Der NATO wurde am 1. Oktober 2026 im historischen Rathaus zu Münster der „Internationale Preis des Westfälischen Friedens“ verliehen. Nun ist das kein altehrwürdiger Preis. Gestiftet wurde er 1998, zum 350. Jubiläum des Westfälischen Friedens, der 1648 den Dreißigjährigen Krieg beendete. Mit einem Preisgeld von 100.000 Euro gilt er als höchstdotierter Friedenspreis in Deutschland. Vergeben wird er von der dort beheimateten Wirtschaft, der Wirtschaftlichen Gesellschaft für Westfalen und Lippe e.V. (WWL). Sie verleiht den Preis alle zwei Jahre und will damit besonderes Engagement für nachhaltigen Frieden und internationale Verständigung auszeichnen. Er geht je zur Hälfte an zwei Preisträger, einerseits an Persönlichkeiten oder Repräsentanten von Staaten und Gruppen, die sich nach Ansicht des Vereins „für den Zusammenhalt Europas“ eingesetzt haben. Das soll 2026 die NATO gewesen sein. Andererseits an Jugendliche und Jugendorganisationen, die durch ihr Handeln zum Frieden in der Welt beitragen. Das war jetzt Sociomovens, eine kirchennahe katholische Jugendorganisation, die vor allem in Mittel- und Osteuropa tätig ist.
Die Auswahl traf eine politische Jury, die prominent besetzt war. Dazu gehörten Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (SPD), Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU), die Ministerpräsidenten von Nordrhein-Westfalen, Hendrik Wüst (CDU), und Baden-Württemberg, Cem Özdemir (Grüne), sowie der einstige Außenminister und SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel, der jetzt der „Atlantik-Brücke“ vorsteht. Die ist im Grunde eine Vorfeldorganisation der NATO. So lag es nahe, diese Militärorganisation mit einem Friedenspreis zu adeln, um der deutschen Kriegstüchtigkeit ideologisch Aufschwung zu geben. In der verbliebenen Friedensbewegung wurde aufgestöhnt, das sei eine „absurde Friedenspreisverleihung“. Es hat aber niemand die politikpraktische Frage gestellt, ob Merz sich das bestellt hatte, um eine richtungsweisende Rede auf dem Kriegspfad zu halten.
Aufschlussreich ist, wer den Vorstand der WWL bildet. Dazu gehören die Präsidentin des Sparkassenverbandes Westfalen-Lippe aus Münster, der Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Nord-Westfalen und der Direktor des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe, beide ebenfalls Münster. Das klingt naheliegend. Interessanter sind andere. So Vorstandsmitglied Franz-Peter Falke, Geschäftsführer der Firma Falke – ein Textilunternehmen aus dem Sauerland, das 1895 gegründet wurde und noch immer in Familienbesitz ist. Produziert werden vor allem Strumpfwaren, aber auch Sportbekleidung und Herrenmode. Der Jahresumsatz liegt bei 285 Millionen Euro. Auf der Webseite der Firma wird angepriesen, dass sie nicht nur Stiefel-Socken für die Bundeswehr produziert, sondern auch Militär-Unterwäsche und Pullover mit Flaggen, für Heer, Kommando Spezialkräfte (KSK) und Marine. Eine wachsende Bundeswehr braucht auch mehr Socken.
Vorstandsmitglied des WWL ist ebenfalls Jörg-Uwe Goldbeck, geschäftsführender Gesellschafter des gleichnamigen familiengeführten Bielefelder Bauunternehmens. Goldbeck hat einen Jahresumsatz von 6,3 Milliarden Euro und gilt als das drittgrößte Bauunternehmen in Deutschland, nach Hochtief und Strabag. Es ist spezialisiert auf serielles, systematisiertes Bauen. Dabei werden Fertigteile industriell vorproduziert und am Ort zu Logistikhallen, Parkhäusern und zunehmend auch Wohngebäuden oder Schulen montiert. Am größten Stützpunkt der deutschen Marine in Wilhelmshaven realisiert Goldbeck elf neue Unterkunftsgebäude für Soldaten. Das Richtfest für das erste Gebäude am 10. Februar 2026 wurde als wichtiger Meilenstein für die Erweiterung des Marinestützpunktes an der Nordseeküste betont. Zuvor realisierte Goldbeck im Auftrag von Rheinmetall eine Produktions- und Montagehalle in Weeze (Kreis Kleve, NRW) für Rumpfmittelteile der F-35-Kampfjets.
Die aktive Truppe der Bundeswehr soll von 183.000 auf 260.000 Soldaten vergrößert werden. Außerdem soll eine Reserve von 200.000 Personen aufgebaut werden. Um den steigenden Raumbedarf der Bundeswehr möglichst rasch zu decken, plant das Bundesverteidigungsministerium, insgesamt 270 Kompaniegebäude in Modulbauweise auf bestehenden Liegenschaften der Bundeswehr zu errichten. Das Gesamtvolumen soll rund 3,5 Milliarden Euro betragen. Da will Goldbeck ganz vorn dabei sein. Je größer die Kriegstüchtigkeit, desto mehr Bauaufträge.
Vorsitzender des WWL ist Reinhard Zinkann, Miteigentümer des Gütersloher Hausgeräteherstellers Miele. Das Unternehmen ist seit 1899 in Familienbesitz und hat einen Jahresumsatz von 5,2 Milliarden Euro. Miele hat absichtlich keine Rüstungsproduktion und wartet vertragsgemäß nur zivile Miele-Geräte, die in Einrichtungen der Bundeswehr stehen. Zinkann ist jedoch Initiator des Preises. Er verteidigte die Preisverleihung und betonte die Rolle der NATO, Abschreckung sei zur Erhaltung des Friedens notwendig.
Den Preis nahm in Osnabrück NATO-Generalsekretär Mark Rutte entgegen. Er dankte für die Auszeichnung. Die Laudatio hielt Kanzler Merz. Er lobte Ruttes Eifer, die NATO „in fordernder Zeit“ zusammenzuhalten. Dass dieser Preis an das Militärbündnis geht, bedürfe der Erläuterung, gestand Merz. Die Gründung der NATO stehe in der Tradition des Westfälischen Friedens. Sie bürge „für Sicherheit und Frieden im euroatlantischen Raum“. Heute jedoch seien „Frieden und Freiheit durch den gewalttätigen, expansiven Revisionismus Russlands bedroht“. Der Krieg in der Ukraine gehe „uns etwas an“, dort stehe „auch die Sicherheit Europas, unsere Sicherheit, auf dem Spiel“.
Merz hob hervor: „Russland respektiert vor allem Stärke.“ Diese Sprache verstehe man im Kreml. Dazu meinte der Kanzler: „Russland musste auf Polen hören, das sich in den Zwanzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts der russischen Expansion entgegenstellte. Es musste auf Finnland hören, das der Sowjetunion seine Freiheit abtrotzte.“ In diesem Sinne weitergedacht, wäre der Einmarsch der Wehrmacht in die Sowjetunion 1941 ebenfalls Teil eines Kampfes gegen russische Expansion gewesen. Das hat Merz so nicht gesagt. Aber das scheint das Gemeinte zu sein. So gesehen, wäre der erstrebte Sieg der Ukraine gegen Russland dem Grunde nach Rache für Stalingrad.
Schlagwörter: Bernhard Romeike, Friedrich Merz, Münster, NATO, Preis des Westfälischen Friedens



