Alice Schwarzer, Gründerin und Herausgeberin von Emma – Sie gehören seit fünf Jahrzehnten zu den prägendsten und zugleich umstrittensten Stimmen des Feminismus in der BRD und im vereinigten Deutschland. Am 26. Januar 1977 hoben Sie das Frauenmagazin Emma aus der Taufe. Die Frankfurter Rundschau hämte seinerzeit: „Wenn bei Emma ein männliches Wesen an die Redaktionstür klopft, erscheint Alice Schwarzer mit dem Flammenschwert und verwehrt die Schreibe im Frauenparadies.“ Dergleichen focht Sie nie an. Immer wieder brachten Sie zuvor weitgehend tabuisierte Themen ins öffentliche Bewusstsein: Gewalt gegen Frauen, § 218 und Selbstbestimmung über den eigenen Körper, Pornografie und Prostitution, Genitalverstümmelung, Brustkrebs …
2023 gehörten Sie zu den Erstunterzeichnern einer Petition „Manifest für den Frieden“, in der mit Blick auf den Ukraine-Krieg gefordert wurde, die Eskalation der Waffenlieferungen zu stoppen; verlangt wurden zugleich ein Waffenstillstand und Friedensverhandlungen. Die Petition lief auf Change.org und wurde von mehr als 700.000 Menschen unterzeichnet.
Nach demnächst 398 Emma-Ausgaben soll nun im kommenden Dezember Schluss sein, wie Sie jetzt angekündigt haben: „Emma hat über drei Feministinnen-Generationen die Stellung gehalten, hat allen Moden widerstanden und gegen so manchen Unsinn im Namen des Feminismus Stellung bezogen. Also gestattet: Jetzt sind wir ermattet.“
Vor dieser Lebensleistung ziehen wir den Hut.
Friedrich Merz (CDU), (immer noch) Bundeskanzler – Sternstunden in Ihrem Amtsbetrieb definieren sich ja (zunehmend?) nicht zuletzt dadurch, dass Sie dummes Zeug reden und dass Sie selbst sich dessen nicht gewahr werden. Auch wohlwollend oder loyalitätsträge staatstragende Medien können das längst nicht mehr ignorieren.
Am 13. Oktober 2026 war es wieder mal soweit. Auf dem Arbeitgebertag der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) dichteten Sie der von Ihrem Kabinett favorisierten sogenannten kapitalgedeckten Rente an: „Das Rentenniveau, das Niveau der Alterssicherung, wird steigen, und die Beiträge werden sinken [Hervorhebung – die Redaktion].“ Bei gleicher Gelegenheit, vulgo quasi im selben Atemzug, teilten Sie mit: „Es wird für diesen Umbau notwendigerweise vorübergehend zu höheren Beiträgen [Hervorhebung – die Redaktion] kommen, die von Arbeitgebern und Arbeitnehmern zu tragen sind.“
The Pioneer entdeckte das Haar in der Suppe: „Fakt ist, dass die Beiträge, um den Einstieg in die kapitalgedeckte Rente bewerkstelligen zu können, um 2 Prozentpunkte steigen werden. Das hat die Merz-Regierung gerade beschlossen. Es gibt keine einzige Prognose, die von einem Rückgang der Beiträge ausgeht – zumindest nicht in den nächsten 25 Jahren.“
Da ist Ihnen womöglich ein Trost, dass Ihre Parteifreundin und Bundestagspräsidentin Julia Klöckner Schwätzer wie Sie via Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung gerade exkulpiert hat: „In einer Demokratie darf man auch dummes Zeug reden.“ Mit einer Einschränkung: „[…] das kann durchaus Zumutung sein.“
Dieter Dehm, früherer Linken-Politiker und -Bundestagsabgeordneter – Im Jahre 2017 hatte Björn Höcke, das unappetitlichste Gesicht der AfD und dessen Landesvorsitzender in Thüringen, offensichtlich mit Blick auf das Berliner Holocaust-Denkmal bei einer Ansprache in Dresden gesagt: „Wir Deutschen, also unser Volk, sind das einzige Volk der Welt, das sich ein Denkmal der Schande in das Herz seiner Hauptstadt gepflanzt hat.“ Damals stellten Sie Strafanzeige gegen Höcke – wegen Volksverhetzung.
Inzwischen zählen Sie denselben Höcke laut Wikipedia zu Ihren „guten Bekannten“. Mindestens indirekt dafür sollen Sie nun 9000,00 Euro berappen. Denn, wie erst jetzt bekannt wurde: Das Berliner Amtsgericht Tiergarten hat bereits im Juni 2026 einen Strafbefehl in Höhe von 60 Tagessätzen à 150,00 Euro gegen Sie erlassen. Wegen Verwendung der SA-Parole „Alles für Deutschland“. Wofür Höcke bekanntlich schon zwiefach verurteilt wurde. (Gegen Ihren Strafbefehl haben Sie Einspruch eingelegt; der Befehl ist bisher nicht rechtskräftig.)
Das Ganze kam Medienberichten zufolge so: In einem gemeinsamen Interview mit Höcke im Herbst 2025 für einen Thüringer Regionalsender solidarisierten Sie sich mit diesem. Also nicht mit dem Sender, sondern mit Höcke, indem Sie den SA-Spruch selbst wiederholten. Danach sollen Sie den Strafbehörden noch ein ermunterndes „Sollen die mal kommen!“ mit auf den Weg gegeben haben. Das ließen die sich natürlich nicht zweimal sagen.
Solidarität ist im Übrigen auch uns ganz gewiss ein hohes Gut. In Ihrem Falle allerdings fragen wir uns schon: Was mag der Mann da bloß geraucht haben?
Die neue Weltbühne, erschien von 1933 bis 1939 im Exil, erst in Prag, dann in Paris – In der Ausgabe 51/1933 machte die Rubrik Antworten folgendermaßen auf: „Abgebauten Angestellten in Deutschland bleibt immerhin das Ärgste erspart: der Verdacht, daß ihr Führer damit etwas zu schaffen hat. Denn wie der ‚Völkische Beobachter‘ eben mitteilt, dürfen Kündigungsbriefe in Hinkunft nicht mehr mit dem deutschen Gruß ‚Heil Hitler!‘ schließen. Der ist zwar – was ihn bekanntlich von demokratischen Staatsmännern so vorteilhaft unterscheidet – für alles verantwortlich, aber andrerseits beginnt er bescheiden zu werden; gelegentlich soll man ihn aus dem Spiel lassen, nämlich bei jenen Gelegenheiten, wo dieses Spiel bezahlt werden muß.“
Inzwischen hat der Kapitalismus so manche kosmetische Wandlung durchgemacht. Man darf daher gespannt sein, welcher Gruß den 50.000 VW-Beschäftigten angeboten werden wird, die der Konzern allein in Deutschland in den nächsten Jahren abbauen will.
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