Im Fernsehen lief kürzlich der vierteilige Dokumentarfilm „Countdown zur Diktatur“ über die Umstände der „Machtergreifung“ Hitlers und der NSDAP 1933, mit zeitgenössischen Filmsequenzen und Kommentierungen heutiger Historiker. Abgesehen von Hinweisen auf die Weltwirtschaftskrise 1929, hohe Arbeitslosigkeit und die Reparationszahlungen Deutschlands bewegt sich die Darstellung jedoch im politischen Raum. Es geht um die Rolle des Reichspräsidenten Hindenburg und die Notverordnungen, vor allem jedoch um das Agieren der bürgerlichen Parteien, die schließlich mit den Nazis kooperierten. Als sei die Abschaffung der Demokratie nur deshalb erfolgt. Die tatsächlichen Hintergründe blieben ausgespart.
Den Ersten Weltkrieg hatten die Deutschen verloren. In einem Ermattungskrieg, weil der rasche Bewegungskrieg, den sie geplant hatten, schon 1914 gescheitert war. Bestimmender Kopf der deutschen Kriegsführung war General Erich Ludendorff, Generalquartiermeister und Stellvertreter von Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg; zusammen bildeten sie die Oberste Heeresleitung (OHL). Seine Offensivpläne, im Frühjahr und Sommer 1918 mit letzter Kraft doch noch zum Bewegungskrieg überzugehen, schlugen fehl. Ludendorff wurde am 26. Oktober 1918 entlassen, Nachfolger wurde General Wilhelm Groener. Am 11. November 1918 unterzeichnete der Zentrumspolitiker Matthias Erzberger für die Reichsregierung in Compiègne den Waffenstillstand. Bereits am 9. November hatte in Berlin die Novemberrevolution gesiegt, der Kaiser wurde gestürzt und die Republik ausgerufen.
Nach der Niederlage 1918 kamen verschiedene Faktoren auf unselige Weise zusammen. Hindenburg und die OHL bestanden darauf, das deutsche Heer sei „im Felde unbesiegt“. Mit der „Dolchstoßlegende“ wurde die Verantwortung für die Niederlage der Arbeiterbewegung und den demokratischen Parteien zugeschoben, Rassismus und Antisemitismus ordneten diese Niederlage in eine gegen Deutschland gerichtete Weltverschwörung ein.
Konsequenz des Weltkrieges waren die Revolutionen im Osten Europas, zunächst in Russland, dann auch in Österreich-Ungarn und Deutschland. Da hier das Ende des Kapitalismus verkündet – und in Sowjetrussland in der Tat umgesetzt – wurde, gewannen Bolschewismus und Anti-Bolschewismus 1918 besondere Bedeutung. Darin stimmten Groener und Friedrich Ebert von der rechten Sozialdemokratie, der die Reichsregierung führte, überein. So diente die Rückführung der Feldtruppen, insbesondere nach Berlin, nicht nur der Bekundung, „im Felde unbesiegt“ zu sein, sondern auch der Stärkung der Gegenrevolution. Da die Einheiten des alten Heeres oft gleichfalls von der Idee der Revolution „angesteckt“ waren, wurden Ende 1918/Anfang 1919 weißgardistische Freiwilligenverbände („Freikorps“) formiert, die das blutige Geschäft der Niederschlagung der roten Formationen erledigten. Die ermordeten im Januar 1919 auch die Führer der deutschen Linken, Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht.
Im März 1919 sondierten Hindenburg und Groener bei den Westmächten, inwieweit auf der Grundlage des Antibolschewismus eine gemeinsame Front möglich sei, was auch territoriale Abtretungen an Polen ausschließen sollte. Die Alliierten sollten für das gemeinsame Handeln „auf ihren Gewaltfrieden verzichten“, so Groener, die besetzten deutschen Gebiete räumen, das deutsche Wirtschaftsleben unterstützen, damit Deutschland seine innere Krise überwinden könne, und den „Wiederaufbau unseres Heerwesens“ ermöglichen. Darauf ließen sich die Westmächte nicht ein. Der am 28. Juni 1919 in Versailles unterzeichnete Vertrag war ein Diktatfrieden. Die Siegermächte hatten ihn ausgearbeitet, Deutschland hatte ihn zu akzeptieren. Er schrieb eine alleinige Kriegsschuld Deutschlands fest und sah Abtretungen von Gebieten und Kolonien sowie umfangreiche Reparationszahlungen vor. Das führte in der Weimarer Republik zu nationaler Ablehnung, im Grunde von Monarchisten bis zu Kommunisten.
Zugleich enthielt der Vertrag Bestimmungen zum deutschen Militärwesen. Die Stärke des Heeres sollte 100.000 Mann nicht überschreiten, für die Marine galten strenge Begrenzungen, eine Luftwaffe war untersagt. „Der deutsche Große Generalstab und alle ähnlichen Behörden werden aufgelöst und dürfen in keinerlei Form wieder aufgestellt werden.“ Diese Bestimmungen wurden systematisch umgangen, es wurde Kurs auf den Revanchekrieg genommen.
Am 19./20. Mai 1919 betonte Groener in einem Vortrag vor OHL-Offizieren: „Man muss dem Ergebnis des verflossenen Krieges ins Auge sehen. Es ist die Niederlage, das Ausscheiden Deutschlands als europäische Großmacht, nachdem der unbewusste Versuch – ich sage ausdrücklich unbewusste Versuch –, mit England um die Weltherrschaft zu ringen, von vornherein gescheitert war. Wenn man um die Weltherrschaft kämpfen will, muss man dies von langer Hand her vorausschauend mit rücksichtsloser Konsequenz vorbereiten.“ Dazu nannte er auch innenpolitische Bedingungen: Die Millionen des deutschen Volkes sollten in einem Einheitsstaat zusammengefasst und modernisiert werden. „Die Einzelstaaten müssen verschwinden, sobald man dies auf gütigem oder gewalttätigem Wege durchsetzen kann.“ Und die Jugend müsse „die politischen Führer“ finden, „die, den Forderungen der neuen Zeit Rechnung tragend, die alte törichte deutsche Parteibildung beseitigen“.
Nach Unterzeichnung des Versailler Vertrages trat Hans von Seeckt sein Amt als „Nachlassverwalter der OHL“ an, die jetzt in Kolberg (heute in Polen) saß und „Kommandostelle Kolberg“ hieß, dann die Tarnbezeichnung „Truppenamt“ erhielt und später in das Reichswehrministerium überführt wurde. In dieser Gestalt überwinterte der Generalstab, bis er von Hitler wieder als solcher reaktiviert wurde.
Bereits in den 1920er Jahren wurden praktische Schritte zur Kriegsvorbereitung gegangen. Da die Reichswehr weder Panzer noch Kriegsflugzeuge besitzen durfte, wurden in einer geheimen Militärkooperation in den Tiefen der Sowjetunion eine Fliegerschule, eine Panzerschule und ein Kampfmitteltestgelände eingerichtet. Dort wurden die entsprechenden Waffensysteme entwickelt und getestet. Die Zusammenarbeit wurde nach dem Machtantritt Hitlers eingestellt. Aber zu diesem Zeitpunkt verfügten beide Seiten bereits über entsprechende Kenntnisse und Fähigkeiten – was seinen Ausdruck nach 1941 in den Analogien beim Einsatz dieser Waffensysteme fand.
Die Raketenentwicklung fand im Versailler Vertrag keine Berücksichtigung. Deshalb wurde auch sie in der Weimarer Republik und besonders im faschistischen Deutschland vorangetrieben. Durchbrüche gelangen 1942 mit der Flugbombe V1, dem Vorläufer der Flügelraketen, und dem Eintritt in den Weltraum mit der A4-Großrakete (Wernher von Braun, 1912–1977) am 3. Oktober 1942. Als V2-Rakete kam sie ab 1944 mit über 3000 Starts zum Kriegseinsatz.
Von Seeckt hatte 1923 eine kleine Gruppe jüngerer Offiziere beauftragt, Planungsdokumente für ein Heer von 2,8 bis 3 Millionen Soldaten auszuarbeiten, dessen Strukturen, Ausrüstung, Kommandostrukturen … Sie planten ein Heer in Stärke von 102 Divisionen. Verblüffend: Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges 1939 hatte das Heer genau diese Kriegsstärke.
Der Generalstab hatte den Revanchekrieg militärisch vorbereitet, kaum dass der erste Weltkrieg zu Ende war. Hitler, zunächst 1919 von der Reichswehr als Volksredner engagiert, schuf mit der NSDAP und dann dem NS-Staat die politischen Bedingungen für den Revanchekrieg, ganz in dem Sinne, wie Groener das 1919 beschrieben hatte: Die einzelstaatliche Gliederung wurde abgeschafft, Arbeiterparteien und Gewerkschaften wurden verboten, ihre Aktivisten umgebracht beziehungsweise in Lager gesperrt, die Rechte nach Weimarer Verfassung wurden aufgehoben, die Wehrmacht kriegsfähig gemacht, die Wirtschaft auf Kriegszwecke ausgerichtet und die rassistische Ideologie sollte geistige Grundlagen dafür schaffen. Die mental und materiell entwurzelten Männer, die aus dem Ersten Weltkrieg zurückgekommen waren, und die jüngeren, die das Fiasko des Reiches miterlebt hatten, boten die Grundlage dafür, dass die Nazis eine Massenbewegung in Deutschland werden konnten.
Das alles wurde im „Countdown zur Diktatur“ unterschlagen. Und auch etwas anderes wurde verschwiegen. Zu einer der ersten Veranstaltungen der „Deutschen Gesellschaft“ Anfang der 1990er Jahre wurden Offiziere der vier Siegermächte eingeladen, um mit ihnen über die Folgen der deutschen Vereinigung zu sprechen. Die Franzosen winkten ab, von Russlands Armee kamen Truppenoffiziere, die noch im Osten Deutschlands stationiert waren und nach dem Ende der Sowjetunion nicht viel sagen wollten, von den USA-Streitkräften nahmen ebenfalls junge Truppenoffiziere teil, die zu politischen Betrachtungen wenig beitrugen. Großbritannien dagegen schickte einen alten Oberst a.D., der noch in der britischen Besatzungsverwaltung gearbeitet hatte. Die Diskussion ging auch um den Aufstieg deutscher rechter Parteien, damals der „Republikaner“. Der Oberst beruhigte: Das deutsche Kapital wollte den Revanche-Krieg. Das hat sich 1945 erledigt, das deutsche Kapital ist nicht mehr eigenständig und wird heute von den USA kontrolliert.
Schlagwörter: Erhard Crome, Erster Weltkrieg, Geschichte, Machtergreifung, Revanchekrieg



