29. Jahrgang | Nummer 18 | 26. Oktober 2026

„Kunst auf Kommando?“
– oder: ein Einblick in die Kunstsammlung der NVA

von Joachim Lange

Wenn das Militärhistorische Museum Dresden eine Sonderausstellung mit „Kunst auf Kommando? Werke zur Nationalen Volksarmee der DDR“ überschreibt, dann ist man auf einiges gefasst. Bei der NVA, dieser besonders staatstragenden Institution des untergegangenen Landes, assoziiert man ja nicht unbedingt als erstes eine Sammlung von angekaufter oder in Auftrag gegebener Kunst. Und wenn doch, dann eher Exemplare aus der Abteilung Propaganda, so nach dem Motto „Für Frieden und Sozialismus – immer bereit!“.

Und tatsächlich gibt es in der gut strukturierten Schau und im Außenbereich vor dem Museum durchaus ein paar Prachtexemplare, die das Klischee bestätigen. Etwa den Armeegeneral und Verteidigungsminister Heinz Hoffmann in Bronze. Da beantwortet sich die Frage Kunst oder Materialverschwendung? von selbst. Auch das großformatige Triptychon von Harry Blume aus dem Jahre 1976 sieht so aus, wie der Titel „Kraftquell aller Erfolge ist die führende Rolle der Partei“ befürchten lässt: In der Mitte ein Paar vor der roten Fahne auf dem Weg in die Zukunft, rechts davon die konzentriert blickenden Profile eines Arbeiters und eines Soldaten und links zwei gelbe Blumen. Der Künstler hat hier wohl auf die Leinwand gebannt, was den Auftraggebern zu unterstellen auf der Hand lag.

Doch diese Beispiele sind die Ausnahme. Man sollte das Fragezeichen hinter dem Titel der Ausstellung nicht übersehen. Die ist nämlich keineswegs ein Beleg dafür, wie sich die Bundeswehr (man fühlt sich in dem Museum beinahe wie auf einem Militärgelände) über ihren einstigen Gegenpart erhebt und noch mal „gewinnt“.

Die gezeigten etwa 200 Gemälde, Grafiken und Plastiken von rund 100 Künstlern stammen aus dem Nachlass der NVA, die eine ansehnliche Kunstsammlung von immerhin 650 Gemälden, 550 Plastiken und rund 5200 Grafiken, Zeichnungen und Aquarelle als Erbmasse ins Eigentum der Bundeswehr einbrachte.

In der DDR waren also nicht nur die Wismut, die Einheitsgewerkschaft FDGB oder die großen Kombinate, sondern auch die NVA Sammler und Auftraggeber von bildender Kunst. War das im Falle der Armee Softpower zur Selbstvergewisserung und Soldatenerziehung? Auch. Immerhin hieß das Ziel damals nicht „Kriegstüchtigkeit“.

Die Kunstwerke, die jetzt in Dresden zu sehen sind, stehen nicht nur für das inhaltliche Anliegen. Sie sind in vielen Fällen auch ein Beleg für das Ringen der Künstler mit dem Gegenstand und nicht zuletzt mit den Auftraggebern, respektive den Rahmenbedingungen für Kunst in der DDR ganz generell. Das heißt auch, dass sie oft einen Subtext der Entstehung und ihrer Botschaft mitliefern.

Vor allem der Kuratorin Katja Protte muss man das Kompliment machen, dass sie sich mit der Auswahl der Exponate und bei den differenzierten Erläuterungstexten mit Erfolg darum bemüht hat, genau auch das zu belegen!

Horst Sakulowskis „Die Verantwortung“ (1984) setzt gleich am Eingang der Sonderschau den Ton. Man sieht nur den nackten Rücken des Mannes, der sich abwendet. Vielleicht ja nicht nur vom Betrachter, es könnte auch die Grenze sein, an der er steht. Eins der Bilder, die Diskussionen auslösten, es aber trotzdem in die turnusmäßigen Kunstausstellung der DDR nach Dresden schafften.

Subtiles gab es freilich auch schon in den 60er Jahren. Bei Horst Schlosser, der 1960 einen Panzerkommandanten „Nach der Fahrschule“ porträtierte, wurde offiziell, trotz Uniform und Panzern im Hintergrund, das Fehlen von Optimismus und Siegeszuversicht kritisiert.

Natürlich sind in der Dresdener Exposition auch die großen Namen der DDR-Malerei vertreten.

Darunter Willi Sitte mit seinem, das Grauen des Krieges in den Mittelpunkt stellenden „Untergang der Napoleonischen Armee in der Völkerschlacht bei Leipzig 1813“ aus dem Jahre 1956.

Von Werner Tübke ist das Großformat „Nationalkomitee Freies Deutschland (NKFD)“ von 1970 zu sehen, das er für die Neueröffnung des Armeemuseums in Dresden angefertigt hatte. Auftragsgemäß platzierte er Walter Ulbricht als Agitator im Zentrum einer Gruppe von Kriegsgefangenen. Dass ihn sein weißer Pelzmantel deutlich heraushebt, darf man wohl als Ironie dieses Großmeisters des Manierismus sehen. Die Pointe ist, dass das Bild 1972 an seinen Standort kam, als Ulbricht schon entmachtet war und Tübke seine inzwischen erreichte Stellung für ein trotziges, jetzt bleibt er, nutzte.

Etwas verblüfft schaut man auf raffinierte Art, wie Arno Rink in seiner großformatigen Diplomarbeit „Das Lied vom Oktober“ 1967 mit dem damaligen Leninkult umgeht und den malerisch unterläuft.

Bernhard Heisig ist eine Klasse für sich und einer der Meister im Verarbeiten seiner Kriegserfahrungen. Das zeigen sowohl „Die erste Bürgerpflicht“ von 1977, wie auch die beiden kleineren Formate, die es zu einem Triptychon ergänzen.

Auch Werner Petzold ist mit einem propagandistischen Großformat vertreten – „Waffenbrüderschaft“ 1968/69. Interessant zu wissen wäre, was mit dem Bild nach Petzolds Flucht in den Westen 1983 passierte.

Ihren Reiz hat die Ausstellung auch mit (Wieder-)Entdeckungen, die sie bietet. Etwa mit Johannes Hanskys „Auf Posten“ und den Mattheuers Stilistik zitierenden „Blumen für die an der Staatsgrenze ermordeten Genossen“ von 1980. Oder aber mit Brigida Böttchers „Kleines Gohliser Paradies“ (1983). Oder mit Wilfried Falkenthals „Mein Freund Ulli“ (1980): Oben ohne, mit spöttischem Lächeln, Schere fürs Bandmaß im leeren Spind und die Digitalarmbanduhr an der Hand. Da weiß einer, dass es heimwärts geht.

Dass die Spielmänner von Hans Ticha (1980), die es erst nach 1989 an die Öffentlichkeit schafften, jetzt Katalog und Plakat zieren, hat was von ausgleichender Gerechtigkeit.

An ungewöhnlichem Ort ist diese gut gemachte Ausstellung zugleich eine historischen Lehrstunde.

 

„Kunst auf Kommando? Werke zur Nationalen Volksarmee der DDR“, Militärhistorisches Museum der Bundeswehr, Olbrichtplatz 2, 01099 Dresden; bis 31. August 2027; täglich (außer Mi) 10:00-18:00 Uhr, Mo 10:00-21:00 Uhr. Katalog: Gerhard Bauer, Katja Protte, Rudolf J. Schlaffer (Hrsg.): Kunst auf Kommando?. Werke zur Nationalen Volksarmee der DDR, Sandstein Kultur, Dresden 2026, 384 Seiten, 48,00 Euro; in der Schau 38,00 Euro).