21. Jahrgang | Nummer 5 | 26. Februar 2018

Querbeet

von Reinhard Wengierek

Meine Fundstücke im Kunstgestrüpp: Diesmal ein rosa Jubilar mit Honecker-Hütchen, ein armes Menschenkind Elisabeth, eine taffe Alki-Queen aus Proll-Amerika…

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Einerseits passt es ja nicht ins Staatstheater: Diese Vergötterung männlicher Hintern, diese notorische Feier des Analverkehrs, diese unermüdliche Fixierung auf Penisse. Anderseits ist es menschlich. „Und alles Menschliche gehört unbedingt ins Theater“, sagt Rosa von Praunheim. Also auch die Show zu dessen 75. Geburtstag, die sich ungeniert lustvoll nicht nur um Rosas Sexualität dreht, sondern genau so heftig ums Politische.
Denn Praunheim versteht sich als Aktivist und Aufklärer; sein Schlachtruf: Das Private ist immer auch politisch. Schon sein erster Film (von mehr als 70) „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“ (1971) war ein Politikum. Ein Fanal zum Aufbruch, die Mauern aus Diskriminierung und Kriminalisierung endlich einzureißen.
Doch Praunheim, eine Gründungsfigur der Schwulenbewegung, hatte nicht bloß Libertinage im Fokus, schwang nicht allein die Streitaxt. Er sang immer auch das betörende Hohelied der Liebe, erzählte eindringlich von der Sehnsucht nach dem Glücklichsein – wie auch von des Lebens Leid und Schmerz. Also von lauter bühnentauglichen Sachen.
Deshalb in den Kammerspielen des Deutschen Theaters Berlin ein von ihm selbst gebasteltes Geburtstagsprogramm. Eine Revue aus Liedern unter dem Titel „Jeder Idiot hat eine Oma, nur ich nicht“. Der Titel umspielt Rosas im Düstern liegende Herkunft: Er kam 1943 in einem Rigaer Gefängnis zur Welt, doch seine Mutter gab ihn sofort weg. Also keine Oma, kein Opa, kein Papa. Aber eine wunderbare Ziehmutter, die liebevoll süffisant gesteht: „Ich habe zwei Weltkriege erlebt; Holger war der dritte.“
Holger nahm sich nach überstandener Pubertät die damals noch stigmatisierende Farbe Rosa zum Vornamen; Praunheim ist ein Vorort von Frankfurt/Main, wo er aufwuchs als ein verträumtes, rebellisches Kind. Ein Doppelt, das ihn lebenslang prägt. Das Aufrührerische, das Mutige machte ihn berühmt und berüchtigt, aber auch zum Avantgardisten sonderlich im Kino (immerhin brachte er es zum Professor einer Filmhochschule). Doch spielt auch hier immerzu sein sentimental-romantisches Wesen mit; sein unerschütterlicher Glaube an das Gute und Schöne. „Das Glück wird siegen in allen Kriegen.“ Rosa ist Propagandist und Poet – zuweilen bis hin zur Rührseligkeit, zum Kitsch. Eigentlich blieb er ein grandioser Dilettant.
Das Grandiose wäre: Mit nüchterner Klarsicht, Herzenswärme und Sinn fürs Aberwitzige allen Daseins stürzt jede seiner Produktionen vom höchst Befremdlichen ins Stinknormale. Er parodiert völlig frei von Scham das Verklemmte wie Exhibitionistische, das Biedermeierliche wie Affengeile und lästert sich in einem Atemzug rauf ins Philosophische und wieder runter ins Plappern. Er bezaubert, verstört, ist pathetisch und herzig. Kleine Kostprobe: „Der Zukunft werden wir trotzen, auch wenn wir danach kotzen.“ So etwa.
Und so ist auch seine kindlich-kindische, herrlich verrückte 75er Revue im Theater; Regie/Text von Rosa selbst, diesem Politnik, dieser Blödelkönigin mit dem bunten, albernen Honecker-Hütchen. Da wird mit Liedern, den frechen Klassikern wie „Kleiner Penis“, „Sex After Death“ oder „Analverkehr“ („die Prostata singt und tanzt“), wird mit Schnipseln aus kultigen TV-Sendungen (Lotti Huber, Inge Meysel) und mit Sketchen das nicht nur schillernd Biographische aufgeblättert. Und darin Allgemeines aufgepickt. Im Quatsch blitzt der Ernst; in der Travestie das Pathos, im Kichern tropfen echte Tränen – über zerbrochenes Glück, verlorene Freunde, über Aids-Tote. Und über die vielen Verfolgten – von den Nazis damals und denen von heute.
Meine Frechheit: Jetzt erst die beiden Show-Boys in den Himmel zu jubeln. Zuerst das sensationelle neue DT-Ensemblemitglied Bozidar Kocevski. Was für ein Komödiant! Was für ein sexy Bursche! Was für ein durchtriebener Schalk und tieftrauriger Mann. Eine clowneske Rampensau und glamouröse Trash-Queen. Ein Hamlet und ein Baal. Ein viriler Verführer und verlassen Verführter. Ein Verzauberer, Liebender, Wütender. Und fein trällern kann er auch. Dazu Heinar Bomhard am Klavier. Oder mit Akkordeon, Ukuele, sonstwas und mit spitzen Kommentaren. Doch das Schlusswort gehört selbstredend dem Jubilar. Er fragt da schlitzohrig: „Warum wird einer Genie, ein anderer aber kratzt sich bloß am Knie?“ – Tja, das ewige Warum.

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Da steht eine weit draußen in der Kälte, ohne Arbeit, ohne Geld. „Aber man möchte doch nicht immer so weiter“, sagt sie, die Elisabeth. Und zupft sich hübsch zurecht, wirft den Kopf in den Nacken und will endlich tapfer das Leben packen. Will eine Arbeit, wenigstens ein bisschen Geld, womöglich gar ein kleines Glück. Das ist doch von einer schönen, aufrichtigen, herzenswarmen jungen Frau nicht zu viel verlangt vom Leben. Selbst jetzt nicht, in den schweren Zeiten Anfang der 1930er Jahre, wo in Deutschland die Rezession wütet.
Irrtum. Alles geht schief, alle Anstrengungen, ihr Dasein in den Griff zu kriegen, enden im Unglück: Zufälliges Pech, dumme Umstände, boshafte, gleichgültige Mitmenschen, kaltherzige Bürokratie, eine lächerliche Ordnungswidrigkeit und gnadenlose Strafjustiz umstellen Elisabeth wie ein dunkles Dickicht. Aus dem sie nicht herausfindet. In dem sie –ohne Glaube, ohne Liebe und Hoffnung – erstickt.
Ödon von Horváth schrieb „Glaube, Liebe, Hoffnung“ 1932 in Berlin, die für 1933 geplante Uraufführung am Deutschen Theater verhinderten die Nazis. Denn das drastisch plakative Vergeblichkeitsstück protokolliert die erbarmungslose Zerstörung eines Menschen durch grausam-groteske Zwänge des gesellschaftlichen Lebens, des Sozialen, des Moralischen. Glaube, Liebe, Hoffnung, diese drei, bedeuten schließlich Elisabeth nichts mehr. Sie bringt sich um.
Regisseur Hakan Savas Mican inszeniert im Berliner Gorki-Theater das Jammertal der Elisabeth stichwortartig nüchtern mit dem Haus-Star Sesede Terziyan, das sie, hin und her gerissen von Erschrecken und Erstaunen, in einer leisen Art Stärke, einer feinen Art Würde – „den Kopf nicht hängen lassen“ – bis zum schlimmen Ende geradezu durchschreitet. Umstellt von den bigotten Chargen, die Elisabeth eiskalt in die Ausweglosigkeit treiben.
Doch da gibt es den wunderbaren Sänger mit dem Akkordeon Daniel Kahns (einem, wie es heißt, Post-Punk-Klezmer-Musiker), der Elisabeths Leidensweg behutsam begleitet. Er trägt und prägt den Sound des Abends, der aus Horváths „Kleinem Totentanz“ eine wehe Ballade macht; gallig sarkastisch, schwer melancholisch auch. Und ergreifend pathetisch. Großartig die beiden. Auch, wenn sie gelegentlich bittersüß zusammen träumen von der Liebe oder zumindest von einer Hoffnung im furchterregend-schwarz-expressionistisch aufgetürmten Häuser-Labyrinth eines George-Grosz-Berlins (Bühne: Sylvia Rieger).
Tief beeindruckend, diese so distanziert angefasste, aber gerade dadurch so packende Horváth-Übertragung in einen poetischen Gesang. Die Musik letztlich als ein Tröstliches – trotzallem. Also doch – Liebe; trotz allem. Der zärtliche, an bildhaft-erzählerischer Fantasie beglückend reiche Regisseur Hakan Savas Mican mit seinem feinen Sinn fürs von Gefühligkeit befreite Anrührende betört – diesmal so schön wie erschauernd: Mit seiner Ballade vom armen Menschenkind.

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Um es gleich zu sagen: Berlin hat eine Theatersensation! Es braucht dafür bloß sechzig Minuten, eine Hintergrund-Tapete in Weiß, einen großen Text, eine große Schauspielerin. Die unglaubliche, das perplexe Publikum vom Hocker reißende Show ereignet sich im Kleinen Haus (Studio) des Berliner Ensembles: Es ist das von Intendant Oliver Reese aufreizend cool inszenierte Monologstück des Brooker-Preisträgers Roddy Doyle „Die Frau, die gegen Türen rannte“ mit Bettina Hoppe!
Um was es in dieser unglaublich intensiven Theaterstunde geht, hört sich zunächst nicht sexy an: Eine Frau aus der US-Unterschicht, gedemütigt, missbraucht womöglich schon vom Vater, dann von Liebhabern, vom Ehemann; hat vier Kinder, keinen Beruf, ist Putze, Alkoholikerin. Doch dieses ungeniert geile, aber auch erstaunlich dünnhäutige Kraftpaket mit Blondlocken-Wuschelkopp und Jeans-Minirock versucht, trotz widrigster Ausgangslage, ihr marodes Leben noch einigermaßen fest zu packen. Wacklige Aufbrüche wechseln mit Vergeblichkeiten, den Schmutz ab- und wegzuwischen. Schließlich rutscht ihr das dreckige Leben so gut wie völlig aus den eigentlich handfesten Fingern.
Roddy Doyles grandios ätzender Text schießt los wie ein auf Dauerfeuer eingestelltes Maschinengewehr. Sarkasmus, Lakonie, Zynismus kompakt. Unvergleichlich. Herzblut spritzt uns gezielt ins Hirn. Ein hin gespuckter Halbsatz allein schon umreißt komplexe seelische, soziale und auch noch gesellschaftliche Zustände. Missstände. Was für ein dichtes dramatisches Sprachkunstwerk.
Und was für eine Schauspielerin! Allein für diesen konzentrierten Alkoholerin-Report, diesen Trotzdem-Überlebenskampf gebührte Hoppe der Titel „Schauspielerin des Jahres“. Eine signifikante Kunstleistung: Diese sensibel balancierte Raserei durchs innere und äußere Leben einer insgeheim unentwegt blutenden, wehen, wunden, verstörten Frau mit immer wieder aufschreckend hellwachen Momenten; einer grandiosen, einer fast kaputten Frau, die – was für ein Menschenwunder – vor irrer Daseinslust immer wieder wie mit letzter Puste die Backen, Brüste, Herzkammer bläst. Weil: Da glimmt, da funzelt oder lodert (ganz kurz) noch ihre Sehnsucht nach wenigstens einem Minimum oder – im Zustand der Euphorie – nach einem Riesenquantum an Daseinsschönheit und Liebesglück. Die Hoppe lässt das immer und immer wieder hinreißend aufblitzen. Diese Blitze geben eine Ahnung vom Geheimnis ihrer Figur, ihrem von Gott oder wem auch immer gegebenen Kraftzentrum. Ob es unerschöpflich ist? Die Frage bleibt offen; gut so.
Ansonsten steckt dieses prollige, an schwer verkümmerten Gaben zum Glücklichsein so reiche Ungetüm mit dem (grausam) klaren Verstand ihre Not, Wut, Verzweiflung nicht verklemmt weg, sondern rotzig-trotzig aus. Und durchsetzt es zugleich wie nebenher mit Gesten der Anklage gegen den Himmel, das Publikum, gegen sich selbst. Eine Art Hiob im Plastikbeutelformat. Die Pulle fest im Griff. Gegen die Schmerzen. Man geniert sich bisschen für die Seelenstrips, die Abstürze, den Suff, den man kaltschnäuzig abstreitet wie alle Alkis. Ach, diese unendlichen Ambivalenzen… Deshalb – Entspannung, Leute! – fix auf die Schnelle noch ’ne Runde enthemmt torkeln zu rockigen Hits der Popmusik unterm Geflacker grellbunter Scheinwerfer.