienstältesten Hauptstadt-Intendanten (23 Jahre).
Jetzt, zwei Jahrzehnte später, ist der Ton freilich abgeklärter, auch selbstgerechter und ein bisschen verbiestert („Was früher auf den Bühnen an Kunst und hohem Werturteil mit Wut und Wucht einherging, das ist doch nur noch bloße Erinnerung.“). Auch ist er ein bisschen bierernster als einst, da so ausführlich vom Spaß an der Kunstarbeit die Rede war, vom Spaß als „Nibelungenhaut“ der Volksbühne, die ihren Chef unverletzbar gegenüber Politik und Kritik mache. Nun warten wir, aller guten Dinge sind drei, auf den nächsten Gesprächsband, ergänzt mit einem sechsten Interview. Dann wird wohl auch Castorf (wie jetzt schon Schütt) ein flotter fleißiger Rentner sein.